Wenn ein Trommler aus Ghana, ein indischer Sitar-Künstler und ein dänischer Pianist zusammen spielen, spricht man heute von Weltmusik. Analog dazu ist "Die Wohlgesinnten" eindeutig Weltliteratur. Denn Littell bietet in einem Werk u.a. einen Porno, einen Krimi, einen Splatter-Film, eine Fantasy-Schote, eine Tragödie, einen kitschigen Trivialroman, einen Wanderführer durch Pommern und neu animierte Holocaust-Monographien. Fremdenführer durch diese sehr heterogenen Landschaften ist ein Maximilian Aue, Jahrgang 1913, der uns als Ich-Erzähler und ehemaliger SS-Obersturmbannführer mal so richtig Bescheid stoßen will - "Ich bin wie Du!" - ruft er dem Leser ein ums andere mal implizit zu, oder explizit: "Eichmann war kein Einzelfall, dieser Mann, alle waren wir wie er, auch ich war wie er, auch ihr wärt an seiner Stelle gewesen wie er." Das ist eine so wahre wie höchst beunruhigende - wenn auch keineswegs neue - Einsicht. Wobei ja nun nicht jeder an Eichmanns Stelle in den SS-Sicherheitsdienst wollte oder auch nur durfte.Eichmanns Weg dorthin ist einigermaßen bekannt, der von Aue auch nach 1 384 Seiten nicht die Bohne, er erscheint als natural born nazi, der 1934 eben mal der SS beitritt. Da folgt der bis dahin in Frankreich aufgewachsene Max dem Ruf des Reiches in ihm, zu Jura-Studium in Kiel und Nazi-Karriere, die 1937 einen entscheidenden Anstoß bekommt. Durch eine Stricher-Affaire im Berliner Tiergarten deutlich in, nun ja, Schwulitäten, bedarf es des SD-Mannes Thomas Hauser, ihn da rauszuhauen. Anders gesagt und mit Aues Worten: "Und so entschloß ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten."Besagter Hauser wird ihn noch mehrmals retten müssen, bis ihn Stunden vor der deutschen Kapitulation Aue in Berlin mit einer Eisenstange erschlagen wird, um an dessen gefälschte französische Identitätspapiere zu kommen. Da hat Aue dann in Mord und Totschlag schon eine gewisse Routine, erstmal gibt er aber den feingeistigen juristischen Schreibstubenhengst im NS-Planungsgefüge. Das ändert sich 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion, und das verändert die Perspektive und den Ton. "Ich bin geradezu eine Erinnerungsfabrik", warnt der Autobiograf Aue schon auf Seite 10, um deren Produktpalette dann auf hunderten von Seiten end- und gnadenlos auszubreiten. Sein Gedächtnis arbeitet photo-, phono- und psychographisch, total recall! Die Konsistenz jedes Erbrochenen, jedes Durchfalls samt Ort und Zeit wird reportiert, jeder noch so banale Dialog - auch so kommt man auf hohe Seitenzahlen - jede gerauchte Zigarette, jedes Glas Schnaps und jeder Wechsel in Bewuchs und Bodenbeschaffenheit auf Wanderwegen, und eben auch das, was aus zerschossenen oder zerschmetterten Schädeln spritzt, quillt oder rinnt.Und davon gibt es reichlich bei Aues erstem selbstbeobachteten Massaker an über 30 000 Juden in der Schlucht Babi Jar. Er findet das nicht erfreulich, aber notwendig, denn es sei ja erwiesen, dass die Juden "für bolschewistische Verderbtheit, Diebstahl, Mord und viele andere schändliche Handlungsweisen empfänglich" seien. Tja, "Krieg ist Krieg und Schnaps ist Schnaps" - mit seinem hochfrequent eingesetzten Trinkspruch bleibt Aue auf dem von Historikern rekonstruierten Kriegs- und Vernichtungskriegspfad, quasi als Forrest Gump der Holocaust-Monographien: Plötzlich einer mehr im Bild!Doch im Gegensatz zum filmischen US-Einfaltspinsel können oder sollen wir uns Max Aue gar nicht genug als feinfühlig und gebildet vorstellen. Konversation mit Dr. Aue auf Altgriechisch? Jederzeit! Und wie rücksichtsvoll ist er, denn er raucht fast immer nur vor der Tür, selbst noch in Stalingrad, im Januar 1943, als es zwar reichlich Minusgrade unter 20 gab, doch kaum noch Türen.Vorher war er im Kaukasus eingesetzt, wo ein anderer Umgang mit der Bevölkerung in den besetzten Gebieten ausprobiert werden sollte als in der Ukraine: Einladung zur Kollaboration statt terroristischer Einschüchterung. Dort ist Aue mit der Klärung der "Bergjudenfrage" befasst. Eine Nuss, die kaum zu knacken ist, denn der kleine Stamm der Bergjuden heißt zwar so, es fehlt ihm aber sprachlich, physiognomisch und religiös alles, was die Nazi-Rasseforschung sonst als semitische Identifikationsmerkmale zu Tage gefördert hat.Rassenwahn trifft auf Wirklichkeit, und hier gelingt Littell via Aue in der Tat eine sehr illustrative Posse; aber bevor die Alternative "Befreunden oder Liquidieren" entschieden ist, wirft eine gegen Aue gerichtete Intrige unseren Helden in den Kessel von Stalingrad, zum Draußenrauchen, zur Tränenproduktion angesichts einer wegen Motorausfalls zerschellenden Heinkel und zur Cover-Version eines durch Wassili Grossman in "Leben und Schicksal" schon rund 50 Jahre früher beschriebenen politisch-philosophischen Diskurses zwischen einem SS-Offizier und einem Polit-Kommissar. Und dann tritt plötzlich Heinrich Himmler an sein Krankenbett: "Sein nach Eisenkraut riechender Atem verursachte mir Erstickungsgefühle - und er drückte mir einen feuchten Kuss ins Gesicht." Aue ist da wieder in Berlin - durch einen Kopfdurchschuss in Stalingrad bewusstlos, wurde er in einem der letzten von dort ausfliegenden Flugzeuge heim ins Reich befördert.Nun hat Aue erst mal einen Genesungsurlaub verdient, den er unter anderem dazu nutzt, alte Kumpels in Paris zu besuchen und sich dort auch von einem Kellner sexuell bedienen zu lassen, und dann, um Mutter und den (französischen) Stiefvater in Antibes zu besuchen.Das Motiv bleibt unklar, denn er hasst Mutter unbändig, weil sie Vater ziehen ließ und ihn und seine Zwillingsschwester Una nach jahrelangem geschwisterlichem Inzest zur Pubertätszeit in getrennten Internaten unterbrachte, wo er, Internat und so, natürlich homosexuell wurde und deshalb aktuelle weibliche Angebote zum Heldenzeugen immer wieder ablehnen muss, selbst diesbezügliches Drängen des Reichsführers persönlich hilft da nicht weiter; also: Besuchsmotiv unklar, Resultat eindeutig: Mutter erwürgt, Stief vater mit der Axt erschlagen.Die Indizien verweisen auf ihn als Täter, sein Gedächtnis aber angeblich nicht, war wohl gerade Warnstreik in der Erinnerungsfabrik. Jedenfalls entdeckt er die Ermordeten und besteigt umgehend den nächsten Zug nach Berlin, weil er ja schon eine Fahrkarte hat! Wir sehen so den Mörder für Volk, Führer und Vaterland neben dem Mörder auf eigene Rechnung in einer Person, hat doch Aue außer den Beiden in Antibes auch noch seinen universell einsetzbaren deus ex machina Thomas Hauser, einen pommerschen Gutsbesitzer, einen Polizisten sowie seinen rumänischen Liebhaber vom Leben in den Tod befördert. Roman- wie reflexionstechnisch wäre nun die Suche nach den Bindegliedern zwischen diesen beiden todbringenden Handlungssträngen naheliegend wie hilfreich, aber wo schon Aue/Littell dazu nichts einfällt, will sich auch der Berichterstatter nicht einmischen.Folgen wir also Aue zu seiner letzten Aufgabe im Nazi-Imperium, der Verminderung der Mortalitätsrate der noch arbeitsfähigen Juden, die jetzt als letzte erreichbare industrielle Reservearmee zumindest der eher realistischen Fraktion des NS-Staates ins Blickfeld kommen. Hier ist nun der germanische Forrest Gump umtriebig unterwegs wie weiland Genscher als Außenminister, nur mit anderen Zielen: Jagdausflug mit Speer, "Kaffee wurde ausgeschenkt, dann erhielt jeder eine Jagdtasche, Schweizer Schokolade und ein Fläschchen Weinbrand", Besichtigungstour mit Höss - und weiter droppen die names - Abendessen mit und Schulterklopfen von Eichmann: "Mit Verlaub, Sturmbannführer, Sie sind ein feiner Kerl." Und natürlich Anwesenheit bei Himmlers notorischer Posener Rede. (Ob Speer da noch dabei war, weiß er aber auch nicht mit Sicherheit. Schade! Denn dann hätte das Buch auf fast 1 400 Seiten doch immerhin eine neue Erkenntnis produziert.)Statt solcher gibt es nach einem Beinahe-Bombenvolltreffer einen neuen Genesungsurlaub, in dem Aue den verlassenen Landsitz seiner inzwischen pommersch-adelig verheirateten Schwester gefühlte hundert Seiten lang vollmasturbiert: "Von Mal zu Mal war jetzt mein Orgasmus bitterer, rauher, quälender" - bis die Rote Armee kommt.Aue, kantaperkantaper auf der Flucht mit Stippvisite zur Ordensverleihung im Führerbunker, die er dazu nutzt, seinem obersten Feldherren in die Knollennase zu beißen, weil sie ihm "slawisch-böhmisch, fast mongolisch-ostisch" vorkommt - schön, dass da dann nur der Schutzmann auftritt, nicht aber auch noch der Kasper und das Krokodil - und dann, kantaper, rein in den Berliner Untergrund und mit den Klamotten und Papieren des ermordeten Thomas ab in die bürgerliche Existenz des Leiters einer französischen Spi tzenfabrik und Memoirenschreibers.Und noch immer ist kein einziger Grund zu sehen, diesen Backstein zu lesen. Auf Seite 1094 gibt Aue einen hilfreichen Rat: "Ihr könnt dieses Buch jederzeit zuklappen und in den Mülleimer werfen."Der ist gut, kommt nur ein bisschen spät, wurde aber kaum befolgt, im Gegenteil, im Ersterscheinungsland Frankreich raunte die Kritik mehrheitlich bedeutungsvoll und das Publikum kaufte hunderttausendfach. Zwei Vermutungen drängen sich dazu auf: Texte mit vielen Leichen produzieren offensichtlich reflexhaft einen pietätvollen Umgang, als sei Kritik Störung der Totenruhe, und zweitens ist da der Aspekt der Einschüchterungsprosa, sensible Hochbildungspartikel hier und da, man könnte ja an einem vorbeigestolpert sein und damit die Zentralpointe verschlafen haben. Kristallisiert findet sich das zum Beispiel in einer der Frühstartrezensionen aus dem Bereich des deutschsprachigen Qualitätsfeuilletons: "Man traut sich nach einer ersten Lektüre nicht mit Sicherheit zu sagen, ob alles zuletzt nicht doch tiefer zusammenhängt."Nach einer zweiten Lektüre traut sich dieser Berichterstatter, mit Sicherheit - und mit Robert Gernhardt - zu sagen: "Mein Gott, ist das beziehungsreich! Ich glaub', ich übergeb' mich gleich."------------------------------Foto: Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten. Roman. Aus dem Französischen von Hainer Kober. Berlin Verlag, Berlin 2008. 1384 S., 36 Euro------------------------------Foto: Jonathan Littell, geb. 1967 als Sohn einer jüdischen Familie in New York, wuchs zweisprachig auf. Für seinen auf Französisch verfassten, umstrittenen Roman "Die Wohlgesinnten" erhielt er 2007 den Prix Goncourt. Der als scheu geltende Autor verweigerte die Annahme des Preises und zog im vergangenen Herbst wegen des Medienrummels um sein Buch von Paris nach Barcelona.