Wenn Kriminalhauptkommissar Günter Okon auf Verbrecherjagd geht, verlässt er selten seinen Schreibtisch im Landeskriminalamt Bayern. Sein Revier ist der Computer, auf dem eine Software namens Gladis läuft. Sie verknüpft Inhalte der Polizeidatenbank mit Landkarten und stellt die so erzeugten Karten auf dem Bildschirm dar. Geografische Informationssysteme (GIS) wie Gladis bieten neue Möglichkeiten zur kriminalistischen Aufklärung.Strategie der AutoknackerDa ist zum Beispiel die Liste der Autoaufbrüche, die im letzten halben Jahr aus der Münchner Innenstadt gemeldet wurden. Die Tatorte erscheinen als leuchtende Punkte auf der digitalen Stadtkarte. Sofort fallen Häufungen in bestimmten Bereichen auf. Mit ein paar Mausklicks blendet Okon das U-Bahn-Netz in die Karte mit ein und es wird deutlich: Viele Autoaufbrüche passierten in der Nähe von U-Bahnstationen. "Die Täter gehen strategisch vor", sagt Okon. "Sie machen einen Bruch und fahren rasch ein paar Stationen weiter, um dort wieder zuzuschlagen."Früher hätte Okon solche Muster nicht so leicht erkennen können. "Wir haben alle Straftaten mit farbigen Fähnchen auf einer Karte an der Wand markiert", sagt er. Weil das schnell unübersichtlich wurde, fotografierten die Polizisten am Ende eines Monats die Karte fürs Archiv und zogen alle Fähnchen heraus. Viele Hinweise auf Kriminalitätsschwerpunkte oder Serienstraftaten blieben auf diese Weise unerkannt.Der Trend, GIS-Software im Polizeidienst zu verwenden, stammt aus den USA. Anfang der Neunzigerjahre setzte die New York City Police erstmals auf das Crime Mapping, also die Kartierung von Verbrechen. Damals galt die Metropole als eine der gefährlichsten Städte des Landes. Das eigens entwickelte Programm Compstat sollte helfen, den Überblick über Morde, Raubüberfälle und Sexualverbrechen zu behalten. Zugleich wurden die Polizisten angewiesen, überall dort, wo der Computer Häufungen anzeigte, besonders hart durchzugreifen. Die Strategie wirkte: Die Kriminalitätsrate der Stadt sank binnen zehn Jahren um 70 Prozent.In Deutschland ist die bayerische Polizei mit Gladis Vorreiter beim Crime Mapping. Seit dem vergangenen Jahr haben alle Polizeidienststellen des Landes Zugriff auf die grafische Kriminalitätsanalyse.Auch in BerlinDoch auch andere Bundesländer arbeiten daran, ihre elektronischen Polizeidatenbanken mit GIS-Software aufzurüsten. "Die Berliner Kriminalpolizei nutzt das Crime Mapping, um die Zahl der Delikte in etlichen Stadtteilen geografisch zu visualisieren und die eigenen Strategien zu planen", sagt Hansjörg Dräger von der Berliner Polizei. Auch in das neue Polizei-Einsatz-Leit-System (Pelz) sei ein geografisches Informationssystem integriert, um die Einsätze leichter steuern zu können.Selbst in weniger entwickelten Ländern wie Brasilien bedient sich die Polizei bereits der elektronischen Verbrechenskartierung. In Belo Horizonte kam sie damit zu überraschenden Ergebnissen. Jahrelang waren die Ordnungskräfte dort davon ausgegangen, die Kriminalität sei in allen Elendsvierteln der Stadt gleich hoch. Doch dann ließen Forscher der Universidad Federal in Minas Gerais (UFMG) die Polizeistatistik in eine Crime-Mapping-Software einfließen. Und so entdeckten sie, dass sich die Verbrechen auf wenige Orte konzentrierten. "Die meisten Morde und Überfälle fanden in nur 6 der 110 Slums von Belo Horizonte statt", berichtet der Soziologe Claudio Beato, der das Studienzentrum für Kriminalität und Öffentliche Sicherheit an der UFMG leitet. Seitdem die Polizei ihre Kontrollen dort deutlich verstärkt hat, ging die Zahl der Gewaltverbrechen erkennbar zurück.Crime Mapping hilft nicht nur bei der Prävention, sondern auch bei der Aufklärung von Verbrechen, wie ein Beispiel aus Südafrika zeigt. Monatelang hatten drei Banden in Durban und Kapstadt ihr Unwesen getrieben, zahlreiche Menschen ermordet und entführt. Die Polizei kam mit ihren Ermittlungen kaum voran, sie schien machtlos zu sein. Doch dann ließ sie eine Software programmieren, die anhand der Signale von Mobiltelefonen verdächtiger Personen genaue Bewegungsprofile der Handybesitzer erstellen kann und diese mit Verbrechensdaten abgleicht. Auf den Karten war sofort ersichtlich, welche Handys zum Tatzeitpunkt in der Nähe der Tatorte funkten. So lieferte der Computer wichtige Hinweise, die zu zahlreichen Festnahmen führten.Neueste kriminalistische Computerprogramme wie das in den USA entwickelte Crimestat geben sogar Einblicke in die Psychologie der Verbrecher. Die im Auftrag des National Institute of Justice erstellte Software kann aus früheren Fallanalysen statistisch errechnen, wie sich Kriminelle typischerweise verhalten. Eines der Module von Crimestat heißt journey to crime - Reise zum Verbrechen. Es analysiert die Verteilung der Tatorte einer Verbrechensserie und nutzt die Daten, um Hinweise auf mögliche Wohnorte eines Täters zu liefern.Dahinter steckt ein einfaches Konzept. Zum einen starten Kriminelle häufig vom gleichen Ort, wenn sie eine Straftat begehen. Zum anderen ähneln sich die Bewegungsmuster vieler Straftäter. Um nicht erkannt zu werden, wählen sie einen Tatort aus, der von ihrer Wohnung deutlich entfernt ist. Allzu entlegen darf der Tatort aber auch nicht sein - sonst wäre der Fluchtweg zu lang. "Crimestat berechnet die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Täter in einer bestimmten Region wohnt", sagt Kim Rossmo von der Texas State University in San Marco, der an der Entwicklung des Programms beteiligt war. "Auf den Karten kann die Polizei erkennen, wo sie als Erstes nachforschen sollte."Mithilfe dieser Technik ging der Polizei von Las Vegas vor vier Jahren ein lange gesuchter Serienmörder ins Netz. Crimestat hatte als wahrscheinlichsten Wohnort einen Appartementkomplex ermittelt, den die Fahnder zuvor gar nicht beachtet hatten. Denn keiner der bis dahin Verdächtigten wohnte dort.Vergleich mit dem GespürTrotz solcher Erfolge warnen Experten davor, das Potenzial des Crime Mapping zu überschätzen. Richard Block, Strafrechtler an der Loyola University in Chicago, gibt zu bedenken: "Die Programme wurden noch nicht gründlich getestet. Wir wissen daher nicht, ob sie besser oder schlechter sind als das Gespür eines guten Kriminalbeamten."