BERLIN, 29. Mai. Am Sonntag war Michael Johnson im Fernsehen zu betrachten. In Monaco übergab er bei einer Sponsoren-Gala einen Laureus-Award. Sein Abgang, soweit am Bildschirm zu verfolgen, war grandios: Diskret, unter Beifall des Publikums, zog er sich nach vollbrachter Tat in tadelloser Haltung hinter die Kulissen zurück. Am Dienstag führte ihn seine Abschiedstournee als Sportler nach Berlin. Für neun Uhr hatte seine Ausrüsterfirma Nike ein Rundfunkteam ins Geschäft in die Innenstadt geladen. Für zehn Uhr war eine Pressekonferenz anberaumt, um 9.30 Uhr ein Interview mit dieser Zeitung. Drei Auf- und Abgänge also für den 33 Jahre alten Weltrekordler und Olympiasieger. Es war der zweite, der Eindruck hinterließ.Michael Johnson betrat, von PR-Mitarbeiterinnen begleitet, pünktlich um halb zehn einen Verkaufsraum im ersten Stock. Er setzte sich auf ein Ledersofa und beantwortete höflich, im texanischen Singsang, dreizehn Fragen. Bei der vierzehnten stand er auf. Er drückte das Kreuz durch in seiner unnachahmlichen Manier und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Was ihn zum Abmarsch bewog, war nicht sofort auszumachen. Das Wörtchen "Doping", das man in seinem Beisein besser nicht erwähnt, wie alle sagen, die ihn näher kennen, war nicht gefallen. Sicherlich aber wäre das Gespräch darauf hinausgelaufen, bei aller Rücksicht auf Johnsons persönliche Tabuthemen. Denn dieser Problematik kann sich niemand ernsthaft entziehen, der die Welt mit Fabelrekorden verblüffte, so wie Johnson es tat. Der nie in seiner Karriere positiv aufgefallen ist bei Dopingtests, aber trotzdem mit Argwohn leben muss - schon deshalb, weil das Netz der Trainingskontrollen in den USA bekanntermaßen äußerst löchrig ist. Johnson ist selbst für Experten der Leichtathletik ein Phänomen. Die Stadionrunde legte er 1999 in 43,18 Sekunden zurück, als er in Sevilla den elf Jahre alten Rekord von Butch Reynolds brach. Den 200-m-Weltrekord verbesserte er 1996 binnen kürzester Zeit zunächst auf 19,66 Sekunden, dann auf 19,32 Sekunden. Diese Leistungen haben ihm Bewunderung eingebracht, aber auch Irritation hervorgerufen. Verbrieft ist die Reaktion des früheren französischen Europameisters Michel Jazy - und es waren diese Äußerungen, die Michael Johnson am Dienstag nicht hören wollte: "Ich habe den Lauf erlebt und gesehen, wie die Amerikaner durchgedreht sind", sagte Jazy vor zwei Jahren der Zeitung L Equipe: "Danach habe ich angefangen zu weinen. Nicht vor Freude, sondern aus Nachdenklichkeit. Was Johnson da gezeigt hat, ist nicht natürlich." Der vermeintlich Übernatürliche wartete weder das Ende des Zitats ab, noch die Frage, die sich anschließen sollte: Nämlich, wie er solche Zweifel an seinen Leistungen entkräftet. Leider gar nicht, wie sich zeigte.Nun hat jeder interviewte Sportler das Recht zu gehen, wenn es ihm nicht passt - auch ohne höflich "bye bye" zu sagen. Außerdem sollte Johnson eine Viertelstunde später am selben Ort eine Pressekonferenz geben, er konnte es sich leisten, vorher mit Antworten zu knausern. Verwunderlich war nur, wie Nikes PR-Strategen auf das abgebrochene Interview, das sie dieser Zeitung von sich aus angeboten hatten, reagierten. Sie forderten die Reporterin vor der öffentlichen Pressekonferenz auf, das Haus zu verlassen - "mit Rücksicht auf die Sensibilitäten von Herrn Johnson". Diesen hatte, so wurde erklärt, das Wort "natürlich" in der letzten Frage gestört.Wie zu hören war, sind derlei verwerfliche Worte in der Pressekonferenz nicht mehr gefallen. Und einige Stunden später entschuldigte sich auch Ariane Massmann von der Nike Deutschland Unternehmens-Kommunikation für die Szenen in ihrem Hause. Michael Johnson wird noch einige Staffelrennen laufen und dann diskret, in aufrechter Haltung und mit tadelloser Dopingbilanz, hinter den Kulissen seines Privatlebens verschwinden. Nur ein paar Fragen bleiben offen."Keine Ahnung. Ich habe meine Karriere beendet." 200-m- und 400-m-Weltrekordler Michael Johnson auf die Frage, wer der schnellste Mensch der Welt ist.BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ Mensch und Image, oft unvereinbar: Michael Johnson.