Mit fünfzehn Jahren ist Kevin Müller Punk, mit siebzehn Kassenwart der NPD, mit dreiundzwanzig klärt er Schüler in Brandenburg darüber auf, wie die Rechtsextremen ihre Nachwuchskader rekrutieren - die drei Wandlungen eines Jungen, der nie Außenseiter sein wollte: Linker, Neonazi, Aussteiger

ANGERMÜNDE. Ganz entspannt sitzt er da, der junge Mann, als er sagt: "Es gab keinen Tag, es gab nicht mal eine Minute, in der ich mich nicht damit befasst habe, die Demokratie zu stürzen und damit die BRD zu vernichten, Deutschland zu errichten und ein viertes Reich aufzubauen." Er sieht nicht aus wie ein Neonazi. Und das ist er ja auch nicht mehr. Er trägt Turnschuhe statt Springerstiefeln. Ein graues Kapuzenshirt statt Bomberjacke. Die dunklen Haare kurz, aber nicht zu kurz. Zwei Piercings in der Unterlippe, Ohrringe.Es gab Zeiten, da sich der 23-jährige Kevin Müller etwas anders kleidete. Zunächst wie ein Hip-Hopper mit Baggy-Hosen, die in den Knien hingen, dann wie ein Punk, mit Irokesenschnitt und Anti-Nazi-Aufnäher auf der Lederjacke, schließlich wie ein Neonazi, mit Thor-Steinar-Dress und Parteibuch. "Ich hätte es bis zum Kreisvorsitzenden der NPD schaffen können", sagt er. Er konnte argumentieren, konnte erklären, warum der Holocaust eine Lüge sein musste. Er konnte junge Leute für die rechtsextreme Idee begeistern. Er sagt noch heute, dass es wirklich klasse rechte Musik gebe. Mit Musik ködert man Jugendliche, das weiß der ehemalige Neonazi.Junge Leute, wie jene, die an diesem regnerischen Nachmittag vor ihm in der Aula des Einstein-Gymnasiums im uckermärkischen Angermünde sitzen. Eben noch haben sie ihn auf der Leinwand gesehen, in dem Film "Einer von uns", den zwei junge Filmemacher aus Berlin gedreht haben. Dort erzählt Müller, ein Aussteiger aus der Neonazi-Szene, von seiner Suche nach einem Platz im Leben, von den vielen Wandlungen, die er in seinen jungen Jahren bereits hinter sich hat: von ganz links nach ganz rechts und zurück in die Mitte.Es ist erst wenige Jahre her, dass Müller in Angermünde die Neonazi-Vereinigung "Hatecore Warriors" aufgebaut hatte. Jetzt beißt sich der frühere Hass-Krieger nervös auf den Lippenpiercings herum. Er hat noch nie vor einem so großen Publikum gesprochen. Die Krücken, auf die er seit einer Meniskusoperation angewiesen ist, lehnen am Nachbarstuhl. Er zeigt auf sein Knie und sagt: "Das waren übrigens nicht die Nazis." Die Gymnasiasten lachen über den Gag.Für Kevin Müller allerdings ist es kein Spaß. Er weiß, dass es gefährlich für ihn geworden ist. Mit seinem Ausstieg, und erst recht mit dem Film hat er den Zorn der Rechtsextremisten auf sich gezogen. Von heute auf morgen musste er seine Wohnung verlassen, bis jetzt hat er sie nicht mehr betreten.In einem kleinen Ort in der Uckermark, wo er nun lebt, liege ein Küchenmesser griffbereit unter seinem Kopfkissen, erzählt er. "Wir kriegen dich und deine Freundin. Wie bringen euch um", stand neulich auf einer Internetseite. Die Polizei ist eingeschaltet. Zu Hause in der Uckermark ist Kevin Müller nie allein unterwegs. Wegen der alten Kameraden, sagt er.Gesicht zeigenIm Film schaut Müller direkt in die Kamera. Er hat es abgelehnt, gedoubelt oder unkenntlich gemacht zu werden. So hatte es Frank Bürger, der die Idee zu der Dokumentation hatte, ursprünglich von den Filmemachern verlangt. "Ich wollte ihn auf keinen Fall gefährden", sagt Bürger, Vorsitzender des Schwedter Anti-Rassismus-Vereins Podest, "aber er wollte nicht anonym bleiben." Kevin Müller habe darauf bestanden, Gesicht zu zeigen."Die Leute aus der Szene kennen mich, da brauche ich nicht anonym aufzutreten", begründet Müller seinen Entschluss. Er habe authentisch wirken wollen, gerade bei den jungen Leuten, um die es gehe. Ob er keine Angst um seine Familie habe, seine Mutter, den kleinen Bruder, die Oma, wird er von einer Schülerin gefragt. "Natürlich", sagt er. Aber was wäre die Alternative zum Ausstieg gewesen? Nicht auszusteigen?Aufgewachsen ist Kevin Müller im bürgerlichen Berlin-Grunewald, gleich neben der israelischen Botschaft. Als er acht Jahre alt war, entdeckte er seine Liebe zu Pferden. Er begann zu reiten. "Wir sind dann wegen der Pferde rausgezogen", sagt er. Raus in ein kleines Dorf in der Uckermark, nicht weit von Angermünde entfernt. Kevin war zu dieser Zeit Hip-Hopper. Er trug weite Jeans und weite T-Shirts. Von Mitschülern wurde der Neue gefragt, was er für Musik höre. Rechte oder linke? "Ich wusste gar nicht, was die von mir wollten", sagt er.Neonazis kannte er nicht. So etwas gab es nicht in seiner bisherigen Welt. "Für mich waren die ausgestorben." Doch an der neuen Schule sind sie da. Mit Glatze und Bomberjacke. "Ich war vom ersten Tag an ihr Opfer", sagt Kevin. Schon bald hat er den Spitznamen Döner weg, weil seine Mitschüler Hip-Hop für Türkenmusik halten. Er weigert sich, andere Sachen zu tragen. Er wird verprügelt, immer wieder, er wird zum Außenseiter. Nun beginnt die erste Wandlung des Kevin Müller. Er geht nicht mehr zur Schule. Während die anderen im Unterricht sitzen, läuft er über die Felder. Als der Schulleiter irgendwann nachfragt, wo er bleibt, erzählt der Junge seinen Kummer. Doch an der Schule will man von Neonazis nichts wissen. Er wechselt die Klasse, dann die Schule, er macht ein berufsvorbereitendes Jahr in jener Stadt, in der Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Sommerhaus hat - in Templin.Doch auch dort sind sie wieder, die Jugendlichen mit den Springerstiefeln. Im Schulbus schmieren sie ihm das Gesicht mit Butterstullen ein, gießen ihm Cola über den Kopf. Kevin Müller, der nun Punk ist, fährt jetzt immer mit einem späteren Bus zur Schule, er kommt jeden Tag zu spät und fliegt schließlich raus. "Ich hatte einen unheimlichen Hass auf die Nazis", sagt er heute.Schließlich flieht er nach Berlin. Dort bekommt der damals 17-Jährige durch die Treberhilfe eine Unterkunft in Wedding. Eine Bruchbude, wie er sagt. Er lässt sich treiben, steht auf, wenn er wach wird, fährt zu den Punks am Alexanderplatz.Seine zweite Wandlung geschieht durch Zufall. Als es regnet, sucht er am Bahnhof Wedding Schutz in einer Kneipe und gerät dort mit einem Mann aneinander, den er für einen Ausländer hält. Ein paar Männer gehen dazwischen. "Die sahen total normal aus", erinnert sich Müller. Am meisten beeindruckt ihn, dass ihm zum ersten Mal jemand beisteht. Die neuen Freunde sind ihm sofort sympathisch. Am nächsten Tag trifft er sie wieder, und bald kommt er nicht mehr los von ihnen. Er ist fasziniert davon, dass sich jemand für ihn interessiert.Sie fragen ihn, warum er die Schule abgebrochen hat. Er erzählt von den "Dorfglatzen", von den Schikanen. Die neuen Freunde winken ab, die Typen in der Uckermark, das seien keine wahren Nationalisten, erklären sie ihm. Sie drücken ihm Bücher in die Hand. Die Hauptfiguren heißen Horst Wessel und Rudolf Hess. "Ich habe nie gerne gelesen, aber diese Bücher haben mich total beeindruckt", sagt Kevin Müller. Einmal wird er stutzig. Seine neuen Freunde erzählen ihm, dass der Holocaust eine Lüge sei. "Für mich war bis dahin die Ermordung von Millionen von Juden etwas ganz Entsetzliches", sagt er heute. Wieder bekommt er Bücher. Schriften der Holocaust-Leugner Ernst Zündel und Fred Leuchter. Für Kevins Freunde sind das Wahrheiten. Sie diskutieren mit ihm, sie überzeugen ihn - und sie helfen ihm: Sie tapezieren seine Wohnung und richten sie ihm ein. Er, der damals von Hartz IV lebt, bekommt einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, Teppiche. Von nun an ist er nicht mehr allein. "Die haben ein Händchen dafür, wie man sich Jugendliche angelt", sagt Kevin Müller.Er bestellt sich die NPD-Zeitung Deutsche Stimme und kauft seine Garderobe im "nationalen Versandhandel". Da gebe es gute Designer, sagt er noch heute. Als sich sein Selbstbewusstsein erneuert hat, startet er seine Parteikarriere.Im Sommer 2007 trifft Müller auf eine gute Bekannte. Irmela Mensah-Schramm protestiert gegen die NPD, die im Tempelhofer Rathaus ihren Parteitag abhält. Die gelernte Heilpraktikerin ist bundesweit dafür bekannt, dass sie Nazi-Plakate, rechte Aufkleber und rassistische Schmierereien dokumentiert und entfernt. Kevin hat ihr dabei einmal in Prenzlau geholfen. Das ist noch nicht lange her. Sie ist entsetzt, als sie den Jungen sieht, der zur NPD in das Rathaus will. "Ich konnte es nicht glauben, dass er zu denen da gehören sollte", sagt die 65-Jährige.Kevin Müller ist es peinlich, Irmela Mensah-Schramm zu sehen. Er umarmt sie und versucht, zu erklären. Er habe ihr damals erzählt, dass er nicht wisse, wo er hingehöre, sagt Irmela Mensah-Schramm. Er sei jetzt rechts, und die im Rathaus, das seien seine Freunde. "Ich habe ihm gesagt, du musst wissen, wo du hingehörst. Dorthin aber gehörst du nicht", sagt sie.Davon will er nichts wissen. Bei der Parteiversammlung lernt er den Kreisvorsitzenden der Spandauer NPD kennen und erfährt, dass der Partei in Spandau Leute fehlen. Also wird er dort Kassenwart. Wenig später schickt ihn die NPD in die Uckermark, nach Angermünde. "Ich sollte da richtige Strukturen aufbauen", erzählt er. In der Kleinstadt muss er nicht lange suchen, da die Jugendlichen am Bahnhof am liebsten Landser-Musik hören. "Ich brauchte denen nur meinen NPD-Ausweis zeigen, von da an war ich ihr Führer." Nun ist er der Starke.Die im AbseitsZu Hause in seinem uckermärkischen Dorf kommt es immer häufiger zum Streit. Müller will seine Familie von der rechten Sache überzeugen. Seine Mutter hält kaum dagegen, es ist seine Oma, eine alte Gewerkschafterin, die ihm Paroli bietet. Sie kann Kevins Wandel nicht verstehen und nicht akzeptieren. Sie weint fast, als er ihr erklärt, dass der Holocaust eine Lüge sei. Sie entgegnet, er sei kein Mensch mehr, wenn er so etwas leugne. Von nun an meidet er seine Familie.In Angermünde findet er immer neue Anhänger für seine Kameradschaft, die er "Hatecore Warriors" nennt. "Du musst dir auf dem Schulhof nur die heraussuchen, die unsicher sind, die abseits stehen. Die Loser. Die sind dankbar, wenn man sich ihrer annimmt", sagt er.Doch eines Tages trifft er beim Verteilen von CDs vor einer Schule auf einen Mann, der mit ihm diskutieren will, der all seine Sprüche infrage stellt. Zum ersten Mal seit Langem wird Kevin Müller unsicher. Vor den Augen seiner Anhänger findet er keine Argumente mehr.Es ist eine Niederlage für ihn. Um sie wettzumachen, statten sie dem Diskutanten das ab, was sie einen Besuch nennen. "Das Ganze endete in einer Gewaltorgie, um es mal vorsichtig auszudrücken", sagt Müller. Während seine Kameraden den Mann verprügeln, steht er im Flur und ist entsetzt. "Das, was mir damals als Linker passiert war, sah ich plötzlich wieder vor mir." Er, der sich seiner so sicher zu sein glaubte, verliert seine Gewissheiten. "Es ist ja nicht von heute auf sofort, dass man mitbekommt, wie man manipuliert wurde", sagt Müller.Lothar Priewe, ein Nachbar von früher, hilft ihm, seine dritte Wandlung zu vollziehen. Priewe ist stellvertretender Integrationsbeauftragter in der Uckermark, er vermittelt Müller an ein Aussteigerprogramm. Und er fährt mit ihm in die Gedenkstätte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. "Ich kenne den Jungen schon so lange, ich habe um ihn gekämpft", sagt Priewe.Von Ravensbrück ist Müller tief beeindruckt. "Ich habe dort von Schicksalen erfahren, so etwas denkt sich keiner aus", sagt er. Besonders das Schicksal der französischen Nonne Elisabeth Rivet nimmt ihn mit. Die Frau ist in die Gaskammer gegangen, um ihre Familie zu retten. "Ich habe richtig mitgefühlt mit ihr." Er ist verwirrt von den Dingen, die er sieht und hört. Verlassen. So fühlt er sich. Doch da ist Lothar Priewe. Mit ihm kann er reden.Mehr als ein Jahr hat sich Kevin jetzt nicht mehr mit seinen alten Kameraden getroffen. Er hat eine Freundin, die nach seinen Worten "alles andere als rechts ist". Frank Bürger ist überzeugt, dass Kevin seinen Weg nun gehen wird. Irmela Mensah-Schramm sagt, der Junge habe das Richtige getan. Sie hat aber auch Angst, dass er dem Druck nicht standhält, den Kevin von seinen alten Kameraden erfahren wird.Zurzeit macht Kevin Müller eine Ausbildung zum Altenpfleger. Er habe die Kurve gerade noch so gekriegt, sagt er. Man möchte es ihm glauben, man kann es für ihn nur hoffen. Er sagt, er habe jetzt klare Vorstellungen von seiner Zukunft. Sozialpädagogik will er studieren und mit Jugendlichen arbeiten, die in die rechte Szene abzurutschen drohen. Er weiß, wie wichtig das ist. Neulich war er mal wieder zu Hause bei seiner Familie. Sein jüngerer Bruder kam gerade aus der Schule. "Und da sagt er doch solche Sachen wie: Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg", sagt Kevin Müller.Sein Bruder ist dreizehn.------------------------------Es ist seine Oma, eine alte Gewerkschafterin, die ihm Paroli bietet. Sie weint fast, als er ihr erklärt, dass der Holocaust eine Lüge sei. Sie entgegnet, er sei kein Mensch mehr, wenn er so etwas leugne.Foto: Kevin Müller, 23 Jahre alt, in der Aula des Einstein-Gymnasiums in Angermünde