Es begann in der Melantrichgasse. Als Lenka Reinerova Mitte der 30er-Jahre in ihre erste eigene Wohnung in der Prager Melantriska Nummer 7 einzog, wohnte die Familie Kisch in einem der Nachbarhäuser. Egon Erwin, damals um die fünfzig, sah gelegentlich aus einem Toilettenfenster zur Mansarde der 19-Jährigen hinüber. Egonek, wie sie ihn bald nannte, sollte ihr ewiger Nachbar bleiben; auch im späteren französischen und mexikanischen Exil war er ihr Freund und Mentor.Das Prag ihrer Jugend, in dem Tschechen, Juden und Deutsche lebten, gab es bald nicht mehr; doch selbst als auch Kisch längst tot war, hielt Lenka Reinerova die Erinnerung an ihn und das alte Prag lebendig. Im "Traumcafé einer Pragerin" (1996) reservierte sie vielen ihrer alten Freunde im Geist einen Tisch: Neben Max Brod, dem sie als Kind im Prager Deutschen Theater begegnete, war etwa Ferdinand Carl Weiskopf Gast dieses himmlischen Ortes. In seiner aus Berlin emigrierten Arbeiter-Illustrierte-Zeitung hatte sie ab 1936 ihre ersten Artikel veröffentlicht.Vielleicht hatte sie den genauen Blick auf ihre Umgebung, wie sie ihn in "Mandelduft" (1998) oder "Närrisches Prag" (2005) bewies, bei Kisch abgeschaut. Eine "rasende Reporterin" aber war Lenka Reinerova nie, und auch als Literatin verstand sie sich nicht: "Ich bin gar keine richtige Schriftstellerin, sondern Erzählerin. Mir fehlt der Ehrgeiz, etwas zu erfinden," erklärte sie einmal. Stets spannte sie den Bogen über das Autobiografische hinaus ins Historiografische - eine pragverliebte Chronistin deutsch-tschechisch-jüdischen Lebens. Die elegante Dame wirkte immer, als sei sie eben einer samtgepolsterten Zeitmaschine aus dem alten Österreich-Ungarn entstiegen, wenn sie, nostalgisch und nicht immer ganz kitschfrei, in charmantestem Prager Deutsch von Vergangenem erzählte.Geboren wurde sie 1916 als Kind jüdischer Eltern, eines tschechischen Vaters und einer deutschen Mutter. 1939, beim Einmarsch der Deutschen, war sie zufällig in Bukarest. Statt nach Prag zurückzukehren, fuhr sie mit ihrem gültigen Visum weiter bis Paris. Hier aber internierte man sie; 1941 gelang ihr die Ausreise nach Mexiko, wo sie ihr Exilantenschicksal mit Anna Seghers, Steffi Spira, Ludwig Renn und Bodo Uhse teilte. Als sie 1948 nach Prag zurückkehrte, war sie die einzige Holocaust-Überlebende ihrer jüdischen Familie.Auch nach dem Krieg durchlebte sie schwierige Zeiten. 1952/53 inhaftierte man sie im Rahmen der stalinistischen Säuberungen. Im Umfeld des Prozesses gegen den KP-Führer Rudolf Slansky warf man der überzeugten Kommunistin das Westexil vor, misstraute ihr wegen ihres deutsch-jugoslawischen Ehemanns Theo Balk. Auch ihre Bekanntschaft mit Kisch war von Interesse: "Ihr Kisch, das war ja auch ein feiner Agent," bekam sie bei einem Verhör zu hören. "Ja, man hat immer gesagt, er arbeite für den sowjetischen GRU," entgegnete sie. Obwohl sie 1964 rehabilitiert wurde, erhielt sie nach 1968 Publikationsverbot, wurde aus der KPC ausgeschlossen und konnte erst seit 1989 wieder in ihrer Heimat publizieren. Auf Deutsch veröffentlichte sie seit 1983 im Aufbau-Verlag.In "Alle Farben der Sonne und der Nacht" (dt. 2003) hielt sie die Erinnerung an jene Zeit fest, und in dem Erzählband "Zuhause in Prag - manchmal auch anderswo" (2000) relativierte sie das erlittene Unrecht versöhnlich: "Auch das ging eines Tages vorüber." Doch ihre einstigen Überzeugungen blieben auf der Strecke. "Ich bin über ein Jahr von meinen sogenannten Genossen festgehalten worden, und das war, weiß Gott, nicht angenehm. Ich musste damit fertig werden, dass all das im Namen von etwas passierte, was ich lange als Ideal hochgehalten hatte," sagte sie später.Ihrer Geburtsstadt hielt sie trotzdem die Treue. "Mir würde es wahnsinnig gut gefallen, wenn in meinem Reisepass stünde: Bürgerin von Prag", hat sie einmal gesagt. Fast so schön war es wohl für sie, 2002 Ehrenbürgerin ihrer Heimstadt zu werden. Nun sitzt si wahrscheinlich mit ihrem "Egonek", mit Seghers, Spira und Balk an einem der Tische ihres "Traumcafés" und schaut auf ihre alte Melantrichgasse herab. Die letzte deutsch schreibende Prager Schriftstellerin starb am am Freitagnachmittag in ihrer Wohnung in Prag.------------------------------Foto : Lenka Reinerova, 1916 in Prag geboren, in Prag gestorben 2008.