Hinter den Zinnen des Kremls verbirgt sich ein wahrhaft großer Autor. Wladislaw Surkow, 45 Jahre jung und stellvertretender Chef der Präsidialverwaltung, gilt als der Verfasser jenes Drehbuchs, nach dem in Russland Demokratie gespielt wird. Wenn vor den Kulissen des Parlaments der Streit der Parteien simuliert wird oder Jugendliche mit Putin-T-Shirts in Reih' und Glied die Opposition verhöhnen, dann geschieht dies nach Surkows Anleitung. Er hält das Urheberrecht an der Kreml-Jugend "Die Unseren" wie am Kampfbegriff "Souveräne Demokratie".Hinter den Zinnen des Kremls verbirgt sich möglicherweise auch der völlig unbekannte Autor Natan Dubowizki. Das Pseudonym tauchte zum ersten Mal im August auf. Damals füllte die Zeitschrift "Russischer Pionier", ein Glamour-Journal für die intellektuelle Schickeria, eine ganzes Sonderheft mit dem Roman "Nahe Null" (Okolonolja). Es ist ein düster-überdrehter, ironischer, mit Zitaten vollgestopfter postmoderner Text, der ein wenig an Viktor Pelewin erinnert. Die literarische Öffentlichkeit hat sich wie elektrisiert auf diesen Text gestürzt - aus einem einzigen Grund. Sie geht davon aus, dass hinter dem Pseudonym Dubowizki ebenjener stellvertretende Chef der Präsidialverwaltung steckt, den sie verabscheut und bewundert.Bewiesen ist das zwar nicht, denn der Chefredakteur des "Pioniers", Andrej Kolesnikow, will das Ratespiel nicht auflösen. Die Indizien, die angeführt werden - etwa der Hinweis auf den Namen von Surkows Frau, Natalja Dubowizkaja, - bleiben bloße Indizien. Der Schriftsteller Viktor Jerofejew berichtete im November allerdings, Surkow habe sich ihm gegenüber zur Autorschaft bekannt. In der Öffentlichkeit schweigt Surkow, aber er schweigt sehr beredt. Er verfasste sogar eine zierlich-spöttische Rezension des Werks, "das ich entweder gelesen oder geschrieben habe". Der Autor habe nichts zu sagen und vergehe sich deshalb an den zitierten Klassikern, schrieb Surkow damals. Im Oktober behauptete er mehrdeutig, ihm gefalle der Roman -"vermutlich, weil ich nichts besseres gelesen habe".Das Verwirrspiel passt zum Roman, der selbst ein einziges Verwirrspiel ist. Der Held Jegor Samochodow ist ein unter die Verbrecher gegangener Intellektueller. In den wilden Neunzigern, als sich andere skrupellos die Rohstoffwirtschaft unter den Nagel reißen, unterwirft er sich mit Waffengewalt den Markt für Literatur. Wir begegnen ihm in den ruhigeren Nullerjahren, wie er einem mittellosen Lyriker Gedichte abpresst, damit sie ein Politiker unter eigenem Namen veröffentlicht. Der Roman schließt die Debatte über seine Urheberschaft sozusagen selbst ein. Und so wie der Held Texte verschiebt, so tut es auch der Roman. Von der allerersten Zeile - die auf Tschechows "Möwe" anspielt - bis zur letzten ist er gefüllt mit Borges und Kafka, Nabokov und Dostojewski sowie reichlich Shakespeare.Die Welt, in der er sich Jegor geschickt bewegt, ist durch und durch korrupt und zynisch. Sie dafür zu kritisieren, wäre allerdings unsinnig - es gibt ja keine Position außerhalb dieser Welt. So erklärt es Jegor der Journalistin Nikita, die einen kritischen Artikel über den Politiker verfasst hat und diesen nun selbst widerrufen soll. "Ungerechtigkeit, Gewalt, Apathie . sind Eigenschaften des Lebens überhaupt, nicht nur der Macht", belehrt sie Jegor. Und der Romanautor gibt ihm recht: Nikita, die angebliche Kämpferin für Unbestechlichkeit, willigt im Nu in das unmoralische Angebot ein.Jegor ist ein schlechter Mensch, aber er leidet darunter, etwa unter der eigenen Lieblosigkeit gegenüber seiner Tochter. Das soll die weiteren Wendungen der skurrilen Handlung plausibel machen. Bei einer exklusiven Filmvorführung in einem Haute-Volee-Club wird Jegor nämlich bis ins Mark erschüttert: Der Film, in dem seine Ex-Geliebte Plaksa mitspielt, stellt sich als Snuff-Movie heraus, Jegor wird Zeuge von Plaksas bestialischer Ermordung. Nach Hamlet'schem Zaudern, wie mit den Pfeilen des Geschicks umzugehen sei, fährt er in den Kaukasus, wo sich der Regisseur versteckt. Leider hat der sich den Schutz der geheimnisvollen Chasaren erkauft, die schon seit tausend Jahren die wahren Herrscher des Kaukasus sind. So wird Jegor nun seinerseits bestialisch vor laufender Kamera verstümmelt, wofür er den Filmemacher büßen lässt. So ist Jegor am Ende doch ein schlechter Mensch geblieben, aber das Nachwort stellt die Uhr zurück, er wird wieder Kind, und "alles begann von vorn. Alles war korrigierbar."Man muss sich schon reichlich verbiegen, um in diesem Text den "Teil einer Imagekampagne für Russland" zu erkennen, die "genau zu Medwedews selbstkritischer Rede zur Lage der Nation vom 12. November passt" - wie es in der Neuen Zürcher Zeitung stand. Aber der Roman ist dazu verurteilt, politisch gelesen zu werden, seit sein Autor im Kreml vermutet wird. Das schränkt die Freiheit des Lesers ein. Als der angesehene Regisseur Kirill Serebrennikow ankündigte, er wolle "Nahe Null" auf die Bühne bringen, zog er sich die Vorwürfe der Kritikerin Marina Dawydowa zu: Das ganze Verwirrspiel um den Roman habe etwas dämonisches, schrieb sie. "'Nahe Null' aufzuführen, während der mutmaßliche Autor des Werks auch weitgehend der Urheber der dort ironisch beschriebenen Wirklichkeit ist", verstärke dieses Spiel mit den bösen Geistern. Die Schriftstellerin Tatjana Tolstaja spottete über den Rezensenten der "Iswestija". Der hatte das Lob gleich kübelweise ausgeschüttet und sich besonders gefreut über die "glänzende Replik des Helden - die sich sicher mit der Position des Autors deckt - gegen die Rhetorik der Opposition". Dieser Rezensent, schloss Tolstaja, sei sich wahrhaft sicher, wer der Autor sei.Der Kommunist Alexander Prochanow, Verfasser patriotischer Polit-Thriller, machte sein Urteil über das Buch ausdrücklich davon abhängig, wer der Autor sei: Das sei ein guter Roman für einen Debütanten, aber ein sehr mangelhaftes Werk für jemanden, der im Kreml sitzt, urteilte er. Von dem wolle man dann doch wissen, wie das Uhrwerk der Macht funktioniere. Wer weiß, vielleicht schreibt Natan Dubowicki ja mal ein Werk über Wladislaw Surkow? Der Mann wirkt ja ohnehin wie eine Romanfigur, so schillernd und vieldeutig ist er: Der einzige Sohn eines Tschetschenen an der Kremlspitze, Ex-Mitarbeiter von Chodorkowski noch dazu, Autor von Rock-Liedern der Gruppe "Agatha Christie". Ein Zyniker der Macht in feinem Zwirn und mit traurigem Lächeln. Wenn "Nahe Null" tatsächlich Teil einer Imagekampagne ist, dann gilt sie nicht Russland, sondern Surkow.Der Berlin-Verlag hat das Buch nun auf Deutsch herausgebracht. Als Autor nennt er Natan Dubowizki, die Nutzungsrechte hat ihm der "Russische Pionier" abgetreten. Der Text kann und soll für sich selbst stehen, heißt es im Verlag. Der Autor, so hat man in Erfahrung gebracht, sei für Lesungen nicht zu haben.Natan Dubowicki: Nahe Null. (Gangsta Fiction). Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Berlin-Verlag, 222 S., 22 Euro.------------------------------Das Verwirrspiel um den Autor passt zum Roman, der selbst ein einziges Verwirrspiel istFoto: Wladislaw Surkow, Vizechef der Präsidialverwaltung, gilt als der Verfasser jenes Drehbuchs, nach dem in Russland Demokratie gespielt wird.