Diese Krankheit ist ein Fluch." Der US-Schriftsteller John Updike spricht seinen Leidensgenossen mit Schuppenflechte aus dem Herzen. Was viele Mitmenschen ekelt, aber nicht ansteckend ist, entsetzt "Psoriasis"-Patienten häufig selbst. Auf ihrer Haut bilden sich schuppige, zuweilen großflächige Beläge, sogenannte Plaques. Sie entzünden sich und jucken, sie spannen und schmerzen, dabei schimmern sie silbern wie zerknitterte Alufolie. Die Schuppenflechte, so hat es ein Dermatologe einmal formuliert, könne ein Dasein zwar nicht beenden, aber ruinieren. Allein in der Bundesrepublik leiden zwei Millionen Menschen daran.Einmal ausgebrochen, kommt die Plage bei vielen immer wieder. Der Dermatologe Friedrich Schröpl vom Klinikum Bad Sulza in Thüringen hält es jedoch für "grundsätzlich falsch, wenn man einem Patienten sagt, er müsse mit der Schuppenflechte leben". Man solle ihn vielmehr dazu ermutigen, daß er, unterstützt vom Arzt etwas gegen Rückfälle tut, so Schröpl. Neue Forschungen nähren die Hoffnung, daß sich die Krankheit zumindest mittelfristig gezielter bekämpfen lassen wird als bisher. Zudem berichten jetzt Mediziner der Hautklinik Mannheim von einer neuen Behandlung, die, anders als die gängigen Therapien, offenbar keine Nebenwirkungen hat.An 22 Psoriasis-Kranken wurde die Methode bisher getestet ­ 22 Patienten, denen es dabei leicht auf der Haut kribbelte. Die Methode, ersonnen von Wissenschaftlern des Forschungszentrums Karlsruhe und Medizinern des Mannheimer Krankenhauses, setzt auf elektrischen Strom. Ein- bis zweimal täglich mehrere Wochen bis Monate lang plazierten der Mediziner Armin Philipp und seine Kollegen auf den Psoriasis-Herden und einige Zentimeter daneben kleine Elektroden, die "Interferenz-Strom" abgeben ­ einen pulsierenden Wechselstrom bestimmter Frequenzen, der auf die kranken Hautzellen einwirkt und ihre Funktionen beeinflußt. Untersuchungen an Zellkulturen hatten das schon längere Zeit angedeutet.Verblüffende EffekteBei seinen Patienten beobachtet Philipp "verblüffende Effekte". Die Symptome bessern sich teilweise deutlich, und zwar um so mehr, je länger die Behandlung dauert. Nebenwirkungen: bis auf das Kribbeln keine. Selbst die Schuppenflechte auf der Kopfhaut ­ ihre Therapie ist sehr schwierig ­ lasse sich behandeln, berichtet Phillip. Bestätigen sich die Ergebnisse, dann könnten Patienten die Methode in Zukunft sogar zu Hause anwenden. "Wir haben aber kein neues Wundermittel", stellt Philipp klar. Auch die Stromtherapie setzt, wie alle anderen Behandlungsformen, an den Symptomen an ­ und nicht an der Ursache. Die Therapie muß deshalb häufig wiederholt werden.Der Ursache sind Forscher aber auf der Spur. Klar ist: Bei der Psoriasis spielt das Immunsystem der Haut einen bösen Streich. "T-Zellen" ­ potente weiße Blutkörperchen im Kampf gegen Krankheitserreger ­ greifen Strukturen des eigenen Körpers an. "Offenbar richten sie sich irrtümlich gegen bestimmte Moleküle auf der Oberfläche der Hautzellen, der Keratinozyten", sagt der Dermatologe Jörg Prinz von der Universität München. Diese Moleküle gleichen möglicherweise Substanzen aus Streptokokken genannten Krankheitserregern, gegen die die T- Zellen bei einer früheren Infektion schon einmal gekämpft haben. Diese Theorie deckt sich mit der Beobachtung, daß viele Patienten erstmals nach einer bakteriellen Infektion von der Schuppenflechte befallen werden. Doch auch Verletzungen, chemische Einflüsse, Infekte der oberen Luftwege oder Streß können die Krankheit hervorrufen. Zum Ausbruch der Erkrankung kommt es allerdings stets nur bei Menschen, die eine Anfälligkeit dafür geeerbt haben, betont Prinz.Für jeden Patienten sei es deshalb wichtig, herauszufinden, worauf er empfindlich reagiert, und seinen Lebensstil, wo immer möglich, umzustellen, betont Friedrich Schröpl. "Viele Patienten erleiden gerade im Herbst einen Rückfall." Diesen Menschen könne es helfen, statt im Sommer im November in die Sonne zu fahren. Wer infektanfällig sei, so der Arzt, sollte sich gegen Grippe impfen lassen und sein Immunsystem etwa durch Sauna oder Sport stärken. Zudem rät Schröpl allen Betroffenen zu Entspannung durch Autogenes Training. Rasante ZellteilungEinmal aktiviert, strömen die T-Zellen scharenweise in die Haut und schütten "Botenstoffe" aus. Diese bewirken zweierlei: Die Keratinozyten vermehren sich ungewöhnlich rasch, und wandern von den tieferen Schichten der Haut an deren Oberfläche. Statt wie gewöhnlich etwa vier Wochen brauchen sie bei Psoriatikern nur vier Tage dazu. Oben angekommen, türmen sich die Zellen zu entzündlichen Plaques. Die Hautschicht eines Psoriasis-Herdes ist 16mal dicker als bei gesunder Haut. Nachdem die Keratinozyten abgestorben sind, fallen sie als Schuppen ab. "Wo wir auch sind, wir hinterlassen Spuren", scherzt ein Betroffener. Basierend auf diesen Erkenntnissen, experimentieren Forscher mit neuen Therapien. Dänische Ärzte etwa testen eine Salbe mit einem Medikament, das die Vermehrung der T-Zellen unterbinden soll. Mit dem gleichen Präparat, nur in Tablettenform, versuchen Mediziner der amerikanischen Emory Universität in Atlanta Patienten zu kurieren. Ein sogenannter monoklonaler Antikörper, der die T-Zellen blokkiert, wird ebenfalls in den USA geprüft. Was diese "unspezifischen" Immuntherapien letztlich taugen, sei ungewiß, betont Wolf-Henning Boehncke von der Universität Frankfurt. Der Dermatologe sucht deshalb nach jenen Molekülen, welche die T-Zellen aktivieren; "Kandidaten" gebe es bereits ­ welche, will er noch nicht verraten.Boehncke glaubt, daß man in Zukunft zwei Arten von Psoriasis unterscheiden könne ­ eine, die durch Faktoren wie etwa Streß ausgelöst wird, und eine andere, die durch Bakterien zum Ausbruch kommt. Deshalb sollten seiner Ansicht nach zunächst Antibiotika in Studien systematisch getestet werden. Denn er und seine Kollegen haben herausgefunden, daß die Psoriasis viel heftiger ausbricht, "wenn Bakterien in der Haut sitzen, die Superantigene produzieren". Superantigene sind Giftstoffe, die das Immunsystem gewissermaßen überreizen und sowohl den Erst-Ausbruch als auch Rückfälle auslösen könnten, vermutet Boehncke. An der Universität von Tennessee in den USA wurden in schweren Psoriasis-Fällen schon Antibiotika eingesetzt, "mit guten Einzelerfolgen", wie Boehncke weiß. Doch ehe sie in Studien erprobt seien, sollten Patienten sie keineswegs voreilig schlucken. Denn nur bei einem Teil der Patienten spielen Infekte eine Rolle.Einstweilen bleiben nur die gegen die Symptome gerichteten Therapien. Allerdings sind diese in jüngster Zeit immer ausgefeilter geworden. Da die Psoriasis viele Patienten lebenslang begleitet ­ nur bei sehr leichten Formen kommt es mitunter zu einer kompletten Heilung ­, kann es nur darum gehen, die Effekte der verfügbaren Therapieformen langfristig zu maximieren. Gleichzeitig müßten die akuten und chronischen Nebenwirkungen minimiert werden, fordert der Dermatologe Gerald Weinstein von der Universität von Kalifornien in Irvine. Er schlägt eine Art Rotationsprinzip vor: Ein bis zwei Jahre mit einer Therapie oder einem Medikament behandeln, dann die Behandlungsform wechseln.Auch Salzwasser kann die Beschwerden lindern. Doch praktische Probleme verhinderten bislang die ambulante Behandlung beim Hautarzt ­ zu groß sind die benötigten Mengen an Badelösung, zu aufwendig deren Entsorgung. Dermatologen der Universität Kiel um Enno Christophers haben diese Schwierigkeiten vor zwei Jahren mit einem Trick in den Griff bekommen: einem Folienbad. Damit lassen sich kleine Mengen stark konzentrierter Salzsole optimal auf der Haut verteilen. Anschließend legen sich die Patienten unter ein Bestrahlungsgerät, das ultraviolette Strahlen vom Typ B (UV-B) aussendet. Bereits seit längerem versuchen Dermatologen weltweit, der Krankheit mit UV-Licht beizukommen. Doch vermag diese "Phototherapie" die Entzündungsherde nur kombiniert mit Salz oder anderen Substanzen zu beseitigen, die Haut für Strahlen empfindlich machen: Üblich ist vor allem das "Psoralen" oder "Methoxypsoralen" (MOP). Die "PUVA-Therapie" (Psoralen und UV-Licht vom Typ A) könne jedoch langfristig womöglich Hautkrebs erzeugen, so die Ergebnisse einer im April dieses Jahres erschienenen Studie aus den USA ­ ein Argument mehr für die Rotationstherapie, sagt Jürgen-Peter Stössel, Herausgeber der Patienten-Zeitschrift "Pso aktuell". Das Krebsrisiko steige nach 250 Behandlungen in 15 Jahren um das fünffache, so das Ergebnis der amerikanischen Studie. Gleichwohl solle man in der Risiko-Nutzen-Abwägung die PUVA-Therapie nicht verdammen, schreibt der Dermatologe Klaus Wolff von der Universität Wien.Linderung durch FolienbadMit dem Folienbad läßt sich auch die PUVA-Behandlung womöglich viel einfacher und wirksamer vornehmen. In diesem Fall setzen die Ärzte der Badelösung eine niedrige Dosis "MOP" zu, die die Haut strahlenempfindlicher macht. Etwa 20 Minuten dauert das Bad, danach wird "belichtet". Mit den kleinen MOP-Dosen seien Nebenwirkungen wie Übelkeit, Hautverbrennungen oder ­rötungen seltener. Bis 1999 wollen die Kieler Mediziner ermitteln, wie effektiv und praktikabel das Folienbad ist. Beteiligt sind bundesweit 450 niedergelassene Dermatologen und mehr als 8 500 Patienten. "Über 80 Prozent der Behandelten geht es bereits jetzt deutlich besser", sagt Christophers zum Zwischenergebnis der Studie. Jeder einzelne Betroffene muß für sich selbst herausfinden, welche Behandlung die richtige ist, betont Stössel. Das vor allem nach Organtransplantationen eingesetze Medikament "Cyclosporin A", das sich bei Patienten mit ausgedehntem Befall bewährt hat, macht da keine Ausnahme. Langfristig gegeben, kann es die Nieren schwer schädigen, betont ein britisches Ärzteteam um J. Berth-Jones in der Fachzeitschrift "British Journal of Dermatology". Die Mediziner haben jetzt Patienten in maximal drei Monate langen Intervallen mit dem Medikament behandelt ­ mit Erfolg. Sobald drei Viertel der zu Beginn der Behandlung erfaßten Hautstellen rückfällig wurden, begann die Therapie erneut. Zwar verschlechterten sich die Nierenwerte während der Behandlungszyklen, normalisierten sich aber regelmäßig in den Pausen. Deshalb halten die Ärzte die zyklische Cyclosporin-Kur für akzeptabel ­ allerdings nur in schweren Fällen.Umstritten ist dagegen die Therapie mit "Fumarsäureestern". Nach Auskunft des Bochumer Dermatologen Peter Altmeyer können diese Substanzen bei allen Formen der Psoriasis eingenommen werden. Vier bis acht Wochen später klingen die Hauterscheinungen oft ab. Wenige Wochen bis einige Monate später kehren sie jedoch wieder. Bemerkenswert sei eine Besserung der Psoriasis-Arthritis bei 25 bis 30 Prozent der Patienten, so Altmeyer. Die Liste der möglichen Nebenwirkungen ist eher abschreckend: Hitzewallungen, Übelkeit, Durchfall, Magenkrämpfe, Nierenschäden, Verlust weißer Blutkörperchen. 20 Prozent der Behandelten brechen die Therapie deswegen ab. Das pharmakritische Fachblatt "Arzneimitteltelegramm" hält "eine Anwendung aufgrund der negativen Nutzen-Risiko-Bilanz für nicht vertretbar" ­ eine Einschätzung, die die Deutsche Dermatologische Gesellschaft nicht teilt. Sie hat erst kürzlich Leitlinien für die Therapie mit Fumarsäureestern veröffentlicht.