PEKING. "Frauen stützen den halben Himmel", sagen die Chinesen und zitieren damit einen Chauvinisten. Das nach Emanzipation klingende Sprichwort stammt von Mao Zedong, der, wie vor ihm die Kaiser, einen Harem voller Konkubinen unterhielt, wenn auch getarnt als Garde junger Revolutionärinnen. Doch war der Große Vorsitzende Dialektiker genug, um sich von eigenen ungelösten Grundwidersprüchen nicht den Blick aufs revolutionäre Ganze versperren zu lassen: Kaum hatte Mao 1949 die Volksrepublik ausgerufen, wurde er zum Vater der Emanzipation.Unter dem Motto "Frauen sind Männern ebenbürtig" erließ er Chinas erstes Ehegesetz, legalisierte Scheidungen, verbot Brauthandel und, ja, auch das Konkubinat. Nach Jahrtausenden männlicher Bevormundung wurden Chinas Frauen zu vollwertigen Mitgliedern des Proletariats. Die Weltrevolution brauchte sie an der Arbeitsfront.Noch viele MännerdomänenGut ein halbes Jahrhundert später haben die Chinesinnen sich dort gut eingerichtet. Sie werden einflussreicher, wohlhabender und unabhängiger, privat ebenso wie in Wirtschaft und Politik. Offiziellen Statistiken zufolge besteht die arbeitende Bevölkerung heute zu 45 Prozent aus Frauen. Trugen sie 1950 im Durchschnitt nur zwanzig Prozent zum Familieneinkommen bei, so ist es inzwischen doppelt so viel. Im Staatsapparat werden vierzig Prozent aller Positionen von Frauen besetzt, und auf der Liste der Reichsten verweisen Chinesinnen die Männer gleich doppelt auf die Plätze. An erster Stelle steht die 27-jährige Yang Huiyan mit einem Vermögen von 11,5 Milliarden Euro. Verdient hat sie es allerdings nicht selbst, sondern von ihrem Vater, einem Immobilientycoon, geerbt. Wer das nicht gelten lässt, findet auf Platz zwei eine klassische Aufsteigerin aus eigener Kraft: die Recycling-Unternehmerin Zhang Yin, bekannt als "Königin des Altpapiers"."Die Beteiligung von Frauen in wirtschaftlichen und politischen Belangen hat große Fortschritte gemacht", sagt Huang Qingyi, Generalsekretärin des Gesamtchinesischen Frauenverbands. Doch was heißt schon Fortschritt in einer Kultur, in der jungen Mädchen jahrhundertelang die Füße gebrochen wurden, weil die Männer das erregend fanden? In der die konfuzianische Sittenlehre verlangte, dass Frauen ein Leben lang gehorchen: erst dem Vater, dann dem Ehemann und schließlich dem eigenen Sohn.In der chinesischen Geschichte hat es stets auch starke Frauen gegeben. So schaffte es im 7. Jahrhundert die imperiale Konkubine Wu Zetian, selbst den Thron zu erobern und sich als Kaiserin einen Harem voller Männer zu halten. Ein Jahrhundert später gelang es der Kurtisane Yang Guifei, ihrem sechzigjährigen Kaiser dermaßen den Kopf zu verdrehen, dass der das Regieren vergaß und schließlich Opfer eines Putsches wurde. Kurz vor Ende des chinesischen Kaiserreichs schaffte es auch die Konkubine Cixi, mächtigste Frau im Reich zu werden. Nach dem Tod ihres Mannes beseitigte sie in einem Staatsstreich alle Minister und regierte 47 Jahre lang selbst. Denn obwohl offiziell der Kaiser auf dem Thron saß, erteilte Cixi "hinter dem Vorhang" die Kommandos.Trotzdem sind die historischen Powerfrauen nur Farbkleckse in der Geschichtsschreibung. Zu Vorbildern und Heldinnen wurden Chinas Frauen erst in der Moderne. Die erste ihrer Art war Song Qingling, die junge Frau des Republikgründers Sun Yat-sen. Als dieser 1925 starb, war Song gerade 32 Jahre alt und begann, in der Kommunistischen Partei Karriere zu machen. Als Mao die Volksrepublik ausrief, stand sie als einzige Frau im Führungskreis; später stieg sie zweimal für kurze Zeit zur Staatspräsidentin auf. Als Song 1981 in hohem Alter starb, galt sie als Mutter der Nation und Beweis dafür, dass die Zeiten des feudalistischen Sexismus endgültig vorbei seien.Wie alle maoistischen Revolutionsvorhaben ist auch die Emanzipation der chinesischen Frau auf halbem Weg stecken geblieben. Obwohl ihr Einfluss wächst, sind die Spitzenämter in Staat und Partei noch immer Männerdomäne. Die Zahl weiblicher Spitzenkader steigt nur langsam: Im 204-köpfigen Politbüro sitzen gerade einmal 13 Frauen. Zwar lag Chinas Handelspolitik rund ein Jahrzehnt in den energischen Händen von Wu Yi, die ihr Amt als Vizepremierministerin im März 2008 aus Altersgründen abgab. Doch ihre Nachfolgerin Liu Yuandong wurde von den Herren mit einem deutlich weniger prominenten Portfolio abgespeist: Sie verantwortet Bildung, Sport und Kultur.So liegen Anspruch und Realität der Gleichberechtigung auch in China weit auseinander. Bei einer Umfrage unter Studentinnen in der zentralchinesischen Provinz Henan klagten 80 Prozent über schlechtere Jobchancen. Ebenso viele hatten das Gefühl, in Bewerbungsgesprächen benachteiligt zu werden. Da es in China keine Antidiskriminierungsgesetze gibt, werden Frauen in der Regel schlechter bezahlt - egal ob in Managerpositionen oder an der Nähmaschine.Erstmals DamenwahlDoch da die Frauenbewegung in China fest in staatlicher Hand ist, haben die Chinesinnen wenig Spielraum oder Anreiz, für ihre Sache zu kämpfen. Viele ziehen sich daher freiwillig in klassische Rollenmuster zurück. So kamen Umfragen in den Wirtschaftsballungsräumen Schanghai und Guangzhou zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der werktätigen Frauen ihre Jobs gerne aufgeben würden, vorausgesetzt ihre Männer verdienen genug. Sollen die sich an der Arbeitsfront doch alleine die Hände schmutzig machen.Ohnehin ist der traditionelle Chauvinismus der chinesischen Gesellschaft für Frauen heute zu einer mächtigen Waffe geworden. Da nach Einführung der Einkind-Politik Anfang der Achtziger zahllose Mädchen abgetrieben oder nach der Geburt heimlich getötet wurden, herrscht bei Chinesen im heiratsfähigen Alter ein Männerüberhang von 20 bis 30 Millionen. Erstmals in der chinesischen Geschichte herrscht damit Damenwahl. Wenn Mao das wüsste.------------------------------Die Rückkehr des KonkubinatsIn der Kaiserzeit gehörten Konkubinen zu jedem wohlhabenden Haushalt. Im Harem des Tang-Kaisers Xuanzong (685-762) sollen 4 000 Frauen gelebt haben.In der Gegenwart gehören Zweitfrauen, obwohl das Konkubinat seit Mao verboten ist, wieder zu den Statussymbolen der chinesischen Neureichenkultur. "Wer keine Geliebte hat, hat auch keinen Erfolg", besagt eine Redewendung.In der Rechtsprechung wurde 2001 auf Initiative des chinesischen Frauenverbandes das so genannte "Zweitfrauengesetz" eingeführt, das Bigamie offiziell unter Strafe stellt und den Ehefrauen Unterhaltszahlungen und Schadensersatz zusichert. Da die Männer ihre Mätressen häufig finanzieren, geraten ihre Ehefrauen regelmäßig in Geldnot.In den Statistiken zeigt sich, dass über 90 Prozent der Männer, die für Korruption oder andere Wirtschaftsverbrechen angeklagt sind, außereheliche Beziehungen hatten. Seit 2006 sind Beamte, die Geliebte haben, von Beförderungen ausgeschlossen.------------------------------Foto: Eine wirbt fürs Tanzstudio, eine geht ins Büro: im Pekinger Geschäftsviertel.------------------------------Foto: Selbst die Schriftzeichen spiegeln die traditionelle Rollenverteilung: Das Zeichen für Frau (l.) zeigt eine gebückte Person, das für Mann (r.) eine aufrechte. Ohne den oberen Querstrich bedeutet das Zeichen "groß".