Dieses Bordell ist morbides Theater, eine Spelunke von Untoten. Eine pompejanische Situation, hat der Kunsthistoriker Werner Spies einmal geschrieben: die Akteure in ihren Posen erstarrt, leblos wie geschundene Puppen, die Kleider zerfetzt, die Leiber von schmieriger Farbe und öligem Firnis überzogen - Patina eines schäbigen Lebens, wie aus der Lava geborgen. Im Salon mit alten Möbeln und knödelnder Musicbox gibt es "Madam", die Puffmutter mit gefräßigem Schweinsschädel, "Miss Cherry Delight", die Schönheit vom Lande, deren Kopf über einem verkramten Toilettentisch hängt, oder die gefühlskalte "Fifi" mit dem Wecker im Bauch, damit sie keinem Kunden auch nur eine Minute schenkt.Als Kienholz 1960/61 sein erstes großes, begehbares Environment "Roxys" vollendete, verlegte er die Szenerie in den Zweiten Weltkrieg. Ein alter Kalender zeigt, dass wir uns im Juni 1943 befinden. Das Bordell hat ein reales Vorbild in Las Vegas, Soldaten befriedigten hier auf Fronturlaub ihre angestaute Libido. Jetzt sitzt Reinhard Onnasch in seiner Galerie, die eigentlich gar keine ist, und erzählt vom Sammlerleben, der Freundschaft zu Ed Kienholz und seiner Faszination für das schummrige Freudenhaus-Ambiente, das man auch als eine Parabel auf die geschundene menschliche Existenz lesen kann.Kienholz' grotesk-traurige Puff-Installation wurde für Onnasch zu einem Schlüsselerlebnis. Als er sie 1970 zum ersten Mal sah, begann er Kienholz-Werke zu kaufen und sie in seinen Galerien zu zeigen. Bald konnte er "Roxys" von dem Darmstädter Sammler Karl Ströher erwerben. Ein finanzieller Engpass zwang ihn wenig später, es wieder abzugeben. Aber schon nach fünf Jahren, 1978, konnte er es zurückkaufen. Seither hat er es oft ausgeliehen und durch die Welt touren lassen.Onnasch gehörte zum festen Inventar des West-Berliner Kunstlebens. Doch ragte er aus dem oft provinziellen Geschehen dort heraus. Als einer von wenigen brachte er seit den späten Sechzigern die neuesten Tendenzen aus dem Rheinland in die Inselstadt, später die Amerikaner. Als Unternehmer-Sammler-Galerist war er immer eine ungewöhnliche Erscheinung. Bis heute fällt es dem Kunstbetrieb schwer, ihn einzuordnen, und auch aus seiner Galerie "El Sourdog Hex", die er zum Jahresende schließen wird, konnten sich vielen keinen rechten Reim machen.Der Siebzigjährige scheut die Öffentlichkeit, aber er hat oft ausgeliehen. In der West-Berliner Nationalgalerie waren 1978 fünfzig Werke zu sehen, und schon damals rieb sich das Publikum die Augen, welche Kollektion hier herangewachsen war: etwa Robert Rauschenbergs bedeutendes Combine Painting "Pilgrim", Duane Hansons lebensechte Skulptur "Hausfrau" oder ein "Great American Nude" von Tom Wesselman. Auch Stella, Polke, Panamarenko oder eben Kienholz waren mit Spitzenwerken vertreten.Onnasch ist ein Macher, auch ein Vollblutgeschäftsmann. Schon als er mit zwanzig keine Studentenbude fand, gründete er flugs selbst eine Zimmervermittlung. "An der Joachimsthaler Straße, dort wo die Leute landeten, wenn sie Bahnhof Zoo ausstiegen", erzählt Onnasch schmunzelnd. Daraus wurde rasch eine florierende Immobilienfirma, später kam ein Bauträgerunternehmen hinzu. Beides gibt es bis heute. "Aber das reichte mir nicht." Zum Auslöser der lebenslangen Passion wurde ein Besuch der Documenta.Onnasch stürzte sich ins Kunstgeschehen, er lernte Beuys, Polke, Gerhard Richter und viele andere damals aufstrebenden Künstler kennen, und er fing an zu kaufen. Die Kunst faszinierte ihn so sehr, dass er 1969 am Kudamm selbst eine Galerie eröffnete - neben dem Immobiliengeschäft, das immer die wirtschaftliche Basis bildete. Zwei Jahre später erregte er Aufsehen mit der Ausstellung "20 Deutsche": Mit großen Gespür versammelte er die Künstler, die Westdeutschland erstmals zu einem Fixpunkt in der Kunstwelt machen sollten.Onnasch war immer unstet und auch sprunghaft. So gründete er 1971 eine Niederlassung in Köln, zwei Jahre später ein zweite in New York. Aber Mitte der Siebziger gab er alle Galerien schon wieder auf. Hinter den Kulissen kaufte und verkaufte er weiter, und seine Sammlung wuchs auf Weltniveau. Besonders die Amerikaner erwarb er mit ausgreifenden Werkgruppen. Als Onnasch ab 1992 in der Bremer Weserburg für einige Jahre seine Bestände ausbreitete, staunte der Kunstbetrieb.Die New York School der Fünfziger ist reich vertreten mit Mark Rothko, Sam Francis, Clifford Still, Kenneth Noland, Ad Reinhardt, einem monumentalen Farbaltar von Barnett Newman oder einer ganzen Folge von Morris Louis' berühmten Farbschlierenbildern. Claes Oldenburg, Jim Dine oder Warhol repräsentieren die Pop Art. Dann Ed Kienholz, aber auch mehrere Installationen mit den Gipsskulpturen von George Segal. Daneben widmete Onnasch sich poppigen oder realistischen US-Malern, die heute zu Unrecht etwas ins Hintertreffen geraten sind: John Wesley, Lowell Nesbitt oder Howard Kanovitz. Aus Europa kamen die Assemblage-Künstler George Brecht, Dieter Roth und viele andere hinzu. Markus Lüpertz ist bis heute ein Schwerpunkt, aber auch der Langzeitsurrealist Roberto Matta. Immer wieder gibt es Überraschungen und Geschmackssprünge.Nicht alles besitzt Onnasch heute noch; seine Sammlung war immer in Bewegung. Rund tausend Werke zählt der Bestand. Es gab Gastspiele in der Hamburger Kunsthalle, in Barcelona und in Porto; heute ist die Sammlung vor allem im Depot. "Ich wollte die Werke endlich einmal wiedersehen", erzählt Onnasch. So mietete er für drei Jahre Schauräume in Mitte an und zeigte in achtzehn Ausstellungen die wichtigsten Werkgruppen.George Brecht, Morris Louis, Matta, Oldenbourg oder Michael Heizer - ein museales Ensemble nach dem anderen war hier zu erleben. Der merkwürdige Name der Galerie, in der es nichts zu kaufen gibt, stammt von George Brecht. Er hatte "El Sourdog Hex" 1973 wahllos aus Buchstabenwürfeln zusammengelegt und so seine Ausstellung in Onnaschs New-York-Filiale betitelt. Mit "Roxys" enden jetzt die Einblicke in diese außergewöhnliche Sammlung. Wie es mit der Kollektion weitergeht, ist unklar. "Das ist das schwierigste Thema", sagt Reinhard Onnasch und wirkt dabei ein wenig melancholisch.------------------------------El Sourdog Hex, Zimmerstraße 77, bis 30. Dezember. Di-Sa 11-18 Uhr. Dann bis März mit Anmeldung: 20 60 91 60.------------------------------Onnasch brachte die Kunst aus dem Rheinland und den USA nach West-Berlin.Foto: Onnasch in Kienholz' Installation "Roxys", vor ihm die Hure "Diana Poole", die aus ihrem Kürbiskopf grinst