POTSDAM. Die Potsdamer Landesregierung sah vor ein paar Tagen die heimliche Landeshymne "Märkische Heide" verunglimpft, als die Nähe des Autors Gustav Büchsenschütz zum Nationalsozialismus durch Belege unterfüttert wurde. Regierungssprecher Thomas Braune erklärte die neu aufflammende Diskussion umgehend für "abgeschlossen" - obwohl mehrere Politiker und der Zentralrat der Juden in Deutschland die Verwendung des Liedes bei offiziellen Anlässen teils heftig kritisiert hatten.Nun sind neue Hinweise aufgetaucht, die die "Märkische Heide" schon weit vor der Machtergreifung der Nazis als Lied der NS-Bewegung zeigen: Das Lied war zeitweise mit eindeutig nationalsozialistischen Botschaften versehen.In den Jahren nach dem Mauerfall hatte der inzwischen verstorbene Autor Gustav Büchsenschütz das Lied - das er angeblich 1923 allein geschrieben haben will - immer als harmloses Wanderlied bezeichnet. Nach Hitlers Machtergreifung hatte er es 1934 aber selbst als "Nazilied" und als "Lied der nationalsozialistischen Erhebung" bezeichnet. Ein solches war es offenbar bereits lange vor dem Ende der Weimarer Republik. Im "Liederbuch für den Königin-Luise-Bund", der Frauenorganisation des deutsch-nationalen "Stahlhelm", hieß es schon 1930 in den letzten beiden Strophen: "Brandenburg allwege / Sei unser Losungswort / Dem Hakenkreuz die Treue / und treu zu schwarz-weiß-rot / Heil auch dir, mein Deutschland / wie lange schläfst du noch? / Wir stehn dir bei im Streite / wirf ab das Sklavenjoch / Steige hoch, du roter Adler und schüttle dein Gewand / Die innern und die äußern Feinde vertreib aus unserm deutschen Land."Kein Protest bekanntEine Autorenzeile ist in dem Liederbuch nicht genannt. Wissenschaftler halten es für möglich, dass diese Zeilen auch von Büchsenschütz stammen. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass er gegen die "Hakenkreuz"-Strophe protestiert hätte. "Dass Büchsenschütz in der Zeit der Entstehung des Liedes nationalistisch orientiert und später auch nationalsozialistisch orientiert war, hat er 1934 selbst bekannt", sagte Christian Jansen, Professor für Neuere Geschichte an der Technischen Uni Berlin und Herausgeber von "Macht der Töne", ein Buch über das Verhältnis von Musik und Politik. "Bei aller Vorsicht ist es durchaus plausibel, dass Büchsenschütz das Lied vor der NS-Diktatur in diesem Sinne umgedichtet hat."Christa Schulze aus Erkner, die diese Variante in einem Gesangsbuch gefunden hat, erinnert sich daran, dass das Lied in ihrer Kindheit sehr populär war. Sie lebte bis 1945, ihrem achten Lebensjahr, in der heute polnischen Neumark: "Damals wurde es mit der Hakenkreuz-Strophe gesungen."Heute endet das Lied mit den Zeilen: "Brandenburg allewege / Sei unser Losungswort! / Dem Vaterland die Treue / In alle Zeiten fort."Zudem gibt es nun auch Zweifel daran, dass Büchsenschütz das Lied allein geschrieben hat, wie er immer behauptet hatte. Angeblich hat er das Lied bei einem Ausflug der schwärmerischen Jugendbewegung der Wandervögel geschrieben - in einer Jugendherberge bei Vehlefanz (heutiger Landkreis Oberhavel).Dagmar Nawroth hat andere Informationen. Sie interviewte 1995 die 92-jährige Margarete Seidel aus Schöneiche. "Die Frau erzählte, dass sie mit ihrem Ehemann in einer Jugendgruppe des Bismarckbundes in Berlin-Friedrichshain war, die gemeinsam den Text geschrieben hat", sagt sie. Büchsenschütz habe in der Jugendgruppe "Friedrich Wilhelm von Seydlitz" nur die Melodie beigesteuert. Lange Zeit galt der Texter als unbekannt, später hieß es: Text und Komposition - Büchsenschütz. Anfangs endete der Text noch kaisertreu mit: "Dem Zollernaar die Treue / und treu zu schwarz-weiß-rot.""Ich bin der Meinung, dass sich auch eine textlich und musikalisch gehaltvollere Melodie als Lied der Brandenburger gefunden hätte", sagte am Freitag Andreas Kuhnert, der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag. Aber die Bevölkerung habe Anfang der 90er-Jahre dieses Lied gewollt. CDU-Kulturpolitiker Wieland Niekisch sagte: "Die Biografie des Autors muss bedacht und auch bedauert werden." Doch das Lied sei den Brandenburgern in den vergangenen 18 Jahren ans Herz gewachsen. Heinrich Fink, Vorsitzender des Verbandes der Verfolgten des Naziregimes (VVN), erinnerte daran, dass er schon den damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) davor gewarnt hatte, "das Nazi-Lied zu regenerieren".------------------------------Kooperation mit der NSDAPQuelle: Das Märkerlied erschien mit "Hakenkreuz"-Strophe im "Liederbuch für den Königin-Luise-Bund", 6. Auflage, 1930, Karras-Verlag, Halle, S. 182 u. 183.Luisenbund: Der 1923 gegründete Königin-Luise-Bund sah sich als weibliches Gegenstück zum reaktionären Wehrverband "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten".Partei: Luisenbund und Bismarckbund standen der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahe. Diese war nationalistisch, kaisertreu, antisemitisch. Ab 1929 kooperiert sie mit der NSDAP, in der sie 1933 aufging.------------------------------Foto : Jubiläumsfest des nationalistischen Königin-Luise-Bundes. Mit dabei am 14. Mai 1933 im Berliner Sportpalast war auch Kronprinzessin Cecilie.