Mit seinen Worten zur Angleichung der Steuersätze in Europa ist Oskar Lafontaine ein Lieblingsfeind der Londoner Boulevardpresse und ein Problem für die Blair-Regierung geworden: Der böse Mann von Seite eins

LONDON, 2. Dezember. Oskar Lafontaine kann sich jetzt in Serie bewundern: Auf der Titelseite des britischen Boulevardblatts "Sun" tauchte der Bundesfinanzminister am Mittwoch schon zum zweiten Mal binnen einer Woche auf; ein Privileg, das sonst höchstens Busen- oder Schlagerstars, allenfalls Königlichen Hoheiten zuteil wird. Die plötzliche Prominenz im Ausland aber dürfte dem Saarländer nicht allzu angenehm werden. In der vergangenen Woche war er den "Sun"-Schreibern nur "der gefährlichste Mann Europas", jetzt riefen sie dem "Herrn Lafontaine" ein "Foxtrot Oskar!" über den Kanal, die militärische Laut-Beschreibung der Anfangsbuchstaben des kaum druckbaren, aber überdeutlichen "Fuck Off!". Die anspruchsvollere Londoner Mittwochspresse enthielt sich der niederen Umgangssprache, aber des Finanzministers Gesicht war auch auf ihren Seiten ausgestellt. Lafontaine als Universal-Buhmann: Er hat sich offensichtlich recht unbeliebt gemacht im Vereinigten Königreich, der neue Chef im Bonner Finanzministerium. Das Thema, das auf den britischen Inseln solche Erregung erzeugt, hatte Oskar Lafontaine am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Rande des Brüsseler Finanzministertreffens markiert: die Harmonisierung der Steuersätze im Gefolge der Währungsunion. Er persönlich halte eine ebensolche für das dringende Gebot der Stunde. Zudem sei er der "persönlichen Meinung", daß das Prinzip der Einstimmigkeit bei Entscheidungen des Euro-Rats für diese Themen nicht aufrechterhalten werden könne. Wenn es um die Angleichung von Steuern ginge, dürfe niemand ein Veto haben. Niemand, auch nicht die Briten also.Schatzkanzler Brown bloßgestelltWie dumm nur, daß in einem Nachbarsaal der britische Schatzkanzler Gordon Brown einer anderen Gruppe von Journalisten gerade etwas ganz anderes erzählt hatte. Eine Harmonisierung der Steuersätze stehe unter Europas Finanzministern nicht zur Debatte; ihnen gehe es einzig und allein um eine Beendigung von "Steuer-Konkurrenz". Langfristig geltende Steuersätze aufeinander einzustellen wäre Unsinn, sagte Brown. Es gelte hingegen, Steuerschlupflöcher zu stopfen, Steuergeschenke zu verhindern und andere absonderliche Ungerechtigkeiten im Gemeinsamen Markt aufzuheben. Entgegen der Panikmache in der britischen Boulevard-Presse, sei er, Brown, gerade dabei, die europäische Debatte "mit dem Argument zu gewinnen, daß Fortschritt in Europa durch Wirtschaftsreformen zu erreichen ist und nicht durch Steuerharmonisierung". Der selbsternannte Sieger Gordon Brown fand sich "in einen Hinterhalt gelotst", beschrieb der streng eurokritische "Telegraph" am Mittwoch spöttisch die Lage. Auch andere Blätter verliehen Lafontaine die Rolle des europäischen Großmanipulators: Brown habe von "Klein-Napoleon" einen "Nasenstüber" bekommen, hieß es im "Independent". Die "Times" blies den Brüsseler Eklat zum Zeichen dafür auf, daß die Flitterwochen der Labour-Regierung mit Europa beendet seien, während der "Guardian" vom "Showdown" in Europa sprach, bei dem die Briten schon den kürzeren gezogen hätten.Die zunehmend eitle Blair-Regierung ließ mit Reaktionen nicht lange auf sich warten. Gordon Brown verwies Lafontaines Forderungen verärgert ins Reich der Phantasie. Tony Blair forderte angeblich, Lafontaine zum Schweigen zu bringen. Der Regierungssprecher Alastair Campbell griff, wie gewohnt, ganz öffentlich zu unfeinen Ausdrücken: "Schwachsinn". Der Zorn der Londoner Linksliberalen hat Gründe. Zunächst stehen Blair wie Brown einer Steuerharmonisierung schon aus wirtschaftspolitischen Motiven ablehnend gegenüber. Die Gewerbesteuern liegen im Königreich bei derzeit maximal 31 Prozent (ab April 1999 bei 30 Prozent) und damit um zweistellige Werte unter denen Deutschlands und Frankreichs. Auch der Einkommenssteuersatz ist mit 23 Prozent (40 Prozent für höhere Einkommen) deutlich niedriger angesetzt als im EU-Durchschnitt. Ihre Steuerlast tragen die Briten dafür vermehrt über die vergleichsweise hohe Besteuerung von Verbrauchs- und Luxusgütern. Eine Harmonisierung des Systems in Richtung Europa könnte aus britischer Sicht deshalb nur ins wirtschaftliche Durcheinander führen. Der Schaden, den Lafontaines Äußerungen Labours Europapolitik zugefügt hat, ist allerdings weit größer. Seit der Regierungsübernahme im Mai 1997 nämlich predigt die Labour-Spitze, daß unter dem wachsenden Einfluß der Briten in Brüssel das Szenario einer für britische Köpfe furchterregenden stärkeren politischen Integration Europas langsam zu den Akten gelegt wird. Brüssel sei pragmatischer geworden, heißt es in einschlägigen Reden und Artikeln. Selbst ein möglicher Beitritt zur Währungsunion, nach Gordon Browns Dafürhalten nur im Falle höchsteigenen wirtschaftlichen Vorteils zu erwägen, käme nicht einer Verlagerung der Macht von London nach Brüssel gleich. Das Unterhaus in Westminster werde das Recht behalten, die britischen Steuern zu erheben, predigt Brown gegen die anhaltend europakritische Presse an, und einen Superstaat in Europa werde es nicht geben. Bislang ist diese Blairsche Strategie erfolgreich. In Umfragen hat die traditionelle Euro-Angst der Briten abgenommen. Mit Lafontaines Anmerkungen könnte sich dies nun geändert haben. "Lafontaine hat ausgesprochen, was ich schon immer gesagt habe", höhnt der Chef der britischen Konservativen und Euro-Gegner William Hague: Wer mitmache beim Euro, der müsse auch seine Steuerhoheit aufgeben. Die Blair-Regierung, die das stets verneint hat, hört sich mit dem britischen Veto drohen ganz wie einst Thatcher oder Major. Die Euro-Gegner sehen sich im Aufwind in London. Ihre Dankbarkeit könnte Oskar Lafontaine schon bald den nächsten Platz auf dem "Sun"-Titel bescheren als Buhmann gegen Blair.