Montagsdemonstrationen in Leipzig: „Niemand wusste, wo das hinführt“

Leipzig - Bernd Gengelbach erinnert sich noch genau an den September 1989 in Leipzig, als die Welt immer weiter aus den Fugen geriet. Der 4. September war ein Montag. Die Friedensgebete in der Nikolaikirche in der Leipziger Innenstadt waren gerade zu Ende. Aber an diesem Abend gingen etliche Besucher nicht einfach nach Hause. Einige hatten Transparente mitgebracht und rollten sie auf dem kleinen Kirchhof aus. „Freiheit“ riefen einige. „Für ein offenes Land mit freien Menschen“, stand auf dem Banner anderer. Schnell griffen Stasi-Leute zu und entrissen die Transparente.

Anfang September 1989 fand ebenfalls die Leipziger Messe statt. Die Stadt war voller Menschen aus aller Welt. Die Demonstrationen ließen sich nicht geheim halten. Filme und Bilder wurden nach draußen gebracht. Und am Ende wussten es alle: Der kleine tapfere Aufstand, das Einschreiten des Sicherheitsapparates und die ersten lauten Rufe „Stasi raus!“ fanden den Weg ins Westfernsehen und von dort zurück in die DDR.

Angst vorm Militär

Bernd Gengelbach ist heute 50 Jahre alt. Er arbeitet als Licht-Designer in Leipzig. Damals, am 4. September 1989, war er gerade vom Dienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) heimgekehrt. Er sagt, er hatte Angst. „Niemand wusste, wo das alles hinführt.“ Zunächst zogen etwa tausend Menschen auf die Straße. Drei Wochen später waren es schon 8000, dann 10.000. Am 9. Oktober waren es schon 70000 Demonstranten und einen knappen Monat später geschätzt eine halbe Million Menschen. „Ich hatte damals ein Riesenangst, dass das Militär eingesetzt würde“, sagt Gengelbach. „Ich wusste doch, wie nervös die waren.“

In der Sowjetunion versuchte Michail Gorbatschow es zu der Zeit mit Glasnost und Perestroika, in Ungarn war die Grenze zu Österreich offen. DDR-Bürger flohen in Scharen oder retteten sich in bundesdeutsche Botschaften. In großen Schritten veränderte sich die Welt von Bernd Gengelbach. Er war ein Kind der DDR. Er hatte mit der Kirche nichts zu tun, war als Stahlbauschlosser und Kranfahrer unterwegs. Als die nun DDR vor seinen Augen auseinanderfiel, als immer mehr Menschen montags in Leipzig demonstrierend über den Ring zogen, habe er die Welt nicht mehr verstanden, sagt er. „Ich fand das zunächst nur frech.“ Aber dann zog er einfach mit. Nicht, weil er die DDR stürzen wollte. „Ich wollte das sehen, ich wollte es verstehen.“

Es zog ihn einfach hinein. Die Atmosphäre hatte ihn gepackt, sagt er, und es fällt ihm sichtlich schwer, Menschen, die den September ’89 nicht miterlebten, zu beschreiben, wie das war, was diese Atmosphäre in jenem Herbst vor einem Vierteljahrhundert ausmachte. „Es war so besonders“, sagt Gengelbach.

Er sagt, es habe sich plötzlich so viel bewegt wie nie zuvor. Und dann war er angesteckt. Er wurde ein Montagsdemonstrant. Er war keiner in der ersten Reihe, aber einer, der die DDR verändern wollte. Abschaffen wollte er sie nicht. „Ich war kein Gegner, ich wollte mit dem System etwas verändern“, sagt er. „Ich schwöre: Damals hat doch keiner von uns an die Grenzöffnung und den Mauerfall gedacht.“

All das ist lange her. „Die DDR ist weg, schön und gut.“ Im Arbeitszimmer seiner eleganten Leipziger Altbauwohnung stehen mehrere Computerbildschirme. Gengelbach sitzt am Schreibtisch und verweist auf die Internet-Seite, die auf einem der Bildschirme zu sehen ist – „Wir-sind-das-Volk.cc“. Es ist seine Seite im Internet. Er klickt einen Link an und zeigt seinen Entwurf für ein Einheits- und Freiheitsdenkmal in seiner Heimatstadt. Der Entwurf ist schlicht und einfach. Er besteht lediglich aus einem Spiegel, etwa fünf Meter hoch, 1,60 Meter breit. Der Spiegel ist eingefasst in ein großes Halbrund aus Stein, davor, auf dem Boden eine Weltkarte, dahinter wieder ein Halbrund, das den kleinen Raum begrenzt. Das Denkmal würde er gerne in der Leipziger Innenstadt auf dem Augustusplatz aufstellen. Ein Spiegel, in dem jeder erkennen kann: Ich bin auch das Volk.

Es ist schon ein wenig seltsam. Vor 25 Jahren begann hinter der Nikolaikirche des kürzlich verstorbenen Pfarrers Christian Führer der Anfang vom Ende der DDR. Ein Funke setzte eine friedliche Revolution in Gang, die eine kleine Diktatur erschütterte und dann, nach der Maueröffnung am 9. November 1989, hinwegfegte. Demnächst wird in der einstigen Heldenstadt gefeiert. Aber ein vorzeigbares Denkmal gibt es nicht, obwohl lange gedacht, geredet, geplant, gerungen, geschimpft und gelästert wurde. „Es ist alles nur peinlich“, sagt Gengelbach. In Leipzig war es einfacher, die DDR zu stürzen und Revolution zu machen als nachher das passende Denkmal dafür zu finden.

70 000 Plastikwürfel zum Tragen

Dabei hatte die Stadtverwaltung vieles unternommen. 2011 hatte man einen Gestaltungswettbewerb gestartet, anschließend wurden 38 Entwürfe eingereicht. Dann schaute sich eine fachkundige Jury alles an und setzte auf Platz eins eine Idee namens „Siebzigtausend“. Sofort brach Streit los, denn „Siebzigtausend“ waren 70 000 einzelne und quietschbunte Plastikwürfel, die vom Volk hin und hergetragen werden konnten.

„Nett“, sagt Gengelbach. „Aber was hatte das mit der friedlichen Revolution zu tun?“ Nicht nur er, halb Leipzig fühlte sich veräppelt, vor allem jene Leipziger, die 1989 auf der Straße unterwegs waren. Und dann der Ort. Die Würfel sollten auf den Wilhelm-Leuschner-Platz installiert werden. „Der hatte mit den Demonstrationen doch auch nichts zu tun“, erzählt Gengelbach. „Da gingen nur alle anschließend hin, um zu pinkeln.“

Also dachten Stadt und Jury noch einmal nach, schoben die Würfel von Platz eins der Nominierung auf Platz drei, hatten einen neuen Favoriten – und dachten, nun sei alles gut. Aber Marc Weis und Martin die Mattia, die Würfel-Erfinder, ließen sich das nicht bieten. Man müsse den Denkmalbegriff neu denken und nicht in Traditionen verharren, beharrten sie. Sie zogen vor Gericht und bekamen Recht: Das Oberlandesgericht verdonnerte die Stadt Leipzig dazu, den einen Teil des Wettbewerbs zu wiederholen.

Mittlerweile war 2014. Es herrschte ein großes Durcheinander und SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung, einem vehementen Befürworter eines Denkmals, ging erkennbar die Lust aus. In der Stadt wurde immer lauter geschimpft. Die einen wollten ein Denkmal, andere auf keinen Fall eins. Dritte meinten, es gäbe doch schon das Denkmal schlechthin, nämlich die Nikolaikirche, wo alles begann. Und vierte, wie Bernd Gengelbach, ärgerten sich darüber, dass das Volk überhaupt nicht mitbestimmen durfte, geschweige denn, selber eine Idee einreichen konnte.

„Es ist an der Zeit, dass die Politik endlich dieses unwürdige Wettbewerbsverfahren beendet!“, schrieben er und andere empörte Leipziger im Februar in einem Offenen Brief an den Bundespräsidenten, die Kanzlerin, Sachsens Ministerpräsidenten Tillich und den Leipziger Oberbürgermeister Jung. „Die Menschen, die damals ihr Leben für unsere Freiheit riskierten, haben ein würdevolles Gedenken verdient“, endet der Brief.

Das Projekt ist mittlerweile für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Bernd Gengelbach aber bleibt dran. Er sucht Freunde und Förderer, die sein Spiegeldenkmal unterstützen. „Die Idee ist doch gut“, sagt er. Aber es müsse ja nicht unbedingt seine Idee sein. „Ich will, dass Leute, die damals dabei waren, etwas machen“, sagt er und betrachtet seinen Entwurf am Bildschirm.

Wer weiß, vielleicht wird es ja doch noch etwas mit seiner Idee für das Denkmal. Vielleicht bekommt Leipzig einen Spiegel fürs Volk. Gengelbach ist entschlossen und will durchhalten. „Ich mache einfach weiter“, sagt er. Womöglich ist es genau dies – die Mischung aus Verärgerung, Entschlossenheit und Sturheit –, die vor 25 Jahren in Leipzig schon zum Erfolg führte.