Am 23. Januar 1710 verkündete die sächsische Hofkanzlei die Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur. Kurze Zeit später begann auf der Albrechtsburg in Meißen die Herstellung des "Weißen Goldes" im Auftrag Augusts des Starken. Mit einer Sonderausstellung und vielen anderen Aktivitäten wird das Jubiläum in Meißen und Umgebung gefeiert.----Behutsam entnimmt Angelika Jähler der rechteckigen Gipsform eine winzige Hand aus weichem Kaolin-Feldspat-Quartz-Gemisch. Mit Hilfe eines Spachtels fügt sie die Hand an eine etwa 40 Zentimeter hohe Figur. Es ist das letzte filigrane Einzelteil, das die berühmte Skulptur einer Kugelspielerin komplettiert. Dann geht es an die Feinarbeiten: Konturen werden geschärft, Wülste geglättet und überschüssiges Material entfernt. Die Arbeit eines Bossierers hat sich seit Erfindung des Meissener Porzellans kaum geändert. Sie erfordert neben künstlerischem Talent auch eine ruhige Hand und ein scharfes Auge. "Die Figuren sind beim Brennprozess enormen Spannungen ausgesetzt und verlieren bei 1 400 Grad 16 Prozent ihres Volumens. Jede noch so kleine Unachtsamkeit kann zu einem winzigen Riss führen und das ganze Kunstwerk wertlos machen", erklärt Jähler den staunenden Besuchern der Schauwerkstatt. Ob denn ein solches Desaster öfter passiere, will einer wissen. Nein, sagt die Bossiererin und lächelt bescheiden.Weiter führt der Rundgang in einen hell erleuchteten Raum, in dem es intensiv nach Lösungsmitteln riecht. Drei Frauen sitzen an mit Farbtöpfen übersäten Tischen und malen nach traditionellen Vorlagen Jagdszenen aus dem 18. Jahrhundert sowie Dekors auf bereits glasierte Teller und Vasen. "Das sind genau die Stücke, die von Käufern aus dem Fernen Osten geordert werden", erklärt Kathrin Gleitsmann. Erst kürzlich kam ein Großauftrag aus Ostasien. Dort in der eigentlichen Ursprungsregion des im Englischen "China" genannten Porzellans ist man von der Qualität der Malerei und Farben und vom besonders weißen Ton der Meissener Stücke begeistert.Jörg Danielczyk, der künstlerischer Leiter der Manufaktur, weiß genau, worauf sich der Ruf des Meissener Porzellans begründet. "Zum einen sind unsere Mitarbeiter äußerst talentiert und ausgezeichnet ausgebildet und zum anderen verfügen wir mit dem nur in wenigen Kilometern Entfernung abgebauten Kaolin über einen unübertroffenen Weißmacher", verrät er offenherzig. Zu den feuerfesten Farben ist er weniger auskunftsfreudig. Die 10 000 Farben, die von alters her im eigenen Farblabor gemischt werden, gelten als das am besten gehütete Geheimnis der Manufaktur. Aber es gibt noch einen weiteren Schatz, der den Manufakturisten bei der Vorbereitung der großen Jubiläumsausstellung zugute kam. "In unserem Archiv sind weit über 10 000 Formen aus der gesamten Schaffensperiode der Manufaktur gesammelt. Von ausgewählten Vorlagen stellten wir neue Gebrauchsformen her, mit deren Hilfe dann historische Stücke für die Ausstellung entstanden", erläutert Danielczyk. Und so sind nun Porzellankreationen zu bewundern, die Meissens Namen in alle Welt trugen. Darunter befinden sich die Mopsfiguren der Lieblingshunde der Madame de Pompadour genauso wie Porzellane, die im Auftrag der russischen Zarin Katharina II. gefertigt wurden. "Jede Preziose ist für uns ein Stück lebendige Geschichte", sagt Danielczyk. Die Ausstellung schlägt aber auch die Brücke zur Gegenwart. So ist etwa eine Nachformung des ein Meter hohen und 40 Kilogramm schweren Weißkopfseeadlers aus Porzellan zu sehen, der seit 2008 das Foyer der US-Botschaft in Berlin ziert - ein Auftragswerk des damaligen Botschafters.Besonders gut erinnert sich Danielczyk an die Porzellan-Pailletten, die Modezar Karl Lagerfeld kurz vor Weihnachten 1997 bestellte und damit ein Haute-Couture-Kleid zauberte, das der Fachwelt den Atem raubte. Auch Danielczyk stieg damals der Puls - zunächst, als es darum ging, kurzfristig hunderte Pailletten zu entwerfen und herzustellen und dann, als er die hübschen Models mit den eleganten und transparenten Abendkleidern vor und hinter die Bühne begleitete. Die Kreativität seines Teams war nicht minder gefordert, als Ferrari seinen 60. Geburtstag feierte und als Geschenk aus der Bundesrepublik Deutschland einen Rennfahrerhelm aus Meissener Porzellan im Michael-Schumacher-Design erhielt.Sorgen bereiten den Manufakturisten die wirtschaftlichen Ergebnisse des Traditionsunternehmens, das auch im Jahr der Wirtschaftskrise rote Zahlen schreibt. Das Firmenjubiläum wird als Chance begriffen, die Marketingaktivitäten zu verstärken. Die Manufaktur ist eine Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband Sächsisches Elbland eingegangen. Marleen Herr vom Tourismusverband kündigt für das ganze Jahr Veranstaltungen zum Jubiläum an. So kann man der Spur des Porzellans bis in die Dresdner Porzellansammlung, in das Schloss Moritzburg oder in die Festung unter der Brühlschen Terrasse folgen. Unterschiedliche Tourenangebote beinhalten Dampfschifffahrten und Radtouren von Dresden nach Meißen, kulinarische Reisen mit "Menü auf Weissem Gold" und "Nordic Walking auf der Porzellanstrecke".------------------------------Angebote im JubiläumsjahrAusstellungen: "All Nations are Welcome", bis 31. 12., Mo - So 9 -18 Uhr, Staatliche Porzellanmanufaktur Meissen, Talstraße 9, Tel. 03521/468 208. Eintritt für Schauhalle mit Sonderausstellung und Schauwerkstatt: 8,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. "Der Stein der Weis(s)en. 300 Jahre Mythos Manufaktur Meissen" 8. 5. bis 31. 10., täglich 10- 18 Uhr, Albrechtsburg, Domplatz. Eintritt 8 Euro ermäßigt 6 Euro. "Manufakturisten als Bürger der Stadt Meißen", 20. 3. bis 7. 11., täglich 11-17 Uhr. Meißner Stadtmuseum, Heinrichplatz. Eintritt 3 Euro, ermäßigt 2 Euro. "Triumph der Blauen Schwerter. Meissener Porzellan für Adel und Bürgertum 1710-1815", 8. 5. bis 29. 8., Di-So 10-18 Uhr, Porzellansammlung Dresden im Japanischen Palais, Palaisplatz. Eintritt 6 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, Kinder bis 16 Jahre frei. "Zauber der Zerbrechlichkeit. Meisterwerke der europäischen Porzellankunst", 9. 5. bis 29. 8., Di und Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr, Ephraimpalais Berlin, Poststraße 16. Eintritt 5 Euro.Ausstellungen und Events unter:www.meissen2010.de/ de/porzellan-staetten/Kurzreisen: Der Tourismusverband Sächsisches Elbland e.V. bietet eine Kurzreise auf den Spuren des Meissener Porzellans ab 199 Euro/Person im DZ an. Drei Übernachtungen im Drei- oder Vier-Sterne-Hotel in Meißen oder Umgebung, ein "Menü auf Weissem Gold" (www.meissen2010.de/ de/gastronomie/menu), eine Führung durch die Stadt Meißen, eine Stadtführung durch Dresden (kein Transfer inkl.), Eintritt in die Porzellan-Manufaktur, ein Souvenir aus Meissener Porzellan ®. Kontakt: Tourismusverband Sächsisches Elbland e.V., Fabrikstr. 16, 01662 Meißen, Tel.: 03521/76 35 0, Fax: -76 35 40.www.elbland.deAnfahrt von Berlin: Mit dem Auto ca. zwei Stunden auf der A 13 Richtung Dresden, Abfahrt Radeburg. Mit der Bahn ca. drei Stunden mit EC bis Dresden, von dort mit der S1 nach Meißen.------------------------------Foto: Eine Nachformung der berühmten Chinoisen aus dem 18. JahrhundertFoto: 100 000 Euro kostet die Jubiläumsuhr Chronos. Zehn Stück wurden hergestellt. Sie sind alle verkauft.Foto: Kathrin Gleitsmann malt traditionelles Dekor auf eine Porzellanvase.