Es ist der 17. August 1970, als eine junge Frau bei der Wache am Gebäude des FDJ-Zentralrats Unter den Linden vorspricht. Sie möchte den Genossen Günther Jahn treffen, sagt sie. Jahn ist damals Chef der SED-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend. Ihren Namen nennt die Frau nicht, sie sagt nur, sie komme aus WestBerlin und wolle eine dringende vertrauliche Angelegenheit besprechen. Der Pförtner vom FDJ-Gebäude ruft in der Chefetage an und lässt die Frau dann passieren. Sie soll sich beim Zentralratssekretär Rauh melden, gibt er ihr auf den Weg. Als sie in Rauhs Zimmer tritt, stellt sie sich vor: "Guten Tag, mein Name ist Ulrike Meinhof." Das in einem Stasi-Dossier über Meinhof dokumentierte Treffen ist der erste aktenkundige Kontakt zwischen einer Vertreterin des westdeutschen Linksterrorismus und dem SED-Staat. Das Gespräch zwischen dem FDJ-Funktionär und Ulrike Meinhof, die zu jener Zeit bereits drei Monate im Untergrund lebte, markiert den Beginn einer merkwürdigen Liaison zwischen den Ostberliner Berufsrevolutionären von SED und Stasi und den staatsfeindlichen Revoluzzern aus dem Westen. Eine Liaison, die bis zum Ende der DDR anhielt und auf beiden Seiten geprägt war von Sympathie und Abneigung, von Misstrauen und Nähe, von Enttäuschung und - letztlich unerfüllter - Hoffnung. All dies findet sich schon in dem Gespräch im FDJ-Zentralrat. Ulrike Meinhof sucht an jenem Sommertag Rat und Hilfe bei den Ostberliner Genossen. Ihr und ihren Freunden gehe es um "einen politischen Meinungsaustausch" darüber, wie man den Widerstand in Westberlin organisieren könnte, sagt sie dem verdutzten Funktionär. Darüber würde sie auch gern mit Genossen der Staatssicherheit und der SED-Führung sprechen. "Ulrike M. sprach sich abfällig über die ,intellektuellen Linken' aus und sagte, diese würden nur ,theoretische Linien' ausarbeiten, aber nicht bereit sein, den Kampf mitzuführen", schreibt FDJ-Sekretär Rauh in seinem Bericht über das Treffen. Meinhofs Gesprächswunsch bleibt unerfüllt. Als sie am nächsten Tag erneut mit ihrem gefälschten Pass nach Ostberlin einreisen will, wird sie auf Weisung von Erich Mielke an der Grenze zurückgewiesen. Schon einen Tag aber später lässt der Stasi-Minister die Einreisesperre wieder aufheben - offenbar auf Weisung aus dem SED-Politbüro. Doch reiste Meinhof nie wieder in die DDR ein. Dieser Vorgang ist ein Indiz dafür, dass in der Parteispitze das Agieren der Baader-Meinhof-Gruppe, der ersten Generation der Rote Armee Fraktion (RAF), wohlwollender betrachtet wurde als von der Stasi. Während Mielke und seinen Generälen das linksintellektuelle Reden von Stadtguerilla und bewaffnetem Kampf suspekt blieb, gab es in der SED-Führung immerhin einige, die - vielleicht in Reminiszenz an die eigene Untergrundtätigkeit im Dritten Reich - nicht ohne Sympathie auf die Kämpfer aus dem Westen blickten. Diese unterschiedliche Haltung lässt sich auch an zwei Schriftstücken jener Zeit erkennen. Das eine ist eine im Auftrag von HVA-Chef Markus Wolf 1972 entstandene "Einschätzung der Baader-Meinhof-Gruppe und ihrer objektiven Funktion im Kampf der herrschenden Kreise der BRD gegen alle demokratischen Kräfte", die auf Parteiveranstaltungen im MfS als Argumentationslinie verteilt wurde. Darin werden die Gruppenmitglieder als "kleinbürgerliche Intellektuelle" abgetan, die "ein abstrakt-humanistisches Gesellschaftsideal" anstreben, in ihren Ansichten aber "anarchistische, maoistische und trotzkistische Züge" vereinen - für linientreue SED-Genossen so ziemlich der schlimmste Ideologiemix."Sie negieren den Kampf um demokratische, antimonopolistische Reformen und praktizieren ein fruchtloses Sektierertum", heißt es weiter in der HVA-Einschätzung. Besonders von den Marxisten werden daher die "linksextremistisch-anarchistischen Kräfte scharf abgelehnt", weil sie mit der "revolutionären Arbeiterbewegung nichts zu tun haben". Wesentlich sanfter ging dagegen Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul, ein Mann mit Zugang zum inneren Machtzirkel der SED-Spitze, mit den westdeutschen Linksterroristen um. In einem Aufsatz über Ulrike Meinhof, der ohne Zweifel vom Politbüro abgesegnet war und 1974 zeitgleich in der Ostberliner "Weltbühne" und dem Hamburger Magazin für Kultur und Politik "das da" erschien, zeigte Kaul Verständnis für die damals bereits inhaftierte Terroristin - und damit indirekt auch für ihre Kampfgefährten. Meinhofs "politisches Wollen (ist) auf die Veränderung der gesellschaftlichen und sozialen Ordnung der Bundesrepublik gerichtet", anerkannte der Autor. Zwar schließen Marxismus und individueller Terror einander aus, dozierte er weiter, aber es sei "einzig die Ungeduld" gewesen, die Ulrike Meinhof auf den Weg des Terrorismus' gebracht habe. Und zum Schluss seines Aufsatzes äußerte der SED-Anwalt sogar ganz offen Respekt für die Terroristin: "Schon im Interesse der historischen Wahrheit darf bei der menschlichen Bewertung ihrer Handlungsweise nicht unbeachtet bleiben, dass Ulrike Meinhof in einer von persönlicher Ich-Sucht und materieller Besitzgier strotzenden Umwelt die menschliche Größe aufgebracht hat, für die Verwirklichung ihrer Idee alles zu opfern: Familie, Kinder, Beruf, und dass sie darüber hinaus sogar dafür ihr Leben aufs Spiel setzte." Doch es war weniger väterliche Sympathie, die das Verhältnis der Altkommunisten in Erich Honeckers Politbüro zur RAF prägte, als vielmehr politisches Kalkül. Deutlich wird dies unter anderem an der juristischen Zusammenarbeit von Parteianwälten mit Verteidigern von RAF-Mitgliedern. Friedrich Karl Kaul übernahm 1977 die Mit-Vertretung von Andreas Baader im Stammheim-Prozess, hielt sich dabei aber im Hintergrund; zuvor war bereits der westdeutsche DKP-Anwalt Karl Pfannenschwarz auf Beschluss Ostberlins - ebenfalls inoffiziell - der internationalen Untersuchungskommission beigetreten, die die Umstände des Todes von Ulrike Meinhof in Stammheim aufklären wollte. In beiden Fällen handelte die SED aber weniger aus einem Gefühl der Hilfsbereitschaft für die bedrängten Terroristen. Es ging um die harte politische Auseinandersetzung mit Bonn, denn durch die Anwaltsmandate bekam Ostberlin ungehinderten Zugang zu allen Prozess- und Kommissionsunterlagen. Die SED-Führung versprach sich aus den Dokumenten Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen in der bundesdeutschen Justiz, mit denen man bei der anstehenden KSZE-Folgekonferenz in Belgrad im September 1977 auf mögliche Vorwürfe der (Fortsetzung auf Seite 24) (Fortsetzung von Seite 23) westdeutschen Regierung reagieren wollte. Das Kalkül ging offenbar auf: In Belgrad hielt sich die Bonner Regierung mit offener Kritik am SED-Regime zurück, obwohl nach der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann die Unterdrückung der Opposition in der DDR zugenommen hatte.Die wenigen Eingeweihten in der Stasi beobachteten die RAF-Kontakte der Partei mit Misstrauen. Selbst aktiv wurden die Geheimdienstler aber nicht: Honecker hatte Mielke eine strikte Kontaktsperre zur RAF auferlegt. Jeglicher Anschein einer Unterstützung der Terrorgruppe durch die DDR musste vermieden werden, um das Verhältnis mit Bonn nicht zu belasten. Und so beließ es die Stasi, die bei der Ausbildung arabischer Terroristen weniger Zurückhaltung zeigte, weitgehend bei der Aufklärung des RAF-Umfeldes durch Inoffizielle Mitarbeiter. Erklärte Hauptaufgabe war es dabei zunächst, mögliche Anschläge der RAF gegen die DDR und Verbindungen zu ostdeutschen Oppositionellen zu unterbinden. Denn eines erfüllte Stasi-Minister Mielke mit großer Sorge: Besonders unter DDR-Jugendlichen nahm die Sympathie für die Linksterroristen im Westen zu. Erste Alarmglocken schrillten, als es am 7. Oktober 1977 am Rande eines Rockkonzertes am Berliner Fernsehturm zu Zusammenstößen zwischen Hunderten Ostberliner Jugendlichen und der Polizei kam. Von den Festgenommenen sagten einige später aus, sie fühlten sich von der RAF zum Kampf gegen Staat und Polizei inspiriert. Angst vor AnsteckungUnd auch eine geheime Studie der Stasi von 1983 verzeichnete eine Zunahme von terroristischen Gewaltakten in der DDR. So wurden zwischen 1976 und 1981 von mehreren kleinen Terrorzellen Sprengstoff- und Brandanschläge gegen Denkmäler, Warenhäuser und einen Reisezug begangen, "um damit Teile der Bevölkerung zu Widerstandshandlungen gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung zu veranlassen und westlichen Massenmedien die Existenz eines angeblichen politischen Untergrundes in der DDR zu signalisieren", wie es in der Studie heißt. Hinzu kamen Diebstähle aus Waffenkammern der paramilitärischen Jugendorganisation GST, mit denen sich andere Gruppen für einen bewaffneten Kampf nach Vorbild der RAF aufrüsten wollten. Die Sorge, dass der revolutionäre Funke der RAF auf die DDR überspringen könnte, drückte sich auch in dem so genannten operativen Kalender der für Terrorabwehr zuständigen Stasi-Hauptabteilung XXII aus: Neben wichtigen Daten aus der NS-Zeit, an denen sich rechtsextreme Gruppen orientieren könnten, fanden sich hierin auch Daten von Anschlägen der RAF und den Todestagen mehrerer RAF-Terroristen. Mit dem Tod der RAF-Gründergeneration in Stammheim im Oktober 1977 brach auch der Kontakt der SED und ihrer Anwälte zu der Gruppe ab. Nun übernahm die Stasi das Problem RAF. Die erste Gelegenheit bot sich 1978, als drei RAF-Mitglieder um Inge Viett in der CSSR festgenommen wurden. Die Stasi schickte eine kleine Abordnung nach Prag, die die RAF-Leute in die DDR holten. In einem geheimen Objekt im Wald wurden zwei Wochen lang Gespräche mit den Terroristen geführt. Das Ziel war, sie zum Ausstieg zu bewegen und ihnen ein Leben in der DDR unter falscher Identität anzubieten. Nach anfänglicher Ablehnung gingen schließlich zehn Mitglieder der so genannten zweiten RAF-Generation auf das zwischen Mielke und Honecker vereinbarte und angeblich auch mit Bonn abgesprochene Stasi-Angebot ein und begannen in der DDR ein ziviles Leben. Der letzte Kontakt der Stasi zu aktiven RAF-Kadern fand 1984 statt. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch mit drei Terroristen Verhandlungen über einen Ausstieg, der aber schließlich nicht mehr zustande kam. Mit der so genannten dritten RAF-Generation, der eine Reihe von bis heute ungeklärten Terroranschlägen in der Bundesrepublik zugeschrieben werden, kamen Stasi und SED nicht mehr in Kontakt. Diese Generation blieb auch für Ostberlin ein Phantom.------------------------------"Sie praktizieren ein fruchtloses Sektierertum." Das MfS über die RAF------------------------------Foto: Drei RAF-Terroristen flüchten in die DDR: Videostill aus dem Film "Überfahrt" von Rainer Kirberg. Seine Arbeit ist ein Beitrag zur RAF-Ausstellung der KunstWerke Berlin.