Jährlich begehen in Deutschland rund 35 000 Autofahrer Unfallflucht. Nach jedem 20. Unfall, bei dem ein Mensch getötet oder verletzt wird, flieht der Verursacher vor der Verantwortung; bei schweren Sachschäden ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sogar jeder zehnte flüchtig. Hinzu kommen noch knapp zwei Millionen Bagatellschäden, über die gar nicht mehr richtig Buch geführt wird. Doch die Fahrerflucht bleibt - zumindest bei folgenschweren Fällen - nur selten ungesühnt. Denn mit viel Wissenschaft und einer gehörigen Portion Sammlerfleiß hat das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden zwei Datenbanken entwickelt, dank deren Hilfe zumindest das Fahrzeug des Schuldigen schon mit einer Lackspur oder dem Splitter eines Blinkers ermittelt und identifiziert werden kann.Die wichtigsten Hinweise auf das Tatfahrzeug liefern die Lackspuren am Unfallort, aus denen sich quasi ein Fingerabdruck für jedes Pkw-Modell ablesen lässt. Denn was dem Laien nur als Rot oder Weiß erscheint, birgt für den Fachmann ein ganzes Bündel von Informationen. Die Palette der Untersuchungskriterien beginnt laut Stefan Becker, dem Leiter dieses BKA-Fachbereiches, beim Aufbau der einzelnen Lackschichten von der Grundierung über den Füller bis hin zur Decklackfarbe und führt über die chemische Zusammensetzung der verschiedenen Zutaten zu den Pigmenten in den jeweiligen Farbtönen. Dafür reicht den Ermittlern laut Becker schon ein winziger Splitter, der kaum größer ist als der Punkt hinter diesem Satz. In den Labors der Landeskriminalämter werden diese Proben nach Vorgaben aus Wiesbaden zunächst unter dem Mikroskop untersucht. Sind Schichtaufbau und Farbe bestimmt, wird das Beweisstück in Kunstharz gegossen und dann in Scheiben gehobelt, die 30 mal dünner sind als ein Haar. So präpariert, kann der Lack nach Aufnahme eines Infrarotspektrums kaum mehr Geheimnisse verbergen.Diesen spektroskopischen "Fingerabdruck" vergleichen die Beamten mit den Informationen aus der Datenbank EUCAP, einer umfassenden Sammlung von Autolacken, in der BKA-Wissenschaftler seit 1988 die spezifischen Informationen zu inzwischen rund 25 000 Lackmustern zusammengetragen haben. Mit den Proben, die im BKA fein säuberlich geordnet mehrere Schrankwände füllen, decken die Ermittler fast den gesamten Pkw-Bestand in Deutschland ab. Und damit auch im Zeitalter der Globalisierung die meisten der jährlich rund 1 000 neuen Autolacke über kurz oder lang tatsächlich auch im Wiesbadener Archiv landen, gibt es mittlerweile ein ganzes Netzwerk von Farbdetektiven. So wird die Zentrale Autolacksammlung also nicht nur von den Auto- und Farbherstellern direkt versorgt, sondern auch Polizei-Kollegen im europäischen Ausland, in Nordamerika und Japan sammeln mit und dürfen im Gegenzug auf die EUCAP-Daten zurückgreifen.Sind die Daten vom Unfallort erst einmal durch den EUCAP-Rechner gelaufen, können die Fahnder das Tatfahrzeug relativ eng eingrenzen. Meist erkennen sie zumindest den Hersteller und das Modell, oft lassen die Lacke laut Becker sogar Rückschlüsse auf das Baujahr zu. Bei insgesamt 90 Prozent aller auswertbaren Spuren könne das Lackmuster eindeutig bestimmt werden. Mit diesen Informationen können die Polizisten vor Ort dann gezielt nach dem richtigen Auto fahnden.Als zweite Fährte zum Fahrerflüchtigen dienen der Polizei die Splitter von Spiegeln und Scheinwerfern am Unfallort. Dabei machen sich die Scherben-Leser zu nutze, dass alle lichttechnischen Einrichtungen am Fahrzeug eine Prüfnummer benötigen und darüber hinaus vom Hersteller mit Firmenbezeichnungen, Ordnungs- oder Teilenummern bedruckt werden können. Diese Informationen hat die Polizei zusammen mit den Codes auf den Außenspiegeln seit Beginn der siebziger Jahre in der "Leuchtendatei für Unfallfluchtnachforschungen" (LUNA) zusammengefasst. Darin finden sich nach Angaben der BKA-Ermittler derzeit rund 53 000 Datensätze mit mehr als 220 000 Einzelinformationen. Um dabei ständig auf dem Laufenden zu bleiben, wertet das BKA jährlich rund 20 000 Blatt mit Dokumenten des KBA aus, pflegt einen intensiven Schriftverkehr mit den Fahrzeug- und Scheinwerferherstellern und nimmt jedes neue Auto auf Messen oder beim Händler noch einmal selbst unter die Lupe.Diese Fülle von Zahlen und Codierungen wird im Zentralrechner von LUNA so aufbereitet, dass jede Polizeidienststelle online darauf zugreifen kann. Dazu müssen die Kollegen vor Ort lediglich Farbe, Material und die noch vorhandenen Fragmente der Prüf- oder Ordnungsnummern der Scherben eingeben, und schon zeigt der Rechner den einen oder im Zweifelsfall mehrere Treffer an. Bei vielen der 90 000 Dateirecherchen pro Jahr kann LUNA das Fahrzeug auf Anhieb einschränken oder gar identifizieren. Dann müssen die Polizisten in der Wache nur noch den Fahrer finden, und schon ist wieder ein Flüchtiger gestellt.------------------------------Foto: Hier handelt es sich nicht um einen echten Unfall, sondern einen Crash mit einem Dummy. Bei Fahrerflucht könnte das Auto mit Hilfe von Farbspuren identifiziert werden.