Der Patriotismus hat viele Töne. Am meisten zitiert wird wohl der Satz Kennedys: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann! Frage lieber, was du für dein Land tun kannst!" In Dutzenden Reden und amerikanischen Filmen taucht dieser Satz auf - als eine Art Modell-Appell an die Verantwortung des Einzelnen für das große Ganze, die Gesellschaft. "Es geht nicht, nur das zu sagen, was nicht geht. Fragen wir uns, was jede und jeder Einzelne von uns dazu beitragen kann, dass es geht", sagte Kennedy. Auch Angela Merkels Neujahrsansprache ist ganz durchdrungen vom Appell an den Gemeinsinn. Das war zu erwarten, betreibt doch die Politik im Verbund mit einigen Medien und Prominenten gleich mehrere Patriotismus- und Verantwortungs-Kampagnen. Jeder Einzelne soll sich davon angesprochen fühlen.Das wirklich Neue an der Rede Merkels ist der Ton. Er entspricht weder dem staatsmännischen Aufruf Kennedys, noch der bemüht pathetischen Werbelyrik der Jung-von-Matt-Kampagne "Du bist Deutschland" mit ihren unfreiwillig komischen Bildern: "Schlag mit deinen Flügeln und reiß Bäume aus. Du bist die Flügel, du bist der Baum. Du bist Deutschland."Nein, Angela Merkel bringt einen längst vergessen geglaubten Stil in die bundesdeutsche Politik: und zwar mit der offiziellen Sprache der DDR, in der sie einst sozialisiert wurde. Sie kann nicht anders. Und es ist fast ein Witz, dass 15 Jahre nach dem Ende der DDR deren Stil nun auf höchster Ebene munter fortlebt - unter vollkommen gewandelten Verhältnissen.Schon, wie sich Angela Merkel an die Bürger wendet: "Was kann man alles in einem Jahr erreichen? Es ist eine ganze Menge! Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend das Ziel setzen, im kommenden Jahr überall noch ein wenig mehr als bisher zu vollbringen?" Das klingt nach Lernkonferenz in der Pioniergruppe, aber auch - für die Großen - nach dem Honecker-Slogan: "Das Erreichte ist nicht das Erreichbare"."Sie werden sehen", setzt Merkel fort, "wie viel Freude es macht, wenn man Schritt für Schritt voran geht. Das kann jeder von uns zu Hause, in der Familie, mit Kindern, in der Schule, am Arbeitsplatz, mit Kranken, mit Behinderten, mit bei uns lebenden Ausländern, in Vereinen, in Selbsthilfegruppen, in Bürgerinitiativen, in Kirchen und vielem mehr". Das erinnert sehr an den Stil, mit dem einst die DDR-Zeitungen propagierten, dass jeder an seinem Platz etwas für die Gesellschaft tun könne: in der Schule, Betrieb, im Kollektiv, in der Neuererbewegung oder im Wohngebiet beim Kampf um die "Goldene Hausnummer".Zur Fußball-WM sagt Merkel: "Ein Sieger . steht für mich schon heute fest: Das sind wir, die Menschen in diesem Land, weil wir mit der ganzen Welt ein Fest feiern können". Wie sehr erinnert das an ein Lied, das zu den 10. Weltfestspielen der Jugend 1973 in Ost-Berlin geschrieben wurde: "Die junge Welt ist in Berlin zu Gast ." Die Rede ist durchzogen von solchen Beispielen. Angela Merkel nutzt noch immer die DDR-Methode, große Politik für kleine Bürger auf die geistige Ebene der Grundschule herunterzubrechen, ein großes Wir-Gefühl zu vermitteln und in Losungen zu formulieren. Das wäre vielleicht nur eine Formfrage, wenn sich hinter allem nicht Schlimmeres verberge: Realitätsblindheit.Die DDR-Losungen gaukelten eine Gesellschaft vor, die demokratisch, offen und auf dem Weg in die Zukunft sei: "So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben", "Arbeite mit, plane mit, regiere mit!" Doch dahinter verbarg sich eine ganz andere Welt. Betriebe konnten nicht produzieren, weil Material fehlte. Es mangelte an allem. Bürgergruppen, die ganz konkret mitregieren wollten, wurden niedergehalten, bespitzelt. Das ist alles zur Genüge bekannt.Und heute? Der Ton Angela Merkels ist vor allem deshalb unpassend, weil er verharmlost, alles auf anbiedernd persönliche Art darstellt, als sei Deutschland eine große Familie, in der sich im Grunde alle lieb haben, in der alles möglich ist und in der jeder für das Wohlergehen des anderen sorgt. Und in der alles einfach zu lösen ist, wenn man es nur anpackt: "Sie haben schon lange eine Idee? . Fangen wir einfach an!" - Wir wollen "auch bei uns zu Hause künftig unsere Probleme in den Griff bekommen", etwa "die erschreckend hohe Arbeitslosigkeit" - Dafür "müssen wir noch mehr als bisher tun".Merkel greift eine Sehnsucht auf, die in Deutschland sehr stark ist. Die Sehnsucht, wirklich zu einer Gemeinschaft zu gehören. Das erschöpft sich nur in seltenen Fällen in den Symbolen der Fußball-Nation. Den meisten geht es um etwas ganz Konkretes: nämlich darum, dass das, was man für die Gemeinschaft tut, geachtet und honoriert wird. "Jeder kann seinen Beitrag leisten!" - dieser Spruch Angela Merkels muss jedoch wie Hohn klingen. Denn genügend Leute leisten ihren Beitrag mit ganzer Kraft - und werden dennoch entlassen.Schon die Vorgänger-Regierung hat nicht aufzuhalten vermocht, dass die Gesellschaft weiter gespalten wird und die Idee, dass Leistung sich lohne, durch den Arbeitsmarkt ad absurdum geführt wird. Am 28. Dezember veröffentlichte sogar die F.A.Z. eine Doppelseite mit Unternehmen, die im letzten Jahr Tausende Arbeitsplätze strichen, obwohl sie Gewinne erzielten. Die Regierung öffnet Arbeitsplatzvernichtern Tür und Tor - wie jenen "Heuschrecken", die nach möglichst schnell erzielten Renditen jagen. Und mit Jobmodellen wie der Ich-AG tut man alles, um den Arbeitsmarkt zu atomisieren und das Risiko zu privatisieren.Vor diesem Hintergrund wirkt das "Wir" Merkels einfach verlogen. In ihrer ganzen Rede findet man nicht die Spur des Problembewusstseins, das "uns" beschäftigt.------------------------------Losungen, Losungen, LosungenAus Angela Merkels Neujahrsrede:- Jeder kann seinen Beitrag leisten!- Viele kleine Schritte gehen, die aber in die richtige Richtung.- Aber von unseren Ideen leben, das können wir nur, wenn wir sie auch in die Tat umsetzen.- Ohne ein wirtschaftlich und sozial starkes Deutschland kommt Europa nicht voran.- Das kann jeder von uns zu Hause, in der Familie, mit Kindern, in der Schule, am Arbeitsplatz .Aus DDR-Mai-Losungen:- Jeder jeden Tag mit guter Bilanz!- Das Erreichte ist noch nicht das Erreichbare.- So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben.- Arbeite mit, plane mit, regiere mit!- Je stärker der Sozialismus, um so sicherer der Frieden.- Unsere Tat in der Bürgerinitiative "Schöner unsere Städte und Gemeinden - mach mit"!- Mit erfüllten Plänen zur Wahl!------------------------------Foto: "Ich möchte uns ganz einfach ermuntern herauszufinden, was in uns steckt!" (Angela Merkel). Szene: aus der "NVA"-Komödie von Brussig/Haußmann.