Es begann wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Eigentlich wollte ein Beduinenhirte nur eine seiner Ziegen mit Steinwürfen aus einer Höhle zurück zu ihrer Herde jagen. Doch statt des Tieres trafen die Steine in der Höhle bei der Ruinenstätte Khirbet Qumran am Toten Meer scheppernd auf uralte Tonkrüge. Der Hirte hatte damals, im Jahr 1947, etwa zweitausend Jahre alte Schriftrollen entdeckt, die später unter dem Namen Qumran-Rollen weltberühmt wurden. Sie enthalten unter anderem die ältesten bekannten Überlieferungen von Bibeltexten sowie die Niederschrift der bis dahin unbekannten Regeln einer religiösen Sekte, der Qumran-Gemeinschaft.In den vergangenen Monaten haben Berliner Wissenschaftler am Berliner Elektronenspeicherring für Synchrotronstrahlung (Bessy) Teile der Qumran-Dokumente analysiert. Inmitten des Labyrinths von Rohren und Messplätzen des Instituts fällt es heute schwer, sich vorzustellen, wie die Schriftrollen vor sechzig Jahren in der Judäischen Wüste gefunden wurden. Und auch die Fragmente, die in den vergangenen Monaten in Berlin-Adlershof untersucht wurden, erinnern kaum an die spektakulären Rollen, die man heutzutage im Schrein des Buches in Jerusalem besichtigen kann. Kleine, zum Teil nicht einmal zentimetergroße Pergamentstücke sind es, die in sorgfältig klimatisierten Kisten aus Israel nach Berlin transportiert wurden. Das Material enthält zwar Tuschespuren - aber nicht genug, dass Geisteswissenschaftler einen Text erkennen könnten. Die Naturwissenschaftler der Technischen Universität (TU) Berlin, der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM), des Fritz-Haber-Instituts und des Bessy jedoch können auch in diesen Fragmenten lesen. Ihre Messmethoden im Bereich von Mikrometern (tausendstel Millimetern) sollen helfen, einige Geheimnisse der Rollen zu lüften.Denn auch heute noch werfen die mehr als achthundert Rollen, die nach 1947 in elf Höhlen rund um Qumran entdeckt wurden, viele Fragen auf. So sind sich die Gelehrten bis heute uneinig darüber, ob die Dokumente tatsächlich mit der antiken Siedlung Qumran zu tun hatten. Und gehörten die vielen Rollen überhaupt alle zu einer Bibliothek? Die Zuordnung der Abertausende von Fragmenten zu einzelnen Rollen ist ebenfalls in vielen Fällen umstritten. Sie wurde in den letzten fünfzig Jahren mühsam anhand der jeweiligen Handschriften vorgenommen, um die hebräischen, aramäischen und griechischen Texte überhaupt zusammenhängend lesen und veröffentlichen zu können."Wir wollen solche und ähnliche Fragen anhand der Messdaten von den Tuschen und Pergamenten überprüfen", sagte Projektleiterin Ira Rabin von BAM und der Jüdischen Nationalbibliothek Jerusalem vor Journalisten in Berlin. "Denn jede Rolle hat ihre Geschichte in sich gespeichert." Die Analysedaten der Berliner Forscher ermöglichen es Rabin zufolge zu unterscheiden, welche Spuren auf die Herstellung zurückgehen, welche bei der zweitausendjährigen Lagerung hinzukamen und welche sechzig Jahren Restaurierungsgeschichte zuzuordnen sind.Möglich wird diese Unterscheidung unter anderem durch den chemischen Fingerabdruck, den das Wasser des Toten Meeres hinterlässt. Ein ganz bestimmtes Verhältnis seiner chemischen Elemente ist typisch für Pergamente, die mit diesem Wasser behandelt wurden sowie für die aus Ruß und diesem Wasser angerührte Tusche. "Diesen Fingerabdruck können wir mithilfe der Röntgenfluoreszenzanalyse identifizieren", berichtet Oliver Hahn von der BAM. Bei dieser Methode tasten zunächst energiereiche Röntgenstrahlen des Synchrotronrings die Fragmente ab. Die angeregten Atome in den Fragmenten reagieren darauf mit einer typischen Fluoreszenzstrahlung, die Rückschlüsse auf die chemischen Bestandteile des Fragments zulassen. Der Nachteil: Man kann nur sehen, in welcher Menge ein Element in dem untersuchten Objekt vorkommt, aber nicht in welcher Tiefe unter dessen Oberfläche. Daher ist eine nachträgliche Ablagerung auf diese Weise nicht von den Spuren unterscheidbar, die schon seit der Herstellung vorhanden sind.Der Blick in die Tiefe wiederum ist die Spezialität der dreidimensionalen Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse, die von der Arbeitsgruppe Birgit Kanngießers an der TU Berlin entwickelt wurde. "Der Trick dabei ist, dass wir zwei Röntgenoptiken verwenden und die Probe in ihren Kreuzungspunkt schieben", sagte Kanngießer. Die eine Röntgenoptik bündele die Strahlung auf das Untersuchungsobjekt, die andere sammele die spezifische Strahlung der Elemente in den Fragmenten und führe sie zu einem Detektor, der sie in seine Bestandteile auflöst. "So können wir das Material am Bessy Mikrometer für Mikrometer durchgehen und nachweisen, ob die Rückstände des Wassers aus dem Toten Meer nur an der Oberfläche zu finden sind oder das ganze Pergament durchdringen."Ergänzt wurden diese Methoden durch die sogenannte Infrarotspektroskopie, die ebenfalls Synchrotronstrahlung nutzt. "Damit können wir die Struktur großer organischer Moleküle erkennen, wie sie auch in Pergament vorkommen, ohne das Metrial zu zerstören", sagt Ulrich Schade vom Bessy. "Außerdem können wir sehen, welche Konservierungsversuche in den vergangenen sechzig Jahren an den Fragmenten unternommen wurden. In den Fünfzigerjahren etwa behandelte man die Pergamente in Rizinusöl, um die Kontraste zu erhöhen. Das erschwert heute die chemische Analyse."Mithilfe der Synchrotronstrahlung des Bessy konnten nun viele bisher unentdeckte Spuren der Geschichte auf den untersuchten Qumran-Fragmenten festgestellt und zugeordnet werden. "Die genauen Ergebnisse werden wir demnächst in einer Fachzeitschrift veröffentlichen", kündigt Ira Rabin an. Das Ziel der Forschung ist, eines Tages eine Art Atlas zu erstellen, der die Herstellungsorte aller Qumran-Rollen anhand der jeweils verwendeten Rußtuschen verzeichnet. Doch nicht alle Originale können zur Untersuchung nach Berlin geschafft werden. "Deshalb wollen wir in den nächsten zwei Jahren hier in Berlin ein Verfahren entwickeln, das ohne die Synchrotronstrahlung auskommt", sagt Rabin. Dann sollen die Rollen in einem mobilen Labor am Aufbewahrungsort in Jerusalem untersucht werden.------------------------------Foto: Eine der zweitausend Jahre alten Pergamentrollen von Qumran ist vor drei Jahren in Berlin in einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau gezeigt worden. Am Berliner Elektronenspeicherring für Synchrotronstrahlung (Bessy) haben Forscher jetzt Fragmente der Qumranrollen untersucht.------------------------------Foto: (2) Nur zentimetergroß sind die Fragmente von Pergament der Qumran-Rollen, die ein internationales Forscherteam in den vergangenen Monaten am Bessy in Berlin-Adlershof untersucht hat (links). Materialwissenschaftler Ulrich Schade vom Bessy analysiert eine der zweitausend Jahre alten Materialproben (rechts).

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