Die zu den Singvögein zählenden Mönchsgrasmücken haben die Nachfahren des Graugansforschers Konrad Lorenz ins Staunen versetzt: Obwohl die Vögel nach Meinung der Wissenschaftler "angeborenermaBen" zum Überwintern nach Spanien ziehen sollten, wechseln immer mehr von ihnen die Zugrichtung. Entgegen ihrem ererbten genetischem Programm fliegen sie jetzt weiter nördlich. -- Ein Lehrstück in Sachen Mikro-Evolution.Zuerst war eine Mönchsgrasmücke aus Oberösterreich vor 25 Jahren aufgefallen. Sie flog nicht, wie der große Troß ihrer Artgenossen, in südwestlicher Richtung nach Spanien, sondern machte sich nach Nordwesten auf und überwinterte in Irland. Nur 15 Jahre später waren es bereits 2 000 Monchsgrasmücken, die die Nordroute einschlugen. Mittlerweile überwintern 10000 der Zugvögel auf den britischen Inseln bis hinauf zu den Shetlandinseln.Wie sich der moderne Trend zum Nordflug so schnell durchsetzen konnte, untersucht Professor Peter Berthold von der Vogeiwarte Radolfzell des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie in Seewiesen. Der Vogelforscher hat einige Monchsgrasmücken im Winter in England gefangen und nach Radolfzell verfrachtet. Dort hat er sie den Sommer über paarweise in Käfige gesperrt. Untersucht hat er den Nachwuchs der Zugabweichler.Jungtiere verblüfften"Wir wollten im Herbst bei einsetzender Zugunruhe die Zugrichtung bestimmen", erklärt Berthold. Ergebnis: Auch ohne Reiseerfahrung strebten die Jungvögel eindeutig in Richtung England. Für die Forscher aus dem Max-Planck-Institut ist das der eindeutige Beweis für angeborenes, genetisch verankertes Verhalten. Genau das aber ist das Verblüffende. Es steht in jedem Lehrbuch, daß ein Zugvogel nicht einfach nach Belieben mal hierhin, mal dorthin wandern kann. Denn er ist an einen ererbten, zeitlich und räumlich festgelegten Flugplan gebunden. Wann er aufbricht, in welche Richtung und wie weit er zieht, ist in seiner Erbmasse genetisch festgelegt. Schon ein Jungvogel kann dadurch beim Erstflug völlig allein, ohne Begleitung durch die Eltern oder Artgenossen, zielsicher vom Brutgebiet ins angestammte Winterquartier finden, oft über Tausende von Kilometern.Wie konnte sich die neue Zugrichtung so rasend schnell innerhalb der Mönchsgrasmücken-Gemeinschaft durchsetzen? Was hat das genetische Programm so auffällig verändert?Bedingungen verbessert Eine Mutation war dafür laut Berthold nicht erforderlich. Vielmehr hat es nach Ansicht des Wissenschaftlers unter den Mönchsgrasmücken schon immer einige gegeben, die nach England gezogen sind. "Die genetisch programmierte Zugrichtung streut immer um einen Mittelwert -- und bei Mönchsgrasmücken können gelegentlich Abweichungen von 30 bis 40 Grad auftreten." Das könne dann England bedeuten.Früher seien die vereinzelten Wintergäste in England aber immer gestorben. Es war zu kalt, und es gab nichts zu fressen. Mittlerweile seien die Winter milder geworden, und dank vieler Futterhauschen würden die Vögel in England leben wie im Schlaraffenland. Im Frühjahr kämen sie dann, unter anderem aufgrund der kürzeren Reiseroute, zwei Wochen früher in den Sommerquartieren an als die "Spanier". So bekämen die "Engländer" die besten Brutplätze und würden sich vor allem mit ihresgleichen paaren. Das schlägt sich im Bruterfolg nieder -- dem für die Evolution entscheidenden Kriterium. Die "Englandzieher" waren so im Vorteil, daß deren Population in dem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von nur 25 Jahren auf 10000 anwachsen konnte.Auch bei anderen TierenIn dem Kurswechsel der Mönchsgrasmücken sieht Berthold ein besonders schönes Beispiel, doch keinen Sonderfall, was die "genetische Schnellebigkeit", die Dynamik der Mikroevolution, bei höheren Organismen angeht. "Es fällt eben sofort auf, wenn Zugvögel ihren Plan ändern, wenn Mönchsgrasmücken plötzlich im Winter in Großbritannien auftauchen", sagt der Experte. "Doch man wird, wenn man erst einmal darauf achtet, auch bei anderen unauffälligeren Wirbeltieren ähnlich rasche Evolutions- und Anpassungsprozesse feststellen -- so beispielsweise bei den Reptilien, von denen die Vögel ja herstammen/Die Mönchsgrasmücke (Männchen). Zeichnung: Archiv