Was die Kritik ihr anläßlich ihres Buches "Caroline unterm Freiheitsbaum" vorwarf, hier treibt sie es auf die Spitze: das Subjektive. Brigitte Struzyk legt mit ihrem neuen Band "In vollen Zügen" 44 autobiographische Prosaskizzen vor, die treffend als "Rück-Sichten" untertitelt sind: im zeitlichen Sinne.Die 1946 im Thüringischen Geborene erinnert zunächst an ihr Kindsein im deutschen Nachkrieg, das geprägt ist von den Verdrängungen und vom Umlügen der Erwachsenen, von der Verlogenheit offizieller und privater Ideologie. Sie hat dies als Mädchen mit Ratlosigkeit und Aufsässigkeit quittiert und als Prosaistin genau registriert.Später - so ist zu erfahren - stößt sich die Erzählerin von den Orientierungen durch Eltern und Schule ab, schafft sich mit Gleichaltrigen Gegenwelten in ersten Lieben, einer rüden Sprache und heißen Musik, in den Beatles und Radio Luxemburg. Die persönlichen Erfahrungen als Heranwachsende haben sie dauerhaft skeptisch gemacht und ihre Eigenständigkeit herausgefordert. Das schließt schmerzvolle Liebeserfahrungen nicht aus, von denen die Autorin immer auch in ihren politischen Zusammenhängen erzählt, etwa als Westflucht des ersten Mannes, als offenbar werdende Stasizuträgerschaft eines langjährigen Geliebten oder als Behinderung des filmemachenden Vaters ihrer beiden Söhne durch das Kahlschlag-Plenum von 1965.In inhaltlicher Hinsicht konterkariert der Untertitel "Rück-Sichten" den Haupttitel, ordnet sich ihm unter: "Fremden Schmerz lindern zu wollen und den eigenen mit Verbissenheit zu verdrängen - darin entwickelte ich Vielfalt."Immer war Brigitte Struzyk unterwegs, auf der Suche nach für sie möglichen Lebensformen. Sie lebte in den turbulenten 70er Jahren in Prenzlauer Berg in kritisch beäugter und lebendiger Gemeinschaft in der von ihr gegründeten "Gruppe 46". Mit Trauer reflektiert sie die Auflösung dieses einst proletarischen Wohngebiets im gelungenen und zu Recht im Zentrum stehenden Text "Provinz Rattenpfiff". Schließlich mußte sie den Selbstmord ihrer ältesten Tochter verkraften. Davon handelt der Abschlußtext des Bandes, der aus den mitunter etwas bemüht wirkenden Skizzen herausragt, weil er in ganz eigener, einfacher Diktion, wenngleich ohne Punkt und Komma, geschrieben ist.Die Skizzen sind frei von persönlicher Larmoyanz und fataler DDR-Nostalgie und erschöpfen sich nicht im Informativen. Sie sind deutlich in dem Bemühen entstanden, sich eigener Erfahrungen zu vergewissern, "Zehenspitzenzeit", "Munkelorte" und das DDR-"Kuchenkrümelland" zu erinnern, alles Offizielle und Einengende hinter sich zu lassen. Aber es steht hinter ihnen auch eine künstlerische Ambition: Brigitte Struzyks Sprache ist lyrisch und anspielungsreich, lakonisch bis stilisiert. Allerdings macht der Band einen noch unfertigen Eindruck, denn es gibt sprachliche Ausrutscher und Unsauberkeiten, Unbeholfenheiten und allzu künstlich Bemühtes. Brigitte Struzyk: In vollen Zügen. Rück-Sichten. Aufbau-Verlag Berlin, 167 Seiten, 29,80 Mark.