TOKIO. Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxophon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend Leute sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte der im Raum Anwesenden mit ihm erheben, so eng ist es.Ursprünglich war die Vowz-Bar ein enges Einzimmer-Appartement im zweiten Stock eines Wohnhauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke, wo noch ein viertes Tischchen Platz gefunden hätte, sitzt ein stattlicher Bronzebuddha, vor dem in einer großen Schale Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen.Innere und andere EinkehrDer Buddha ist hier nicht Dekoration, sondern der Hausherr. "Bar und Buddha sind für mich kein Widerspruch", sagt Vowz-Gründer Gugan Taguchi, der blinde Mönch. "Ich finde, sie passen sogar ziemlich gut zusammen." Warum gehen Menschen in den Tempel, fragt er. "Weil sie nach Glück suchen." Und in die Kneipe? Aus dem gleichen Grund. "Warum sollte man das also nicht verbinden?"Auf den ersten Blick scheint Taguchi mit seinen Gästen wenig gemein zu haben. Während die Kundschaft mit Anzug und geöffnetem Krawattenknoten Bier oder Sake trinkt, trägt Taguchi eine schwarze Robe mit goldbestickter Stola und einer Gebetskette am Handgelenk. Dabei war er früher selbst ein "Salaryman", ein Gehaltsempfänger, dessen Leben nach dem gleichen stereotypen Muster ablief wie das der meisten Japaner: früh ins Büro, spät in den Feierabend und auf dem Heimweg noch ein paar Drinks. Doch dann riss eine Augenkrankheit ihn aus seinem Trott. Mit Ende zwanzig war er arbeitsunfähig, heute ist es um ihn fast vollkommen dunkel. Der Schicksalsschlag zwang Taguchi zur inneren Einkehr, und so wandte er sich dem Buddhismus zu."Nachdem ich meine Situation akzeptiert hatte, begann ich, in meinem neuen Leben auch gute Seiten zu sehen", erzählt Taguchi heute. "Viele Menschen suchen nach Spiritualität, aber ihnen fehlt die Zeit, um zur Ruhe zu kommen." Wo es in der modernen Welt noch Religion gebe, da werde Religion mehr konsumiert als wirklich gelebt, findet er. In Japan sei dieser Trend besonders stark, weil sich die Glaubensrichtungen nie so exklusiv gegeneinander abgegrenzt haben wie in anderen Kulturen.Umfragen zufolge bezeichnen sich 80 Prozent der Japaner als Anhänger der traditionellen Shinto-Religion, aber gleichzeitig sehen sich 75 Prozent als Buddhisten.Zusammen mit Christen, Atheisten und anderen Glaubensrichtungen verschreibt jeder Japaner seine Seele statistisch gesehen gleich zwei Religionen. Doch mehr als ein paar Rituale zu Feiertagen, Hochzeiten oder Beerdigungen bekommen sie davon kaum noch mit. "Ich kann verstehen, warum junge Leute sich nicht mehr für den Buddhismus interessieren", sagt Taguchi. "Deswegen wollte ich ihnen einen neuen Zugang schaffen."Als er sich vor fünf Jahren entschied, eine Bar zu eröffnen, erntete er zunächst Unglauben. Doch schon bald erkannten auch andere Buddhisten, dass es nicht schaden kann, zurück in die Gesellschaft zu gehen, statt zu warten, bis diese wieder in den Tempel kommt. Immerhin leiden viele von Japans 75 000 buddhistischen Gebetsstätten unter finanziellen Schwierigkeiten, weil die Spendenbereitschaft in den vergangenen Jahren stark und durch die Wirtschaftskrise nochmal sehr stark gesunken ist.Nebengeschäfte sind da höchst willkommen. So eröffnete Tokios Baijozan Komyoji Tempel vor seiner Haupthalle ein Café. Der Zendoji-Tempel in Kyoto betreibt inzwischen einen Schönheitssalon, und im Tokioer Jazz-Club Chippie treten neben Saxophonisten auch Mönche auf, die in Sanskrit Sutren singen. Selbst buddhistische Modeschauen sind inzwischen an der Tagesordnung.Taguchi findet das nur natürlich. "Früher sind die Menschen nicht nur wegen spiritueller Fragen zum Tempel gegangen, sondern wegen aller möglichen Anliegen", sagt er. "Heute ist das halt eher eine Bar." Er unterhalte sich mit den Menschen über alle möglichen Themen, nicht nur über Spirituelles. "Wer meinen Rat möchte, bekommt ihn, aber aufzwingen will ich ihn niemandem", sagt er.Stammtisch-ThemenAn diesem Abend etwa hat sich Taguchi lange mit seinem Nachbarn über Modelleisenbahnen unterhalten, sein großes Hobby. Doch nun sitzt er still auf seinem Hocker, nippt gelegentlich an seinem Wasserglas und verfolgt die Erzählungen im Raum: Familiendramen und Bettgeschichten, Diskussionen über Politik, Baseball und Autoprobefahrten, die üblichen Feierabendthemen mittlerer Angestellter, die sich auf dem Heimweg noch für ein paar Schlucke auf die Suche nach dem Sinn des Lebens machen.Je nach Gemütslage hat Taguchis Barmann für sie besondere Cocktails bereit, die er mit der Sorgfalt eines Apothekers zusammenmischt. "Liebe ist die Hölle" heißt eine Spezialität des Hauses, andere nennen sich "Ewige Hölle" oder "Heiße Hölle". Der Mönch lacht. "Man muss durch die Hölle gehen, um ihr zu entkommen", sagt Taguchi und lässt offen, ob das eine buddhistische Weisheit oder ein Stammtischwitz sein soll. Im Zweifelsfall beides.------------------------------Die Lehre von der LeereDie Religion: Der Buddhismus ist nach Christentum, Hinduismus und Islam die viertgrößte Weltreligion und hat insgesamt rund 375 Millionen Anhänger. Er entstand um 500 vor Christus in Indien und verbreitete sich in ganz Asien.Der historische Stifter: Glaubensgründer ist Siddhartha Gautama, der nach der traditionellen Geschichtsschreibung von 563 bis 483 vor Christus lebte. Der Sohn einer adligen Familie erfuhr im Alter von 35 Jahren die Erleuchtung und widmete sein Leben fortan der Lehre.Die Prinzipien: Grundlage der buddhistischen Lehre ist die Vorstellung von der Wiedergeburt. Buddhisten glauben, das leidvolle Erdendasein durch spirituelle Selbstvervollkommnung überwinden, aus dem Kreislauf der Reinkarnationen ausbrechen und als Buddha (wörtlich "Erwachter") ins Nirwana eingehen zu können.Die Strömungen: Heute unterteilt sich der Buddhismus in verschiedene Schulen. Zu den bekanntesten gehört neben dem tibetischen Buddhismus die meditationsorientierte Zen-Lehre, die um 500 unserer Zeitrechnung in China entstand und im 12. Jahrhundert nach Japan gelangte, wo sie bis heute betrieben wird. Das Ziel der Zen-Lehre ist die absolute Ziellosigkeit.------------------------------Foto: Im Buddhistischen Haus in Berlin-Reinickendorf: In Deutschland leben rund 250 000 Buddhisten, die Hälfte davon eingewanderte Asiaten. Praktiziert werden vor allem Richtungen des Theravada, des tibetischen und des Zen-Buddhismus.Foto: Gugan Taguchi, der blinde MönchFoto: Propper und heiter: goldener Buddha.Foto: In der Vowz-Bar werden Cocktails gemischt, die Namen tragen wie "Liebe ist die Hölle" oder "Ewige Hölle".