In U-Bahn-Zügen behindern weiß aufgedruckte Brandenburger Tore den Blick nach draußen. In Straßenbahnen haben die Fahrgäste hinter grün beklebten Fenstern den Eindruck, die Welt durch eine ziemlich dunkle Sonnenbrille zu betrachten. Mit einem neuen Schutzfoliendesign wollen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) erreichen, dass ihre Fensterscheiben seltener zerkratzt werden.Nun werden alle Bahnen damit ausgestattet, sagte die BVG-Sprecherin Petra Reetz der Berliner Zeitung. Doch die bedruckte Anti-Scratching-Folie für die U-Bahn stößt auf Kritik. "Damit kapituliert die BVG vor den Vandalen", kritisierte Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB. "Wir fordern freie Sicht nach draußen." Motto: "Macht das Tor weg!""Allein im vergangenen Jahr mussten wir 960 000 Euro dafür ausgeben, mutwillig beschädigte Scheibenfolien in der U-Bahn auszutauschen", so die BVG. Die neue Gestaltung soll bewirken, dass der auf das Fensterglas geklebte Kunststoff viel seltener ausgetauscht werden muss als bislang - was die Kosten senken würde.Alle Züge werden beklebtDer Aufdruck mache die Fenster für Scratcher unattraktiv, hieß es. Das Auge nehme vor allem die fast postkartengroß abgebildeten Brandenburger Tore wahr - Kratzereien gerieten subjektiv in den Hintergrund. Sie gehen zwischen den kreuz und quer stehenden Emblemen unter. "Derzeit sind rund 120 U-Bahn-Wagen mit den Scheibenfolien beklebt", berichtete Reetz. In zirka zwei Jahren sollen alle U-Bahnen das Brandenburger Tor in dutzendfacher Ausfertigung auf den Fenstern haben. Die Folien werden von der dänischen Firma Ole Nonbye hergestellt, die auch die Berliner und die Kopenhagener S-Bahn beliefert.Andere Embleme seien nicht geplant, so die BVG. Der Fernsehturm war mal in der Diskussion, aber der stehe im Osten, während das Brandenburger Tor ein Symbol für beide Teile Berlins sei. Dass viele Fahrgäste gegen das neue Design protestieren, erwarten die U-Bahner nicht: Bisher habe es eine einzige "negative Kundeneingabe" gegeben. Freie Sicht sei "nebensächlich" - die Züge fahren ja meist unterirdisch."Wir verstehen die Absichten der BVG. Doch dies ist die falsche Entscheidung", entgegnete Jens Wieseke. Die Gestaltung sei viel zu "unruhig". Die Embleme nähmen den Fahrgästen die Sicht - sie säßen dahinter wie eingesperrt. "Der Eindruck ist nicht viel besser als bei zerkratzten Scheiben", bekräftigte der IGEB-Vorsitzende Christfried Tschepe. Reetz widersprach: lieber eine Scheibe mit Folie als eine mit Scratching.Mit unruhigen Mustern hat auch die S-Bahn versucht, Vandalismus zu verhindern. Sitzbezüge und Wandverkleidungen in vielen Zügen zeugen davon. Allerdings hat dies dort offenbar dazu angeregt, andere Flächen zu bemalen oder Fensterglas zu zerkratzen.Bei der Straßenbahn geht die BVG einen anderen Weg. Dort werden Scheiben mit grünen Folien beklebt - die aber nicht bedruckt sind. "Bis Ende 2009 statten wir schrittweise alle Fahrzeuge, die nicht über getönte Scheiben verfügen, damit aus", so die BVG.In der Tram wird es dunklerDer grüne Kunststoff auf der Tram soll getönte Scheiben imitieren: "Wir hoffen, damit das Interesse an Scratching zurückzudrängen. Denn auf solchen Scheiben sind Kratzereien nicht so gut sichtbar." Deshalb gebe es in den Zügen, die getönte Fenster haben, weniger zerkratztes Glas. Zwar werde "die Sonneneinstrahlung etwas reduziert" - es wird also dunkler in den Zügen. Doch für die IGEB sind die Folien gerade noch akzeptabel. "Auch wenn sie ebenfalls nicht schön sind", so Tschepe. Kritik von Fahrgästen habe es nicht gegeben, meldete die BVG.Im vergangenen Jahr gab die BVG mehr als 8,9 Millionen Euro dafür aus, Schmierereien zu entfernen und Sachbeschädigungen zu beheben - 68 Prozent mehr als 2003. Mit rund 2,4 Millionen Euro stellten Sachbeschädigungen in U-Bahnen den größten Kostenanteil. Bei der S-Bahn verursachten Graffiti und Vandalismus Kosten von 5,6 Millionen Euro - im Vergleich zu 2003 ein Plus von zwölf Prozent. In Berlin sei das Ausmaß der Zerstörung deutschlandweit am schlimmsten, so der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen.Scratching belaste nicht nur die Bilanz, es ärgere auch die Fahrgäste, sagte Reetz: "Wir kleben die Folien nicht aus Spaß."------------------------------"Eine falsche Entscheidung. Damit kapituliert die BVG vor den Vandalen."Jens Wieseke, Fahrgastverband------------------------------Foto : Mit dem Brandenburger Tor gegen das Scratching: Zwischen den auf eine Folie gedruckten weißen Emblemen gehen Kratzereien unter, sagt die BVG.

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