Öffnen Sie bitte den Kofferraum!" Peter Gross wusste, dass es aus war. Er stand mit seinem gelben Austin Mini am Berliner Sektorenübergang Bornholmer Straße. Im Kofferraum lag seine Verlobte Christa Feurich, eine Bürgerin der DDR. Es war der 1. Februar 1975. Bis zum 16. Mai 1978 sollte es dauern, bevor Peter Gross und Christa Feurich die Freiheit wiedererlangen würden. Ein Verräter war Gross und seiner Freundin zum Verhängnis geworden und ein Buchstabe: das "Y".Peter Gross war Schweizer Staatsangehöriger. Der 26-Jährige war 1973 gerade von einer Tätigkeit als Küchenchef aus den USA zurückgekehrt, als er eine Stellenanzeige in einer Fachzeitschrift las: Der Schweizer Botschafter in der DDR suchte einen Koch. Im Herbst 1973 trat Peter Gross die Stelle an und zog in die Residenz des Botschafters an der Pankower Kuckhoffstraße. Für sein Auto erhielt er ein rotes Kennzeichen, das ihn als Mitglied des technischen Personals einer Botschaft auswies und daher mit den Buchstaben "CY" begann. Das Nummernschild der Diplomaten führte ein "CD". In der Praxis war dieser Unterschied ohne Bedeutung. Sowohl die Wagen der Diplomaten als auch die ihrer Mitarbeiter ließ man an den Grenzübergangsstellen zwischen Ost- und West-Berlin ohne Kontrolle passieren. Rechtlich waren die beiden Kategorien jedoch nicht dasselbe. Die Diplomaten genossen Immunität und konnten nicht verhaftet werden. Für ihre Privatangestellten galt dieses Privileg nicht.Peter Gross lernte die Ost-Berlinerin Christa Feurich in einer Tanzbar kennen. Bald waren die beiden ein Paar. Wie die meisten DDR-Bürger wollte Christa Feurich gerne in den Westen reisen. Auch die junge Pharmazie-Ingenieurin wollte gerne einmal auf dem Kurfürstendamm spazieren gehen.Peter Gross erfüllte ihr diesen Wunsch. Er ließ sie in einer stillen Seitenstraße in den Kofferraum seines Minicoopers steigen und fuhr über den Ausländerübergang Checkpoint Charlie in den Westen. An der Grenze ging alles glatt. Gross zeigte seinen Ausweis, das Auto wurde nicht kontrolliert.Er brachte seine Freundin zum Kurfürstendamm und setzte sie dort ab. Während Christa Feurich ihre ersten Schritte auf West-Berlins Glamourmeile ging, fuhr Gross nochmal zurück, um eine andere Bekannte zu holen.Das junge Paar verbrachte ein Wochenende in West-Berlin. Am Sonntag fuhr er zurück nach Ost-Berlin, Christa Feurich wieder im Kofferraum. Die zweite Frau blieb in West-Berlin.Peter Gross hatte die Berliner Mauer überwunden. Diese Erkenntnis machte ihn euphorisch. In den nächsten Monaten überlegte er, mehrere Menschen aus Ost-Berlin auszuschleusen. Dabei ging es Gross nicht um Geld. Er wollte einfach die staatlich verordnete Unfreiheit der DDR nicht tatenlos hinnehmen.Der Staatssicherheitsdienst der DDR bekam Wind von diesen Aktionen. Am 28. November 1974 legte die Diensteinheit II/9 einen "Operativ-Vorgang Schleuse" an. Zur Begründung hieß es: "Einige Mitarbeiter der schweizerischen Botschaft in der DDR stehen im Ver-dacht, an der Ausschleusung von DDR-Bürgern beteiligt zu sein oder diese selbst durchzuführen." Als die beiden Informellen Stasi-Mitarbeiter Dieter und Peter ihrer Behörde Näheres über Gross berichteten, legte diese als "Maßnahme" fest: "Die Zielstellung der Bearbeitung des Gross bleibt ein Nachweis seiner Schleusertätigkeit auf frischer Tat." Peter Gross merkte nichts davon, dass der Staatssicherheitsdienst der DDR ein Auge auf ihn geworfen hatte. Er vermutete nicht, dass ihm seine Bekannten Dieter und Peter, die er bei einer Autopanne kennen gelernt hatte, übel mitspielen wollten.Aber die Falle war gestellt, als Christa Feurich am 1. Februar 1975 wieder in den Kofferraum stieg, um mit Peter Gross nach West-Berlin zu fahren. Diesmal sollte es für immer sein. Der Zeitvertrag von Peter Gross lief bald aus, das Paar wollte heiraten.An der Grenze war die Hochzeitsreise zu Ende. Peter Gross und Christa Feurich wurden festgenommen. Danach wurden die beiden Bauernopfer der großen Politik. In der Schweiz waren im September 1973 zwei DDR-Spione verhaftet worden. Der Schweizer Botschafter kabelte an die Zentrale in Bern, man müsse damit rechnen, dass die DDR einen Schweizer Staatsbürger wegen eines Delikts festnehmen und dieses dann so aufbauschen werde, dass man ein "Tauschobjekt" für die beiden Meisterspione hätte. Botschafter Miesch konnte nicht ahnen, dass sein eigener Koch die Rolle des Sündenbocks spielen müsste.Der Prozess gegen Gross wegen mehrfacher "Beihilfe zum vollendeten ungesetzlichen Grenzübertritt einer DDR-Bürgerin und versuchter Beihilfe zum ungesetzlichen Grenzübertritt" (so der Haftbefehl) wurde systematisch verzögert. Kaum waren die DDR-Spione in der Schweiz zu je sieben Jahren Haft verurteilt worden, schickte die DDR Peter Gross für fünf Jahre, seine Verlobte für viereinhalb Jahre nach Bautzen.Unmittelbar nach dem Urteil signalisierte die DDR der Schweiz, man sei bereit, Gross und Feurich gegen ihre beiden Agenten freizugeben. Aber die Schweiz spielte nicht mit. Sie weigerte sich, zwei Spione gegen Personen auszutauschen, die nichts anderes versucht hatten, als ihr Menschenrecht auf Freizügigkeit in Anspruch zu nehmen. So ehrenwert die Haltung sein mag, so nachteilig war sie für die Betroffenen. Peter Gross und Christa Feurich saßen im Stasi-Zuchthaus Bautzen II, wo sie sich während der ganzen Haftzeit nur einmal für eine halbe Stunde sehen durften. Zwei Begnadigungsgesuche des Vaters von Gross brachten genau so wenig Erfolg wie die Anträge des Anwaltes auf vorzeitige Entlassung. Erst drei Jahre später kam wieder Bewegung in den Fall. Die Schweiz erklärte sich nun, nachdem die bei ihnen inhaftierten Spione einen Teil ihrer Strafe abgesessen hatten, bereit, diese ziehen zu lassen. Am 11. Mai 1978 wurde dem DDR-Botschafter in Bern eine entspre-chende Mitteilung gemacht. Am nächsten Tag eröffnete das DDR-Außenministerium einem Vertreter der Schweizer Botschaft in Ost-Berlin, man werde Gross und seine Freundin in einigen Tagen freilassen und ihnen die Ausreise aus der DDR gestatten.Offiziell wurde jeder Zusammenhang zwischen den beiden vorzeitigen Freilassungen geleugnet. Aber der Schweizer Diplomat Paul Widmer, der in einem Buch über die Schweizer Gesandtschaft diesen Fall dokumentiert hat, lässt keinen Zweifel, wenn er über Gross schreibt: "Ohne den Spionagefall Wolf wäre er wohl, wie schon einige Schweizer vor ihm, nach der Ermittlung ohne viel Aufhebens in die Schweiz abgeschoben worden." Der Fall von Peter Gross und Christa Feurich war die Vorlage für einen erfolgreichen deutschen Kinofilm in den 80er Jahren: "Einmal Kudamm und zurück". Im Film hat der Koch in West-Berlin einen Unfall, bei dem die Freundin im Kofferraum verletzt wird. Sie geht zurück nach Ost-Berlin, er wird fristlos entlassen und kehrt heim in die Schweiz.Im richtigen Leben war der Fall komplizierter, hatte aber ein "Happy End". Ein halbes Jahr nach ihrer Freilassung haben Peter Gross und Christa Feurich geheiratet. Nun betreiben sie ein Restaurant in der Schweiz.Mehr als 20 Jahre sind seitdem vergangen. Dennoch gibt es Dinge, die das Paar bis heute nicht kalt lassen. "Vor allem", sagt Peter Gross, "ärgert uns, dass man die Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi, die uns das eingebrockt haben, nicht belangen kann." Peter und Christa Gross hatten Strafanzeige gegen die beiden Verräter gestellt, mussten sich jedoch vom Staatsanwalt beim Kammergericht belehren lassen, dass man den beiden Spitzeln strafrechtlich keinen Vorwurf machen könne. Schließlich hätten sie sich im Rahmen der Gesetze der DDR bewegt, und die seien zur Tatzeit maßgeblich gewesen. Daran ändere auch nichts, dass die Höhe des Strafmaßes wohl ein "schwerer, offensichtlicher Verstoß gegen die Menschenrechte" gewesen sei. Die Verräter hätten ja auf das Strafmaß keinen Einfluss gehabt und hätten mit einem "solchen exzessiven Vorgehen der DDR-Justizorgane" nicht rechnen müssen.So ganz ahnungslos waren die beiden allerdings nicht. Immerhin schrieb der Stasi-Oberleutnant Krauspe in einem Vermerk, der zwei Tage nach der Verhaftung erstellt wurde, die beiden Zuträger hätten sich "über das Ergebnis unserer bisherigen gemeinsamen Zusammenarbeit erfreut" gezeigt. Vielleicht erinnert sich IM Peter heute noch gelegentlich an seinen "Erfolg", wenn er seine Adresse angibt. Er wohnt im Berliner Umland in der "Züricher Straße".Ein Antrag auf Haftentschädigung, den Peter Gross noch an die DDR-Regierung unter Hans Modrow stellte, wurde abgelehnt. Aber auch über seine eigene Regierung hat Gross nicht schlecht gestaunt. Nur vier Wochen nach seiner Rückkehr in die Schweiz erhielt er von den Behörden eine Rechnung über 1 630,90 Schweizer Franken für "Mühewaltung". Jeder Haftbesuch eines Schweizer Diplomaten war ihm in Rechnung gestellt worden. Da sei, mutmaßt der Schweizer Gesandte Widmer in seinem Buch, "das Augenmaß für politische und humanitäre Gesichtspunkte wohl getrübt" gewesen.Peter Pragal, Eckart D. Stratenschulte:Der Monolog der Lautsprecherund andere Geschichten aus dem geteilten Berlin© 1999 dtvPeter Pragal ist politischer Korrespondent der "Berliner Zeitung". Er arbeitete zuvor als "Stern"-Korrespondent in Ost-Berlin.Eckart D. Stratenschulte ist Leiter der Europäischen Akademie in Berlin.CINETEXT Unter dem Titel "Einmal Kudamm und zurück" kam die Geschichte von Peter Gross und Christa Feurich 1983 mit den Darstellern Christian Kohl und Ursula Monn in die Kinos der Bundesrepublik der Schweizer Botschafts-Koch hatte seine Verlobte im Kofferraum in den Westen mitgenommen."Vor allem ärgert uns, dass man die Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi nicht belangen kann. " Peter Gross Fluchthelfer