Wenn es bei diesen Filmfestspielen einen Top-Kandidaten für ein entschiedenes "Nein, aber." gibt, dann ist es gleich der Eröffnungsfilm - Olivier Dahans "La Môme" (internationaler Verleihtitel: "La vie en rose"). Die Lebensgeschichte der französischen Chanson-Legende Edith Piaf gerät dem Regisseur ungeachtet der überwiegend chronologischen Erzählweise zu einem erstaunlich rumpeligen Reigen schmerzensreicher Episoden, reichlich garniert mit weltweit bekanntem Liedgut und sorgsam komponierten Ausstattungen zwischen Ärmste-Leute-Milieu und Fünf-Sterne-Hotel. Das könnte man sich nun so ganz kalt im Herzen als ein langatmiges Biopic ansehen, das sich als recht ungeschickt im Aufbau eines Spannungsbogens erweist, aber eine große Ära der populären Musik immerhin plastisch auszumalen vermag - wäre da nicht die überragende, hinreißende Leistung der Hauptdarstellerin Marion Cotillard.Sie singt die rund 30 Piaf-Lieder nicht selbst; das tut (ebenfalls mit bester Mimikry-Leistung) Jil Aigrot aus dem Off. Ansonsten aber ist Cotillard das große Wagnis gelungen, Edith Piaf nicht nur anhand von Kostüm und Maske äußerlich zu adaptieren, sondern ihrem Wesen durch ein reiches Reservoir an kleinen Gesten und Verhaltensmustern nahe zu kommen: ob es nun der immer ein wenig zu veilchenblaue, versonnene Blick aus immer ein bisschen schwimmenden Augen ist. Oder die Augenlider, die wie bei Porzellanpuppen fast mechanisch auf- und zuklappen. Oder der trotzig geschürzte, wie zur nächsten, in der Gossenzeit gelernten Zote Luft holende Mund mit dem kirschroten Lippenstift. Oder die wie Friedenstauben flatternden, immer bestens manikürten Hände. Oder der rustikale, kniesteife Matrosen-Gang, den sie auch dann nicht ablegen kann, als sie längst zierliche, teure Pumps trägt. Marion Cotillard ist 31, und sie spielt die 19-jährige Piaf ebenso authentisch wie die verfallene 47-Jährige kurz vor ihrem Tod - mit einer Haut dünn wie Pergament und einer Hand, die wie eine Vogelklaue zum Kreuz am Hals greift.Mit Darstellern wie Gérard Depardieu (als Nachtclub-Impresario und Piaf-Entdecker), Sylvie Testud (als treue Freundin) oder Emmanuelle Seigner (als Prostituierte mit einem großen Herzen für die kleine Edith) ist der Film auch in weiteren Rollen qualitätsbewusst besetzt. Olivier Dahan jedoch - der 1998 mit "Déjà mort" als Kinoregisseur debütierte und zuvor Kurzfilme sowie Musikvideos (etwa für Zucchero und die Cranberries) drehte - gelingt es nicht, aus diesem Fundus Kapital zu schlagen. Seine filmische Technik ließe sich umgangssprachlich umschreiben als: mit dem Hintern wird wieder eingerissen, was man zuvor mit den Händen aufgebaut hat. Ein Erzählstrang ist strikt chronologisch auf Aufstieg und Erfolg hin geordnet: Man folgt dem vernachlässigten Kind durch die Gassen von Belleville, in denen die Mutter für ein bisschen Essensgeld singt. Streunt mit ihm durch das pittoresk verlotterte Bordell, das die Großmutter in der Normandie mit harter Hand regiert. (Und schon hier versäumt es Dahan, Erklärungsfädchen für später einzuknüpfen: Die Oma soll dem Enkelkind Alkohol in die Milch gemischt haben, um es ruhig zu stellen - damit begann der Weg in die Drogensucht.) Dann die Zeit mit dem Vater im Zirkus, erste kleine Auftritte; 1935 schließlich die Entdeckung auf der Straße; im selben Jahr, mit 20, die erste Platte; danach noch der Feinschliff durch den Chansontexter Raymond Asso. Der Rest ist Ruhm und Legende.Auf einer zweiten Handlungsebene geht es in loser Folge um die Zusammenbrüche der immer versehrteren, verzehrteren, krebskranken Piaf, deren große Liebe, der Boxer Marcel Cerdan (Jean-Pierre Martins) 1949 bei einen Flugzeugabsturz stirbt. Diese tragischen Szenen sind als Kontrast angelegt zu den umjubelten Auftritten, doch bleiben sie mit ihnen merkwürdig unverbunden - die Montage geht nicht auf, die Dramaturgie bleibt somit stecken in Episoden.140 lange Minuten währt der Film, und Olivier Dahan bringt es dennoch fertig, einige ungemein interessante Aspekte von Piafs Leben zu unterschlagen: beispielsweise, dass sie zur deutschen Besatzungszeit in Paris blieb und Konzerte für Kriegsgefangene gab. Auch soll sie bei diesen Gelegenheiten gefälschte Arbeitserlaubnisse in die Lager geschmuggelt haben, um zumindest einigen Gefangenen die Flucht zu ermöglichen. Außerdem sieht man Edith zwar beständig im Kreise ihrer getreuen Entourage, die ihr jeden Wunsch von den Lippen abliest und mit dem fortschreitenden Verfall des Weltstars immer mehr das Personal eines Sanatoriums zu stellen scheint. Doch jene berühmten Zeitgenossen, mit denen sie befreundet war oder Affären pflegte - die sind nicht mehr als Stichwörter: Yves Montand etwa, Duke Ellington oder Charles Aznavour. Oder Maurice Chevalier, der 1935 Ediths ersten Auftritt im "Gerny's", dem Cabaret von Louis Leplée gesehen hatte und ihr eine grandiose Karriere vorhersagte. Oder Jean Cocteau, einer ihrer glühendsten Verehrer und am selben Tag wie sie verstorben - er nannte sie "die Tragödie des Chansons". Oder Georges Moustaki, ihr 19 Jahre jüngerer Geliebter, der ihr 1962 das Lied "Milord" komponierte - wofür sie die Goldmedaille des französischen Fernsehens erhielt.Nur Marlene Dietrich (Caroline Sihol) bekommt ihren Mini-Auftritt in "La vie en rose": Als Edith Piaf das erste Mal in New York gastiert, da sagt sie ihr mit einer wirklich erstaunlichen Rührseligkeit, sie habe ihr Frankreich zurückgebracht. Schwer vorstellbar bei diesem preußischen General - in diesem Fall, die Franzosen wird's amüsieren, mit einem warzendicken Leberfleck am Kinn verziert.------------------------------La Môme (La vie en rose) 9. 2.: Urania, 15 und 18.30 Uhr.------------------------------Foto: Die erste schlimme Lampenfieber-Attacke von Edith Piaf (Marion Cotillard)