BERLIN. Von der Förderplattform Montara in der Timorsee nördlich von Australien ist nur noch ein deformiertes Stahlgerippe übrig. Nachdem der Brand auf der Plattform gelöscht und der unkontrollierte Ausbruch von Rohöl vorerst gestoppt wurde, beginnt nun die Suche nach den Ursachen für den verheerenden Unfall. Zehn Wochen lang, seit dem 21. August, waren nach Angaben des Betreibers PTTEP Australasia rund 36 000 Liter Rohöl pro Tag aus der leckenden Bohrung ausgetreten. Damit dürften insgesamt etwa 4,5 Millionen Liter Öl in die Timorsee zwischen Australien und Indonesien geflossen sein. Das entspricht etwa einem Zehntel der Menge, die beim Unfall des Tankers Exxon Valdez 1989 in Alaska in die Umwelt gelangten."Dies ist eine der drei schlimmsten Ölkatastrophen in der australischen Geschichte", sagte die Meeresbiologin Ghislaine Llewellyn vom WWF Australien. Das ausgeflossene Rohöl und eine Chemikalie, die zur Reinigung auf den Ölteppich gesprüht wurde, bildeten einen giftigen Cocktail, der das vielfältige tropische Ökosystem noch lange Zeit beeinträchtigen werde, so die Umweltschützerin. Die australische Regierung hat eine Untersuchungskommission eingesetzt um herauszufinden, ob der Betreiber angemessen reagiert hat und wie sich ähnliche Unfälle in Zukunft verhindern lassen. Auch für die Regierung steht einiges auf dem Spiel.In der Timorsee liegen mehrere noch unberührte, ausgedehnte Öl- und Erdgasfelder, die die Industrie gerne ausbeuten würde. Umweltschützer fordern dagegen, weite Bereiche des tropischen Meeres zur Schutzzone zu erklären. Sie fürchten, dass Ölunfälle wie der auf der Montara-Plattform die empfindlichen Korallenriffe vor der Kimberley-Region in Westaustralien zerstören könnten.Auch die Montara-Plattform liegt nur 80 Kilometer von einigen Korallen-Atollen entfernt, die zahlreiche Zugvögel als Brutrevier nutzen. Delfine, seltene Wasserschildkröten und Seeschlangen bevölkern das Flachmeer. Eine erste, von der Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung durch drei Meeresbiologen zeigte Ende September, dass das Öl einige Vögel und Seeschlangen getötet hatte, bei Fischen konnten bislang keine Schäden festgestellt werden. Allerdings drängen die Forscher darauf, die Auswirkungen der Ölpest langfristig zu überwachen. Die Küsten Australiens und Indonesiens hat der Ölteppich bislang offenbar noch nicht erreicht.Dass das Rohöl - ein Gemisch aus leichtem Erdöl, Erdgas und Wasser - an der Montara-Plattform zehn Wochen lang unkontrolliert aus der Bohrung entweichen konnte, ist ungewöhnlich. "Meistens bekommt man solch einen Blowout schnell in den Griff", sagt Matthias Reich, Professor für Bohrtechnik an der Bergakademie Freiberg. Sicherheitsventile am oberen Ende der Bohrung verhindern normalerweise, dass der Inhalt einer unter Druck stehenden Lagerstätte explosionsartig entweichen kann. Warum diese Technik in der Timorsee versagte, ist derzeit noch unklar. Nach Angaben des Betreibers PTTEP Austral- asia entstand bei Arbeiten an der Bohrung 2,6 Kilometer unter dem Meeresboden ein Leck in der Umhüllung aus Stahl. Um dieses Leck zu verschließen, ließ PTTEP sofort nach dem Unfall eine weitere Bohrplattform aus Singapur heranschleppen.Am 16. September wurde die West Triton in zwei Kilometern Entfernung von der Montara-Plattform positioniert, um von der Seite eine Entlastungsbohrung in Richtung der defekten Stelle zu lenken. Beim fünften Versuch gelang es, den etwa 25 Zentimeter großen, beschädigten Abschnitt der Bohrumhüllung zu treffen und eine Spülung aus Wasser, dem Mineral Schwerspat (Baryt) und Polymeren in die außer Kontrolle geratene Bohrung zu leiten. "Dieser Schlamm ist schwerer als Öl und drückt es daher zurück in die Tiefe", erläutert Matthias Reich.Fotos von der Operation in der Timorsee zeigen, dass die Wolke aus Gas, Dampf und Wasser, die die seit dem Unfall evakuierte Plattform Montara wochenlang umhüllte, nach dem Treffer durch die Entlastungsbohrung am 1. November zunächst versiegte. Doch dann brach plötzlich ein Feuer auf der Plattform aus. Die Ursache ist ebenfalls noch unklar. "Weil ein Gemisch aus Öl und Gas hochexplosiv ist, reicht schon ein Funke, um das Ganze in Brand zu setzen", sagt Reich. Nun soll die Bohrung komplett versiegelt werden. Noch in dieser Woche will PTTEP Australasia ein Team auf die ausgebrannte Plattform schicken, um die Schäden zu begutachten.Matthias Reich betont, dass ähnliche Unfälle nur vorkommen können, wenn es sich um junge Ölfelder handelt, die unter hohem Druck stehen. Auf der einzigen deutschen Offshore-Plattform Mittelplate im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer sei ein Blowout fast unmöglich, sagt der Bohrexperte: "Dort kommt das Öl nicht mehr von alleine nach oben. Inzwischen muss man schon Wasser in die Lagerstätte pumpen, um überhaupt noch etwas zu fördern."------------------------------Karte: Indischer Ozean, Timorsee (Bohrinsel, Ölteppich)Foto (2): Eine zähe Substanz floss monatelang aus dem Bohrloch in die blaue See (l.). Die Ölplattform Montara (r.) brannte aus.