Die erste Runde des Elite-Wettbewerbs ist vorbei. Keine Berliner Universität kam unter die Erstplatzierten. In der zweiten Runde nun will die Humboldt-Universität (HU) zur Spitze vorstoßen, indem sie sich auf ihren Gründer besinnt. "Translating Humboldt into the 21st Century" heißt ihr neues Konzept. Torsten Harmsen sprach mit dem Präsidenten der Universität, dem Theologen Christoph Markschies.Wie soll die Universität zu ihrem 200. Jubiläum 2010 aussehen?Wir wollen keine Kopie irgendeines Elite-Modells sein, etwa von Harvard, Stanford oder München. Die Humboldt-Universität soll ihre spezifischen Chancen nutzen und Grundprinzipien ihrer Gründerväter schöpferisch in die Gegenwart übertragen.Aber Humboldt? Ist das nicht überholtes 19. Jahrhundert?Eben das ist das Missverständnis. Als ob der Präsident jetzt die Gamaschen aus dem Schrank holte. Wir verstehen unter Humboldt nicht die Formelmonstranzen, die man in Deutschland seit dem Kaiserreich vor sich her trägt. Sondern, wir fragen, worum es bei Humboldt wirklich geht und ob es hilft, heutige Probleme zu lösen.Ein Beispiel?Etwa die Einheit von Lehre und Forschung. Die Uni muss einen Spagat zwischen beiden Prinzipien hinkriegen, sie aufeinander beziehen. Die Texte der Gebrüder Humboldt, von Schleiermacher und anderen zeigen jedoch, dass es nicht darum geht, diese Einheit fünfzig zu fünfzig in jedem Professor herzustellen, sondern darum, keine forschungslose Lehre und keine lehrlose Forschung zu haben. Unter den Professoren, die hier 1810 angestellt wurden, gab es Leute, die sehr forschungsstark waren, die man aber kaum auf Studenten loslassen konnte. Hegel hatte nur ganz wenige Hörer, weil ihn kaum jemand verstand. Er war eine didaktische Katastrophe, schwäbelte und nuschelte. Aber er war zweifelsohne ein forschungsstarker Professor der Universität. Es gab lehrorientierte Professoren, und dann gab es die glücklichen Zufälle, wo beides zusammentraf: etwa bei Schleiermacher.Wie wollen Sie das ins 21. Jahrhundert transformieren?Mit einem Experiment. Bislang lehrt jeder Professor neun Stunden in der Woche, und er hat gelegentlich ein Freisemester. Wir schlagen nun vor, künftig stärker zwischen lehr- und forschungsorientierten Professoren zu unterscheiden. Professoren, die das wollen, sollen ihre Forschungsergebnisse für einige Zeit stärker in der Lehre austesten oder sich stärker der Forschung widmen können, ohne beides je ganz aufzugeben. Das ist uns sehr wichtig.Kann man Zehntausenden Studenten im relativ kurzen Bachelorstudium überhaupt noch eine forschungsnahe Lehre garantieren?Wir wollen Wege finden, um auch ihnen die Möglichkeit zu geben, mit den "Granden" unserer Universität in Kontakt zu kommen. Hierbei spielen neue zusätzliche Leistungsanreize eine besondere Rolle. Es gibt eine Reihe wirklich großer Wissenschaftler unserer Universität, die bereit sind, sich im Bachelor zu engagieren. Begabte junge Wissenschaftler sollen sehr schnell die Chance bekommen, zu lehren.Universität im Wandel bringt auch Auseinandersetzungen. Nachdem im September Ihre Vizepräsidentin für Studium und Internationales, Susanne Baer, im Streit zurückgetreten war, sprachen einige von einer Führungskrise an der Humboldt-Uni. Was ist dran?Ich dementiere nachdrücklich, dass die Humboldt-Uni zu irgendeiner Zeit in der Führungskrise war. Wir haben sofort nach dem Rücktritt der Vizepräsidentin mit dem einstigen Dekan der Agrarwissenschaftler, Uwe Jens Nagel, eine hochqualifizierte Vertretung nominiert, die auf breite Zustimmung trifft. Aber es gab durchaus unterschiedliche Vorstellungen darüber, auf welchem Weg man zu Exzellenz in Forschung und Lehre kommt - ob zum Beispiel Studieneingangsprüfungen sein sollen. Dafür plädierte eine Mehrheit im Akademischen Senat. Aber es gab eben auch Kritik.Sie kündigten eine "äußerste Konzentration aller hervorragenden wissenschaftlichen Kräfte" an. Wie wollen Sie das erreichen?Solch eine Konzentration entsteht oft ganz von selber, aus dem Ehrgeiz vieler Professoren heraus, sich für die Universität zu engagieren. Ich nenne ein einziges Beispiel: Der Jurist Bernhard Schlink und der Kunsthistoriker Horst Bredekamp bieten in diesem Semester ein Seminar zur Zukunft der Universität an. Sie verbinden aktuelle Forschung und Lehre aus verschiedenen Disziplinen.Gehört das "Forschungsinstitut Lebenswissenschaften", das Sie im Elite-Wettbewerb beantragt haben, auch zu dieser Konzentration?Ja, und dahinter steht auch wieder ein transformiertes Humboldtsches Grundprinzip. Zwar wird man die romantische Idee des 19. Jahrhunderts von der Einheit der Wissenschaften ganz gewiss aufgeben müssen. Aber man muss verhindern, dass die Uni in verschiedene Standorte und Wissenschaftsbereiche zerrissen wird. Ich werbe für ein integratives Konzept der Lebenswissenschaften, in dem Geistes- und Naturwissenschaften zusammenarbeiten. Und ich bin begeistert, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft das in der ersten Exzellenzrunde in Gestalt der Graduiertenschule "Berlin School of Mind & Brain" für förderungswürdig hielt. Die meisten gegenwärtigen Probleme sind derartig komplex, dass sie nur durch Kooperation von Disziplinen auf höchstem Niveau gelöst werden können. Wenn Sie zum Beispiel wissen wollen, wie das Handeln funktioniert, dann könnte Ihnen ein Neurologe sagen, was für Vorgänge im Gehirn passieren. Aber ein Philosoph müsste Sie erst einmal dazu anhalten, über Handeln nachzudenken.Berlin hat angekündigt, aus dem Humboldt-Forum am Schlossplatz auszusteigen. Die HU wollte dort ihre einzigartigen Sammlungen zeigen.Wo sollen sie stattdessen zu sehen sein?Weiter in einem Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz, das durch private Sponsoren und Mittel des Bundes finanziert wird.Wollen Sie auch in anderer Form für Berlin wirksamer werden?Wir wollen zum Jubiläum 2010 eine Ausstellung machen. In den Lichthof des Gropius-Baus werden wir die großen gesellschaftlichen Fragen auf Transparente hängen. Und in den umliegenden Räumen wird man die gegenwärtigen Antwortversuche Berliner Wissenschaft und ihre Tradition finden. Unsere Forschung sollte sich mehr darauf orientieren, was etwa in den nächsten Jahren im Bundestag an entscheidenden Fragen anliegen wird, auf Themen wie Gesundheitsreform, Risikoabschätzung eingehen oder sich Fragen stellen wie: Gibt es eine Verarmung durch Hartz IV? Ich glaube, es ist eine Schicksalsfrage der Universität in der Mitte: Nur wenn sie zeigt, dass sie auch etwas für die Gesellschaft leistet, wird sie mit wirklichem Recht Finanzen fordern können und nicht von Herrn Sarrazin zur Menge der Hähne gezählt, die bloß auf dem Misthaufen stehen und krähen.------------------------------Kirchenhistoriker als PräsidentChristoph Markschies ist seit Anfang 2006 Präsident der Humboldt-Uni, an der er seit 2004 Ältere Kirchengeschichte lehrt.Schon mit 32 Jahren war der heute 43-Jährige Professor in Jena.Er gehört drei Akademien an, ist Leibniz-Preisträger. Er schreibt Bücher zu christlicher Theologie oder Heil und Heilung in der Antike. Außerdem leitet er das Antike-Zentrum der HU.------------------------------Foto: Markschies und einer seiner Meister, Alexander von Humboldt, im Büro