Caroline ist sieben Jahre alt, sie ist einen Meter und zwölf Zentimeter groß, und bis heute können sich ihre Eltern nicht an den Tag erinnern, als die Marken in ihr Leben kamen. "Plötzlich", sagt Carolines Mutter, "waren sie da".Caroline weiß seither, dass Papa "Vau-Weh" fährt und nicht "Be-Em-Weh", dass ihre Jeans aus der Kinderabteilung von "Ha-und-Em" stammt und nicht von "Ce-und-Ah". Und dass die Barbie-Puppe, die lacht, wenn man auf ihren Bauch drückt, von Matell ist.Ein paar Jahre leben Kinder in einer Schutzhülle, die sich Kinderwelt nennt. Irgendwann wird aus der Kinderwelt die Markenwelt. In dieser Welt, so hat die Studie Bravo Faktor Jugend ermittelt, kennen die 12- bis 18-Jährigen bereits über 130 Marken. In dieser Welt werden Kinder zu Konsumenten, bevor sie den Namen der Marke buchstabieren können, die sie konsumieren.In dieser Welt gibt es Marketing-Menschen, die haarklein analysieren, ob ein Kind ein "Allrounder", ein "Fun&Action-Kid" oder ein "Intellektueller" ist, weil es dann ein Kinderspiel ist, mit zielgerichteter Werbung die Wünsche der Kinder zu wecken. Marken in die Köpfe einzubrennen. Das Glück der Kinder mit der Marke zu verknüpfen, in der Hoffnung, dass die Kinder treue Kunden werden - ein Leben lang.5,5 Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren leben heute in Deutschland. Weil die demografische Entwicklung die Zahl jedes Jahr schrumpfen lässt, werden die Kinder als Konsumenten immer wertvoller. "Der Wettbewerb um die Kinder wird sich in Zukunft noch weiter verstärken", sagt der Jugendforscher vom Institut iconcids & youth, Axel Dammler.Mit Milliardenbeträgen versuchen die Unternehmen daher die Konsumgruppe zu erobern - jährlich nimmt das Werbebudget zu. Mal sponsern die Unternehmen Schulen und Kindergärten, mal schicken sie eine SMS mit Werbebotschaften. Sie senden Dauerwerbung zwischen den Lieblingsserien der Kinder. Sie mieten Werbeflächen in Computerspielen. Sie sind omnipräsent.Im vergangenen Jahr steckten die deutschen Unternehmen alleine in die Fernsehwerbung für Kinder rund 160 Millionen Euro.Nicht ohne Grund. Denn die deutschen Kinder- und Jugendlichen sind eine finanzstarke Zielgruppe.Rund 1,5 Milliarden Euro bekamen die 6- bis 12-Jährigen nach Angaben des Instituts für Jugendforschung im vergangenen Jahr an Taschengeld und Geldgeschenken. Auf den Sparkonten der Kinder liegen etwa 1,9 Milliarden Euro.Die Kinder kaufen davon Süßigkeiten, Handykarten, Bücher, Comics, CDs - und sind damit gute Kunden von Ferrero, Kraft Foods oder Haribo, die mit Kinderprodukten den Markt fluten.Doch wertvoller noch als das Taschengeld der Kinder sind ihre Köpfe, ihre Gedanken, ihre Gewohnheiten. So hat die Studie Bravo Faktor Jugend ermittelt, dass rund 70 Prozent der Jugendlichen mit 17 Jahren schon "ihre" Marke in fast allen Produktbereichen gefunden haben. Die Entscheidung über das Deo fällt in der Pubertät, ihre ersten Adidas-Turnschuhe kaufen sie bereits mit zwölf. Bis ins hohe Erwachsenenalter, so das Ergebnis der Studie, werden die Kinder diesen Marken treu bleiben. Aus Gewohnheit. Aus Bequemlichkeit.Für die Marketing-Strategen bedeutet das: je jünger das Kind, desto größer die Chance, eine Marke im Bewusstsein des Kindes zu verankern. "Der erste Markenkontakt findet heute schon im Kindergarten statt", sagt der Bielefelder Soziologe und Pädagoge Klaus Hurrelmann. "Die Glitzerwelt erreicht die Köpfe der Kinder immer früher."Dabei weiß man in Marketing-Abteilungen heute, wie man am geschicksten, am subtilsten das Bewusstsein der Kinder erobert. Man weiß, dass Kinder bis zu ihrem sechsten Lebensjahr fast ausschließlich von Tieren träumen, weswegen man beim Kornflakes-Hersteller Kellogg's den Tiger Tony erfand, einen starken, coolen Typen, mit dem sich Kinder auch ihren Träumen identifizieren können. Man kennt die Wirkung eines weinenden Kindes auf genervte Eltern, die sich plötzlich dem Wunsch nach einem Schokoriegel nicht mehr verwehren können.Man weiß, welche Macht Kinder in der Familie haben können."Kinder haben einen starken Einfluss auf das Konsumverhalten der Eltern", sagt Jugendforscher Axel Dammler. "Oftmals machen die Kinder Vorschläge, welche Marke gekauft werden soll." Das gilt nicht nur für den Kauf von Schokolade sondern auch für die Entscheidung darüber, ob Papa künftig Vau-Weh oder Be-Em-Weh fährt. Nicht umsonst lassen immer mehr Autokonzerne Fernsehspots drehen, in denen Kinder die cleveren Kerlchen sind, die Papa sagen, wo es beim Autokauf lang geht.Man weiß aber auch, dass letztlich die Eltern entscheiden, was gekauft wird und wie die Kinder ihr Taschengeld ausgeben. So sagten in einer Umfrage des Instituts für Jugendforschung nur 17 Prozent der Kinder, von ihrem Geld auch alles kaufen zu dürfen.Darum richtet sich die Werbung für Kinderschokolade und Fruchtzwerge an die Eltern - und nicht an die Kinder. Sie soll suggerieren, dass Eltern ihren Kinder etwas Gutes tun, wenn sie ihre Kinder mit einer Milchschnitte belohnen. Die Kampagne von Ferrero und Co. war erfolgreich. Heute geben 58 Prozent aller Kinder zwischen sechs und 13 an, eine oder mehrere Milchschnitten pro Woche zu essen. Auch so brennt sich die Marke in die Kinderköpfe. Bis diese selbst erwachsen sind und ihren Kindern ebenfalls "die extra Portion" Milch nicht verwehren wollen.Für den Soziologen Hurrelmann ist der immer frühere Einbruch der Welt der Marken in die Kinderwelt mehr als Grund zur Sorge: "Der Druck auf die Kinder wächst." Ohne Marke - so laute die simple Botschaft der Werbung - sei man nichts. "Das ist der Feind eines jeden Versuches, die Kinder zu eigenständigen, handlungsfähigen Personen zu erziehen."------------------------------Foto: Steiff-Teddy: Begleiter in Kinderbetten.------------------------------Foto: Playmobilfigur: Bestseller bei Kindern.------------------------------Foto: Elefanten-Schuh: Schon für die Kleinsten zählt die Marke.------------------------------Foto: Versuchung auf Augenhöhe: volle Regale in der Spielwarenabteilung eines Berliner Kaufhauses.------------------------------Foto: Vorbild im Fernsehen: Lego-Modell eines Formel-1-Rennwagens.