Es ist ein kleines, weniger bekanntes Stück Franz Kafkas; und "Wunsch, Indianer zu werden" ist sein Titel: "Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf. " Dass die Gestalt zumal des nordamerikanischen Indianers nichts anderes, so der Amerikanist Hans-Peter Rodenberg einmal, als eine "kulturelle Projektionsfigur" alteuropäischer Provenienz sei, davon kann man sich wieder mit einem Blick in Heft 11/99 von "Damals" überzeugen. Schon der Name stellt eine "Fehlbezeichnung" dar, das lassen vier detailgenaue, gut lesbare Artikel offenkundig werden von einer einheitlichen Ethnie kann im Fall der Ureinwohner Amerikas keine Rede sein.Kafkas Text fasziniert durch die Kollision der Sehnsucht nach dem Ursprünglichen mit dem Taumel von Beschleunigung und Geschwindigkeit. Er zwingt zwei für das moderne Bewusstsein konstitutive Motive in ein Bild. Dass der Wunsch nach Auflösung von Bindungen, nach Überwindung der durch Natur und Kultur gesetzten Grenzen, nach Schnelligkeit und Rasanz sich mit dem scheinbar entgegengesetzten Verlangen nach Rückkehr in einen vorzivilisatorischen Urzustand zu verbinden versteht, könnte durchaus einen der wesentlichen Gründe für den neuzeitlichen Siegeszug der Mobilisation darstellen.Deren Triumph zeitigte einen nicht minder widersprüchlichen Effekt. Denn die moderne Gesellschaft, so Hartmut Rosa in Heft 3/99 des "Leviathan", sei durch die komplementäre Spannung zweier Beunruhigungen gekennzeichnet, welche "die Subjekte der Spätmoderne" ihre Epoche als "Krisenzeit" erfahren lasse. Zum einen gebe es den Eindruck, dass der technische, soziale, kulturelle Wandel sich immer rasanter vollziehe und nichts mehr Bestand zu haben scheint. Zum anderen aber herrsche das Gefühl eines eigentümlichen Stillstands.Jean Baudrillard sprach in diesem Zusammenhang einmal vom endlosen Enden der Geschichte; Paul Virilio fand dafür die Metapher vom "rasenden Stillstand". Auf diese beiden Theoretiker verweisen Rosas "Überlegungen zu einer sozialen Theorie der Beschleunigung" wenigstens noch, um sogleich aber das Fehlen einer ausgearbeiteten Philosophie und Soziologie der Beschleunigung zu monieren. Wobei dem Mann zumindest einmal ein Blick in die Schriften Heideggers zu empfehlen wäre, der früh schon dieses Zugleich von Paralyse und Mobilität als Hauptmerkmal der Spätmoderne diagnostizierte.Rosas Skizze einer "Phänomenologie der beschleunigten Gesellschaft, die Beschleunigung als Grundprinzip kapitalistischen Wirtschaftens wie der Kultur der Neuzeit überhaupt diskutiert, endet indes wenig aussichtsreich. Denn einer Strategie der "Entschleunigung" werden nur geringe Erfolgsaussichten attestiert. Womöglich sei das "Projekt der Moderne" einfach zu schnell geworden; auch die "Verletzung von ökologischen, anthropologischen, politischen und anderen Geschwindigkeitsgrenzen" vermögen ihm "vermutlich" keinen Einhalt mehr zu gebieten.Der Versuch, ins laufende Rad zu greifen, könnte die Dinge sogar noch schlimmer machen, als sie ohnehin schon sind. Heißt das, dem sich überschlagenden Prozess der Zivilisation blind unterworfen zu sein? Dieser Frage stellt sich unter dem Thema "Risiko" Heft 3/99 der "Politischen Ökologie". Zwar sagen Helga Nowotny und Alessandro Maranta vorab, dass es einen einheitlichen Risikobegriff nicht gebe. Doch sei der Vielzahl an Definitionen zumindest gemein, dass "Risiko" den "Zwang zur Freiheit, zur Notwendigkeit der Entscheidung" unterstreiche und sich den "technologisierten Gesellschaften in verstärktem Maße" stelle. Einige der bedrängendsten "Risiko"-Themen werden im Heft angesprochen: Technologien wie Atomenergie, chemische Industrie und Biotechnik, die ökologischen wie ökonomischen Folgen der so genannten Globalisierung, Fragen der inneren wie äußeren Sicherheit. Dabei glaubt Michael Nerlich, dass der rationale Umgang mit Risiken verlernt wurde: wir gehen Risiken ein, ohne noch genau zu wissen, worin sie bestehen. Mit anderen Worten: "Indianer zu werden" ist nicht zu haben ohne die Gefahr, vom Pferd zu fallen. Nur wir wissen gar nicht mehr, wohin wir stürzen könnten.Damals Das aktuelle Magazin für Geschichte und Kultur. Deutsche Verlags-Anstalt, 11/99. 10,50 Mark. Leviathan Zeitschrift für Sozialwissenschaften. Westdeutscher Verlag, 3/99. 32 Mark. Politische Ökologie: "Risiko. " Ökom Verlag, Mai/Juni 99. 19,80 Mark.Was heißt "Risiko"? Zwang zur Freiheit, Notwendigkeit, eine Entscheidung herbeizuführen.