Neulich an einem Sonntagnachmittag - Freunde besuchten uns mit einem kleinen Mädchen - da fehlten Windeln im Haus, schlichtweg Windeln. Also los, Windeln kaufen. Aber wo im servicefernen Deutschland?An einer Tankstelle natürlich. Wieso natürlich? Na, weil s da halt alles gibt. Benzin, Präservative, warme und kalte Würstchen, Bier in jeder Façon, Zeitschriften, Konserven, Gefrorenes, warum also nicht Windeln, die man ja vielleicht auf einer Autoreise braucht. Erste Station: "Führen wir nicht." Zweite Station: "Ist aus." Im Stadtteilbahnhof keine Windeln, im Hauptbahnhof alles Mögliche, nur keine Windeln. Die meisten Apotheken geschlossen. Endlich, in der internationalen Apotheke an Hamburgs Ballindamm, zu Mondpreisen, versteht sich, Apothekerpreisen eben.SchnäppchenDas soll angeblich jetzt anders werden. Deutschlands große Konzerntankstellen planen, ihr Angebot zu erweitern, mit Schnäppchen zum Beispiel, so wie der Kaffeeröster Tchibo, der seinen Umsatz mit Bademänteln, Luftmatratzen, Orangenpressen und Essgeschirr bestreitet, vielleicht auch mit Windeln. So bietet das Shell-Tankstellen-Netz eine Kombizange feil, mit der man zwicken, greifen, bohren und sonst was noch kann. Und hinterher trotten Esso, Aral, Dea und BP.Na also, ganz Deutschland auf dem Weg zum Basar. Darf ich davon ausgehen, dass mein türkischer Gemüsehändler mir demnächst - auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten - ein paar Liter Benzin anbietet? Und eine Feuerversicherungspolice dazu. Warum bekomme ich in der Apotheke keine Zigaretten oder Schnaps in Dussmanns Kulturkaufhaus in Berlin (auch nach 22.00 Uhr)?Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Alles soll künftig überall zu haben sein, auch im Internet und bargeldlos. Und das in Zeiten, in denen die Christlich-Demokratische Union uns wieder ans Bargeld - kofferweise - gewöhnt hatte. Die schöne neue Welt droht.Doch noch ist es nicht soweit. Mein Beef-Hack muss ich bis 18.30 Uhr gekauft haben, das Aspirin gibt es nur in der Apotheke, mein Buch, wo immer ich es bestelle, beim Buchhändler oder per Internet (Auslieferung am nächsten Morgen) nur zum Festpreis.Die Einzelhändler sind, wie sie neulich bekanntgaben, ganz wild darauf, ihre Ladentüren erst dann abzusperren, wenn es ihnen passt - und nicht dem Gesetzgeber oder der örtlichen Ordnungsbehörde (nächstens guckt die noch darauf, ob ich meinen oberen Hosenknopf geknöpft habe; ich fürchte, sie tut es schon). Nur, der Bundestag denkt nicht daran, seine willkürliche Vormundschaft über mein Kaufbedürfnis und die Verkaufsbereitschaft meines Händlers aufzuheben. Sie feilschen um halbe Stunden, als ob sie nichts Wichtigeres zu tun hätten. Und demnächst feilschen sie wieder.In anderen, weiß Gott nicht unzivilisierten Ländern kann ich auch sonntags einkaufen, nur nicht bei uns. Deutschlands Abgeordnete als Hilfskapläne der Kirche. Aber, was ist mit den Gottlosen, was mit Juden und Mohammedanern? Können die denn nicht feiern, wann sie wollen - die einen gar nicht, die anderen am Sabbat oder Ramadan? Was geht das Gebet den Gesetzgeber an?Sonntags ruht der Trieb nichtWas geht ihn an, wenn ich mein harmloses Aspirin bei Drogisten oder Kolonialwarenhändlern kaufe statt in der Apotheke? Schließlich hält der Apotheker ja auch Kosmetika oder Gummibären feil. Warum muss ich für ein Buch einen Einheitspreis bezahlen, das ich in einer deutschen Buchhandlung in Paris zu deren kalkuliertem Preis erwerben kann? Warum soll ich im Namen einer imaginären "Lesekultur" kleine Buchhändler oder Zwergverlage schützen, die nicht rechnen können? Warum darf ich sonntags ein Möbelstück, einen Porsche oder BMW nur betatschen, es oder ihn aber nicht kaufen? Jedes Museum hat sonntags auf, jedes Theater darf spielen, jedes Kino, auch wenn es den größten Mist spielt, den heiligen Sonntag also wirklich nicht heiligt. Von Pornoschuppen mal abgesehen, offenbar weil der Trieb unterhalb der Gürtellinie auch sonntags nicht ruht, nicht mal bei Big Brother. Aber vielleicht könnte man ja schon einmal anfangen, mir wenigstens das Kaufen zu erleichtern: mit der Zange an der Tankstelle eben. Und auch mit Windeln.