Mit einer Pistole in der Hand steht John Alexander Nakhosteen vor seinem Patienten. Aus der Mündung ragt ein dünner, beweglicher Schlauch, den der Lungenexperte aus der Augusta-Kranken-Anstalt in Bochum vorsichtig in den Rachen des Kranken einführt. Millimeterdünne optische Fasern leiten weißes Licht bis zum Kopf des Endoskops. Auf dem Monitor neben dem Krankenbett verfolgt der Arzt Zentimeter für Zentimeter den Weg des Endoskops durch die Luftröhre, vorbei an den Hauptbronchien bis hin zu dem erkrankten Bronchienast in der Lunge. Dort schaltet Nakhosteen das Licht um und beleuchtet das Gewebe nun mit energiereicherem Laserlicht. "Die Laserstrahlen können Zellen dazu anregen, selbständig Licht auszusenden", sagt Nakhosteen. Entscheidend dabei ist, daß bösartig veränderte Zellen im Laserlicht deutlicher schwächer leuchten als gesunde. Wie aktuelle Studien des Bochumer Forschers und amerikanischer Kollegen belegen, können Ärzte mit Hilfe dieser sogenannten Autofluoreszenz-Endoskopie Krebsherde in der Lunge, dem Darm oder dem Magen bereits im Frühstadium der Tumorentwicklung aufspüren und zwar sowohl schonend als auch schnell.Die Mediziner machen sich hierbei eine spezielle Eigenschaft menschlicher Zellen zunutze: Diese enthalten nämlich sogenannte Fluorophore, Substanzen, die durch Laserstrahlen optisch angeregt werden können. Die Zellen geben daraufhin selbst Lichtwellen ab ein Phänomen, das Wissenschaftler als Fluoreszenz bezeichnen. Im Inneren von Krebszellen befinden sich viel weniger Fluorophore als in gesunden. Daher senden die kranken Zellen auch viel weniger Licht zurück. Spezielle Glasfasern im Endoskoprohr leiten die Lichtsignale an einen Prozessor weiter, der daraus ein Farbbild errechnet. Er macht die Signale zudem für den "Monitor" tauglich, indem er Störgrößen, etwa durch Substanzen, die unbeabsichtigt mitangeregt wurden, korrigiert.Von dem neuen Verfahren verspricht sich Nakhosteen insbesondere Verbesserungen für die Früherkennung von Lungentumoren. Allein in Deutschland erlag 1996 jeder fünfte Krebstote diesem Leiden, insgesamt starben 37 000 Menschen an Lungenkrebs. Meist wird die Krankheit erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt. Viele Betroffene sterben binnen eines Jahres nach der Diagnose. Eine frühzeitigere Diagnose könnte vielen Betroffenen das Leben retten. "Mehr als die Hälfte der Patienten, die bereits im Anfangsstadium der Erkrankung behandelt werden, können geheilt werden", sagt Nakhosteen. Doch mit den bisherigen Verfahren das wichtigste darunter ist nach wie vor die Röntgenuntersuchung der Lunge sind solche Bronchialkarzinome erst im fortgeschrittenen Stadium sichtbar. Meist ist die Geschwulst bei der Erstdiagnose bereits fast einen Zentimeter groß. Oft hat sie dann auch schon Tochtergeschwülste gebildet. Im Vergleich zu einer herkömmlichen Lungenspiegelung, bei der die Bronchien nur mit weißem Licht ausgeleuchtet werden, seien die Messungen mit dem neuen Verfahren erheblich empfindlicher, berichtet Nakhosteen. "Selbst kleinste Krebsherde von nur einem Millimeter Durchmesser lassen sich mit der Autofluoreszenz-Methode erkennen." Wie der Bochumer Arzt kürzlich in einer Studie nachwies, können Experten mit dem Laser-Endoskop solch kleine Tumoren in acht von zehn Fällen diagnostizieren. Das bisherige Verfahren macht Tumoren erst ab einer Größe von rund fünf Millimetern sichtbar. "Ein weiterer Vorteil der Methode liegt darin, daß bei der Autofluoreszenz-Endoskopie kein Gewebe verletzt wird", sagt der Physiker Thomas Bocher vom Berliner Forschungsinstitut Laser- und Medizintechnologie (LMTB), der sich auf Laseranwendungen in der Medizin spezialisiert hat. Um verdächtige Stellen in der Lunge zu untersuchen, muß der Arzt bisher mit einer Nadelpipette kleine Gewebestückchen entnehmen. Diese werden später im Labor auf Krebszellen hin untersucht. Das neue Früherkennungsverfahren komme vor allem für starke Raucher und Menschen in Frage, die besonders gefährdet sind, an Lungenkrebs zu erkranken, sagt Nakhosteen. Zu diesen zählen etwa Handwerker, die täglich mit giftigen Stoffen arbeiten, sowie in geringerem Maße Asthmatiker. "Diese Personen sollten sich einmal im Jahr auf Krebszellen in ihrem Auswurf untersuchen lassen", empfiehlt Nakhosteen. Dafür hat der Mediziner ein sogenanntes "Sputum-Screening" entwickelt, mit dem Ärzte im abgehusteten Schleim (Sputum) des Patienten nach Krebszellen fahnden. Mit einer Sicherheit von rund 95 Prozent läßt sich damit feststellen, ob ein Tumor vorliegt. Fällt der Test "positiv" aus, nimmt der Arzt anschließend eine Autofluoreszenz-Endoskopie vor. Nur sie kann bei kleineren Tumoren zeigen, wie groß diese sind und an welcher Stelle sie sitzen. Eine lokale Betäubung der Lungenschleimhaut reicht für diese Untersuchung aus."Nach etwa einer halben Stunde ist eine endoskopische Untersuchung abgeschlossen", sagt Nakhosteen. Sind nur wenige bösartige Zellen in dem Gewebe zu finden, kann der Arzt die Krebszellen sofort zerstören. Gängige Verfahren dafür sind eine Kältetherapie, bei der Gewebe derart unterkühlt wird, daß es abstirbt, oder aber die sogenannte Elektrokauter-Therapie, bei der Krebszellen durch Hitze abgetötet werden. "Bei fortgeschrittenen Tumoren läßt sich allerdings eine Operation nicht umgehen", so der Bochumer Arzt.Außer an der Lunge haben Mediziner und Physiker das Verfahren auch zur Erkennung von Tumoren in der Schleimhaut der Lunge, des Darms und des Magens erprobt flächigen Geweben also, die mit einem Endoskop gut zugänglich sind. Krebszellen, die sich in tieferen Organschichten befinden, lassen sich mit der Autofluoreszenz-Methode jedoch nicht erkennen. Der Grund: Die energiearmen Laserstrahlen dringen nur bis knapp unter die Haut- oder Schleimhautoberfläche. "Deshalb muß die Autofluoreszenz-Endoskopie meist durch weitere Diagnoseverfahren ergänzt werden", betont Nakhosteen. Nach wie vor sei der Arzt zum Beispiel auf ein Röntgenbild der Lunge angewiesen. Etwa, um den Bereich, den er mit dem Autofluoreszenz-Endoskop ausleuchten muß, zuvor einzugrenzen.Ein ähnliches Autofluoreszenz-Verfahren haben US-Forscher bereits erfolgreich an Magen- und Darmtumoren getestet. Wie das Wissenschaftsmagazin "New Scientist" kürzlich berichtete, können die Mediziner damit offenbar neun von zehn Magen- und Darmtumoren im Frühstadium und bis zu 98 Prozent der fortgeschrittenen Tumoren dieser Krebsarten nachweisen. Die dafür entwickelten Geräte sollen im nächsten Jahr auch in deutschen Kliniken eingesetzt werden.