VLORA - Halboffene Kartons, viel Papier, in der Ecke sind überzählige Büromöbel aufgestapelt. Vier junge Beamte des Bauamtes von Vlora sitzen an großen Bildschirmen, vor sich den Stadtplan, auf dem jedes einzelne Haus verzeichnet ist. „Die angekreuzten Gebäude“, erklärt Doriana Sulaj, Referentin auf dem Amt, „die sollen demnächst alle abgerissen werden, denn sie sind illegal.“ Für die Stadt, sagt sie, wäre es ein Segen.

Tatsächlich ist das früher so beschauliche Hafenstädtchen mit seinen Moscheen und türkischen Basargassen kaum noch wiederzufinden. Zum Meer hin entstand innerhalb von nur drei Jahren gegen alle Pläne und gegen alle Vernunft ein ganz neues Stadtviertel aus sechs- bis achtstöckigen Wohntürmen, alle mit Balkon und alle mit Meerblick – allerdings nur so lange, bis der nächste Klotz noch näher an den Strand gesetzt wurde. Das meiste steht leer.

Eine Stichstraße in jede Bucht

Und jetzt kommen also die Abrisskommandos? Nun ja, nicht direkt, sagt Doriana Sulaj: „Wir bemühen uns um menschliche Lösungen.“ Was, bitte, wäre denn unmenschlich am Abriss leerstehender Gebäude? Hier liege offenbar ein Missverständnis vor, erklärt die freundliche Beamtin: „Die hohen Häuser – das sind ja die legalen.“ Illegal seien allenfalls die alten, kleineren und das Wenige, was sich mutige Zuzügler vom Lande ins Brachland neben die Bettentürme gestellt haben. Deren Eigentümer könnten, wenn sie Glück haben, ihr Häuschen gegen eine Wohnung im Turm nebenan eintauschen.

An der ionischen Küste, die lange Zeit als Europas letzter unberührter Uferstreifen am Mittelmeer galt, hat Albanien in kürzester Zeit die schlimmsten Bausünden nachgeholt, die man von der Côte d’Azur und der Costa Blanca kennt. Internationale Geldgeber leisteten kräftig Mithilfe: Die Weltbank finanzierte den Bau einer Küstenstraße bis kurz vor die griechische Grenze. Die Gemeinden bauten überall Stichstraßen an die beschaulichen Buchten, die bis dahin nur vom Meer aus erreichbar waren. Dort gibt es weder Toiletten noch Abfalleimer, nur ein Kassenhäuschen, in dem jemand Eintrittsgeld kassiert. „Wenn wir da baden gehen“, sagt der Mitarbeiter einer internationalen Organisation in Tirana, „nehmen wir immer eine Rolle schwarze Müllsäcke mit.“ Die erste Stunde wird dann erst einmal aufgeräumt.

Verantwortlich für das Investitionsprogramm der Weltbank war Jamarber Malltezi, Schwiegersohn des soeben abgewählten konservativen Premierministers Sali Berisha. Schon 2007, als der Boom begann, ließ der umtriebige Geschäftsmann massenhaft alte, angeblich illegal errichtete Häuser an der Küste abreißen, um Platz für Hotels zu schaffen.

Am flachen Küstenabschnitt zwischen Vlora und Durres ist mittlerweile alles zu spät. Hier stehen die Bettenburgen in Dreier- und Viererreihen, die grelle Leuchtreklame erinnert an Las Vegas. Stolz vermeldet die Regierung, die Zahl „ausländischer Touristen“ wachse von Jahr zu Jahr. Was sie verschweigt, ist, dass es vorwiegend treue Auslandsalbaner und Kosovaren sind, die kommen. Rucksacktouristen und Motorradfahrer aus reicheren Ländern schauen allenfalls kurz vorbei – und wenden sich dann mit Grausen ab. Von den großen Reiseveranstaltern hat keiner das Land im Programm.

Mit dem Gesetz allein ist der Verwüstung nicht beizukommen, wie Ndricim Metaj aus Vlora erleben musste. Gleich nach der Wende in Albanien war der heute 52-jährige Angestellte nach Österreich gegangen. Als er vor fünfzehn Jahren mit seinem sauer verdienten Geld der Familie ein neues Haus hinstellte, ging es gerade einmal aufwärts in Albanien. Ein Volksaufstand hatte die korrupte Regierung hinweggefegt, die Anbindung an Europa war jetzt das Ziel. Metaj riss das alte, marode Haus gleich gegenüber der Muradie-Moschee ab und setzte an seine Stelle ein neues: in mediterranem Gelb, drei Stockwerke hoch, mit Balkon.

Kaum waren Metajs Schwiegereltern dort eingezogen, wuchs gleich nebenan ein Wolkenkratzer in die Höhe. Gleich nebenan heißt in Vlora: Die Außenwand des Nachbarhauses kratzt an seiner Dachrinne. Gucken die Metajs aus dem Fenster, haben sie in 30 Zentimeter Entfernung eine Wand vor sich.

Metajs nahm diese offensichtliche Missachtung sämtlicher Bauvorschriften nicht hin. Er reichte Klage ein. Das Gericht ließ sich Zeit. Schließlich genehmigte es dem Nachbarn nachträglich einen fünfstöckigen Bau mit einem Meter Abstand zum Haus der Familie Metaj. Erwähnen sollte man vielleicht, dass das Gesetz mindestens acht Meter vorsieht; in der Baugenehmigung der Stadt war immerhin noch von 2,40 Meter die Rede. In Wirklichkeit waren es, an der Dachrinne gemessen, vier bis fünf Millimeter.

Bis zur Berufung setzte die Baufirma auf dem Nachbargrundstück noch einmal illegal drei Etagen drauf. Die Richter in der zweiten Instanz kamen nun auf die Idee, Metajs Eigentümerschaft an seinem Elternhaus anzuzweifeln. Inzwischen liegt der Fall beim Obersten Gericht in Tirana.

Mit seiner Beharrlichkeit drang Metaj in höchste Regierungskreise vor – bis hin zum Justizminister und heutigen Staatspräsidenten Bujar Nishani. „Je höher ich kam, desto bestürzter reagierten die Politiker“, erzählt Metaj. „Aber sie taten nichts.“ Ob aus Unwillen oder aus Unfähigkeit, konnte er nicht ergründen. „Die haben alle gelogen“, resümiert er.

Welche Chance selbst ein Politiker guten Willens hätte, sei dahingestellt. „Das für die Erhaltung der Küste zuständige Umweltministerium hat nur drei Inspektoren“, konstatiert ein Weltbank-Mitarbeiter, „und denen steht nicht einmal ein Auto zur Verfügung.“ Wo die Ministerien versagen, regieren die Bürgermeister. „Auch bei ihnen weiß man oft nicht recht, ob sie schwach sind oder ob Geldgier sie treibt“, sagt der Weltbank-Mann. Arm sei von ihnen jedenfalls keiner. Das Parteibuch sei in jedem Falle wichtig, die Parteifarbe aber mache keinen Unterschied: Vloras Bürgermeister Shpetim Gjika ist Sozialist, Malltezi aber Konservativer wie sein Schwiegervater Berisha.

Alles Ansichtssache

Inzwischen erfasst der Bauwahn auch die schilfreiche Nordküste. Gebaut wird vor allem, wo man leicht ans Wasser herankommt. Aber auch in einem Sumpfgebiet, in dem sich schlecht bauen lässt, hat sich Malltezi schon etabliert: Italienische Edeltouristen schießen dort auf alles, was fliegt oder sich sonst irgendwie bewegt, und zahlen dafür fette Abschussprämien.

Wer seine Gemeinde vor dem Zugriff der Reichen und Mächtigen schützen will, braucht Mut. In Velipoja an der montenegrinischen Grenze schaffte es Bürgermeister Nikolla Zef Marku, fertige Appartmenthäuser wieder abreißen zu lassen. Gewonnen hat er vor Gericht noch nicht. Der Bürgermeister ist Konservativer, und in Tirana sind jetzt die Sozialisten dran. Ob die Bauten illegal waren oder ihr Abriss, ist Ansichtssache.