Die Feiern zur Gründung des Südsudan sind vorbei, die Probleme des armen und konfliktbelasteten Landes weiterhin groß. In einem vom Auswärtigen Amt unterstützten Zeitungsprojekt arbeiten junge Journalisten aus Nord- und Südsudan zusammen. Roman Deckert von der Organisation MICT hat das Projekt initiiert. MICT unterstützt die Entwicklung demokratischer Medien in Krisenregionen.Herr Deckert, der Name The Niles klingt wie der einer hippen Popband. Dahinter verbirgt sich aber ein Zeitungsprojekt. Wie kam es dazu?Es war gar nicht so einfach, einen Namen zu finden, der dem Anliegen eines Gemeinschaftsprojektes von nord- und südsudanesischen Journalisten gerecht wird. Wenn man es Sudan Voices genannt hätte, dann wäre implizit der Nordsudan damit gemeint gewesen. Schließlich haben wir uns darauf verständigt, dass der Nil das verbindende Element zwischen beiden Ländern ist. Und den Plural haben wir benutzt, weil es den Blauen und den Weißen Nil eben nur im ehemaligen Sudan gibt.Was verbindet Sie persönlich mit dem Sudan?Ich bin jetzt seit fast 15 Jahren im Sudan unterwegs und habe dort während des Studiums ein Praktikum beim Goethe-Institut in Khartum gemacht. Mich hat damals die Abwegigkeit des Landes fasziniert, sowohl geografisch als auch kulturell und politisch. Als das Goethe-Institut in Khartum dann geschlossen wurde, bekam ich die Gelegenheit, über die Botschaft die Kulturarbeit fortzusetzen.Und was macht MICT dort?In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung haben wir vor einiger Zeit mit Blick auf eine demokratische Aufklärung eine sudanesische Version des Wahl-O-Maten gemacht. Das war sehr spannend, weil der Wahl-O-Mat ja ein genuin westliches Format ist. Für Samuel Huntington war der Sudan immer das Paradebeispiel des "Clash of Zivilizations". Unser Experiment kam erstaunlich gut an. Das Zeitungsprojekt haben wir dann vor gut zwei Jahren mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes im Rahmen von ziviler Krisenprävention begonnen. Dabei ging es darum, Journalisten aus Nord und Süd zu unterstützen.Wie haben Sie die Redaktion rekrutiert?Wir hatten bereits einige Kontakte. Darüber hinaus haben wir mit örtlichen Partnern gearbeitet. Innerhalb von zwei Jahren ist eine verschworene Gruppe entstanden.Die den Nord-Süd-Konflikt überwunden hat?Ja. Und es gibt ja nicht nur Differenzen zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen Nord und Nord und Süd und Süd. Wir konnten in den Workshops, die wir gemacht haben, geradezu beobachten, wie sich die Horizonte der Teilnehmer erweiterten. In der konkreten Zusammenarbeit wurde klar, wie künstlich konstruiert die politischen Konflikte sind.Was kann man denn nun in dem Heft lesen?Die Grundidee bestand darin, den Journalisten, aber auch den Lesern im Sudan zu zeigen, dass man neue Formate benutzen kann, um Themen zu bearbeiten. Die Presselandschaft ist nicht sonderlich gut ausgeprägt. Wir haben gleich zu Beginn des Heftes statistisches Material über den Sudan aufbereitet. Dann haben wir neben den Essays und Kommentaren eine Seite mit Fotoporträts von Nord- und Südsudanesen aus einem ganz tollen Archiv. Insbesondere haben wir sehr viel Wert auf die Aspekte der Versöhnung gelegt. Das Motto auf dem Titel ist ein altes sudanesisches Sprichwort, das lautet: Wer sich freut, wenn der Nachbar in Schwierigkeiten ist, ist ein Idiot. Ganz wichtig sind die Karten, die dem Heft beigefügt sind. Die beiden Länder lassen sich in Bezug auf die kulturellen, politischen und klimatischen Extreme nur mit einem Blick auf die Karte verstehen.Wie geht es weiter?Ursprünglich war es als einmaliges Produkt zur Staatsgründung des Südsudan geplant. Es ist ja das erste Mal, dass in Afrika koloniale Grenzen revidiert wurden. Wir waren dann sehr freudig überrascht, dass die Journalisten von sich aus gesagt haben: Wir müssen das unbedingt weitermachen. Diese Ausgabe dient nun als Pilot für eine mögliche Fortsetzung in Eigenregie.Und gibt es dafür auch die nötige finanzielle Unterstützung?Wir sind da recht zuversichtlich. Die beiden Sudane haben für Bundestag und Bundesregierung durchaus eine hohe Priorität in der Außenpolitik, gerade auch wegen des deutschen Sitzes im UN-Sicherheitsrat. Guido Westerwelle war kürzlich im Sudan, als zweiter Bundesaußenminister überhaupt und als erster im Südsudan. Und Krisenprävention wird wohl wieder deutlich mehr gefördert werden. Mit nachhaltigem Effekt, denn die Journalisten, mit denen wir arbeiten, sind sehr jung. Langfristig werden sie einmal den Ton angeben.Das Gespräch führte Harry Nutt.------------------------------Foto: Die beiden Titelseiten der Zeitung: eine in Englisch, die andere auf Arabisch.Foto: Roman Deckert