Mord an Oury Jalloh?: Gutachten: Jalloh mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet

Fast neun Jahre nach dem Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einer Dessauer Gefängniszelle kommt ein Gutachten zu dem Ergebnis, dass unbekannte Täter an dem Brand beteiligt waren. Demnach habe sich der an Händen und Füßen gefesselte Afrikaner nicht selbst anzünden können.

Die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ präsentierte am Dienstag in Berlin ein neues Gutachten eines Brandsachverständigen. Das lasse darauf schließen, dass Jalloh mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet wurde. Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse hat die Initiative Strafanzeige bei der Bundesgeneralanwaltschaft eingereicht. Sie beschuldigen darin „unbekannte Polizeibeamte“ des Totschlags oder Mordes.

Mitglieder der Initiative und Freunde von Jalloh zeigten ein Video, in dem sie zusammen mit dem irischen Brandgutachter Maksim Smirnou die Polizeizelle in Dessau nachgebaut und die Ereignisse nachgestellt hatten. Sie fesselten Schweinekadaver auf schwer entflammbaren Matratzen und führten verschiedene Versuche mit und ohne Brandbeschleuniger durch. Eine derartige Verkohlung des Körpers bis in die tiefen Muskelschichten hinein und eine fast vollständige Zerstörung der Matratze, wie es bei Jalloh der Fall war, seien nur durch die Verwendung von fünf Litern Brandbeschleuniger wie Benzin möglich, erklärte der Brandgutachter.

Aufklärung wurde boykottiert

Der Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann sprach von „sehr ernsten, überraschenden und zum Teil erschreckenden Informationen“. Einige Punkte widersprächen früheren Gutachten in Deutschland. Bittmann sagte: „Das kann nicht einfach weggewischt werden.“ Voraussichtlich müsse jetzt ein neues Gutachten durch die Ermittlungsbehörden erstellt werden. Er wies Vorwürfe zurück, dass die Ermittler absichtlich Erkenntnisse ignoriert hätten. Die Initiative wirft in ihrer Anzeige Polizei und Justiz vor, die „rechtsstaatliche Aufklärung des Falles boykottiert“ zu haben.

„Zur Aufklärung des Todes von Oury Jalloh muss es umgehend neue juristische Untersuchungen geben“, fordert die innenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, Ulla Jelpke. „Der Umgang mit dem Tod von Oury Jalloh im Polizeigewahrsam stellt einen der größten Justizskandale in Deutschland dar.“

Das Landgericht Dessau sowie das Landgericht Magdeburg waren zu dem Schluss gekommen, dass der aus dem westafrikanischen Sierra Leone stammende Jalloh das Feuer selbst gelegt hatte. Die genauen Umstände des Feuers konnten nie zweifelfrei festgestellt werden. Bei dem Prozess 2012 in Magdeburg war ein Polizist wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro verurteilt worden, weil er die Zelle nicht ausreichend überwacht hatte. (mit dpa)