Regensburg - Dieser dreizehnte Verhandlungstag im Wiederaufnahmeverfahren gegen Gustl Mollath war für den Angeklagten der bislang wichtigste. Das Gutachten, das der Münchner Professor für forensische Psychiatrie, Norbert Nedopil, am Freitag vor dem Landgericht Regensburg vortrug, wird großen Einfluss auf das Urteil haben. Wie gefährlich ist Gustl Mollath? Das wollte das Gericht wissen.

Nedopils Einschätzung: Nichts weise auf eine mögliche Rückfälligkeit hin, die Voraussetzungen für eine nochmalige Unterbringung in der Psychiatrie seien nicht gegeben. Weit weniger eindeutig fiel Nedopils Beurteilung über Mollaths psychische Verfassung in den Jahren 2001/2002 aus. Ob Mollath seinem Ziel, eine vollständige Rehabilitierung zu erreichen, näher gekommen ist, erscheint nach diesem Gutachten eher fraglich.

Ein Routinefall

Der 57 Jahre alte Mollath muss sich in Regensburg wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung verantworten. Er soll 2001 seine damalige Ehefrau körperlich misshandelt und eingesperrt sowie Dutzende Autoreifen zerstochen haben. Laut Anklage hat Mollath sich an Menschen rächen wollen, die an dem Scheidungsstreit mit seiner Frau beteiligt waren oder sich sonst gegen ihn gewandt hätten. Im Vorjahr kam er frei.

Mehrfach betonte Nedopil, der Psychiater, die fundierte Bewertung eines Angeklagten sei ohne dessen Mitwirkung nur eingeschränkt möglich. Mollath hatte eine eingehende Untersuchung durch den Sachverständigen abgelehnt. Nedopil zeigte für diese Verweigerungshaltung ein gewisses Verständnis und wertete sie als „Zeichen der Verbitterung eines Menschen, der sich zu Unrecht der Psychiatrie ausgeliefert fühlte“. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hatte Mollath 2006 nach nur vierstündiger Verhandlung ohne geladene Zeugen zwar wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen, ihn aber in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Für die damaligen Richter, so Norbert Nedopil, habe es sich um einen Routinefall gehandelt. Für Gustl Mollath aber sei es um „etwas Existenzielles“ gegangen, er habe einen Finanzskandal und Geldschiebereien anprangern wollen.

Eine Art Privat-Realität

Nedopil beschrieb Mollath als geradlinig, beharrlich und unbeugsam. Negativ ausgedrückt hieße das aber auch, dass er stur, starrsinnig und engstirnig sei. Des Weiteren, so der Psychiater, halte er Mollath für detailversessen und wenig anpassungsfähig. Diese Feststellungen gründeten sich auch auf zahlreiche Einzelbeobachtungen im Regensburger Gerichtssaal. Nedopil beobachtet den Prozess seit dem ersten Tag.

Der so genannte Querulanten-Wahn, so Nedopil, basiere auf lebensgeschichtlichen Erfahrungen wie häufigen Enttäuschungen, Zurücksetzungen oder Kränkungen. Patienten mit diesem Krankheitsbild verträten Überzeugungen, die von ihrer Umwelt meist nicht geteilt würden, oft mit missionarischem Eifer. „Man muss sich das als eine Art Privat-Realität vorstellen.“ Es habe Phasen und Situationen im Leben Mollaths gegeben, in denen dieser in einem geschlossenen Gedankensystem verharrt habe und für andere Erklärungen nicht zugänglich gewesen sei.

Mollath selbst nahm den Sachverständigen ins Kreuzverhör und konfrontierte Nedopil mit dessen Eingeständnis in Interviews, 50 bis 60 Prozent der Gutachter lägen mit ihrer Beurteilung forensischer Straftäter daneben – und zwar zu deren Ungunsten. Nach Ende der Befragung rief Mollath in den Saal: „Herr Nedopil hat falsche Eindrücke von mir gewonnen, und ich kann mich nicht dagegen wehren. Ich gebe auf.“