Das Kürzel DWDS kennt fast jeder in der Berliner Polizei. Es steht für "Dieter will das so" und bezeichnet recht treffend den Führungsstil von Polizeipräsident Dieter Glietsch. Er wird morgen von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) in den Ruhestand verabschiedet.Wenn man so will, ist der heute 64-Jährige, der im Mai 2002 zum Polizeichef ernannt wurde, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da wäre jener Dieter Glietsch, der aus der Behörde eine moderne Hauptstadtpolizei gemacht hat. Er ist ein Mann, der von seinen Mitarbeitern maximalen Einsatz fordert, der einen messerscharfen Verstand hat - und, wenn man genau zuhört, einen feinen Humor.Und da wäre jener Dieter Glietsch, der als Kontrollfreak gilt und von dem, wie Mitarbeiter sagen, eine Eiseskälte ausgeht. Er gehört in der Behörde sowohl zu den meistgeachteten wie auch zu den meistgefürchteten Leuten.Eine Schonzeit hatte Glietsch nicht. Von Anfang an stand er unter Beschuss. Bevor die SPD den damals 55-jährigen Polizeiinspekteur aus Nordrhein-Westfalen anwarb, war Vizepräsident Gerd Neubeck Favorit für das Amt. Als Innensenator Körting und Klaus Wowereit in letzter Minute den eigenen Mann, ein SPD-Mitglied, vorstellten, war die Empörung groß. Vor allem für Gewerkschafter und CDU war er ein unliebsamer Kandidat.Glietsch wollte die schwerfällige 27000-Mann-Behörde nicht einfach weiterwursteln lassen. Sogar ein eigenes Orchester hatte sich die Polizei geleistet, das er mit als erstes abschaffte mit der Begründung: "Wenn ich gute Musik hören möchte, gehe ich in die Oper."Er baute gründlich um, löste das Landesschutzpolizeiamt auf und verringerte die Zahl der örtlichen Direktionen von sieben auf sechs. Damit flachte er die Hierarchien ab und konnte direkter durchregieren.Die Rückendeckung des Innensenators und des Regierenden Bürgermeisters hatte er. Und handelte sich den Vorwurf der Opposition ein, politischen Vorgaben unwidersprochen zu folgen und nur ein Vollzugsorgan des Senats zu sein. Dazu zählt auch, dass Glietsch einen rigorosen Personalabbau durchsetzte, sodass die Behörde heute nur noch 21000 Mitarbeiter hat, von denen 16150 Vollzugsbeamte sind, also Polizisten, die Verbrecher jagen.Als Glietsch damals nach Berlin kam, hatte er daheim im Bergischen Land gerade ein Haus gebaut. Seine Frau zog mit ihm nach Berlin unter der Bedingung, dass sie nach dem Ende der Dienstzeit wieder zurück- kehren würden. Er zog in ein Haus in Lichterfelde. Allerdings nur zur Miete. Irgendwann beteuerte er, dass er Berlin "toll" finde und an dieser Stadt hänge. In seiner Freizeit erkundete er zusammen mit seiner Frau in seinem Fiat-Oldtimer, den er sich restaurieren ließ, das Land Brandenburg oder ging an der Moorlake in Zehlendorf spazieren.Wenn er um 7.30 Uhr im Präsidium am Platz der Luftbrücke seinen Dienst begann, hatte die Sekretärin eine Kanne Earl-Grey-Tee und ein Croissant ohne alles auf seinen Schreibtisch gestellt. Dann begann die Morgenrunde mit seinen eng-sten Mitarbeitern, in der die Ereignisse aus der letzten Nacht und die Maßnahmen für den Tag besprochen wurden. Glietsch, ein Mann, der stets mit der gleichen sanft-monotonen Stimme spricht, wird selten laut. Er ist ein Mann der Zahlen, hat die Personalstärken, Aufklärungsquoten und Investitionssummen parat. Auch in den Amts- und Direktionsleiter-Besprechungen konnten ihm die Mitarbeiter nichts vormachen. Er habe ein phänomenales Gedächtnis, sagen sie.Nur inkognito"Der Name Glietsch steht einerseits für eine völlige Neuordnung der Polizei", sagt Bodo Pfalzgraf, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft. "Andererseits steht er für beinharte Auseinandersetzungen mit den Personalvertretungen. Und für einen eigenwilligen Arbeitsstil. Alles, was diese Behörde jemals schriftlich verlassen hat, ging über seinen Tisch."Tatsächlich war Glietschs wichtigstes Arbeitsmittel ein grüner Füller, mit dem er seine Anmerkungen schrieb, auf Entwürfe für Dienstanweisungen oder Antworten auf Pressefragen. Sein Bedürfnis, auch über Kleinigkeiten Bescheid zu wissen, führte dazu, dass ihm sämtliche wichtige Presseanfragen vorgelegt wurden. Im Laufe der Jahre kanalisierte er die Herausgabe von Informationen so stark, dass alles nur noch über die Pressestelle läuft. Niemand wagte es mehr - auch nicht Direktionsleiter, die ihren Enddienstgrad erreicht haben - ohne Genehmigung mit den Medien zu reden. Und wenn, dann nur inkognito. "Ein leitender Beamter" ist dann in den Zeitungen zu lesen. Oder ein "ranghoher Beamter". Das nennt Glietsch, der früher selbst einmal Journalist werden wollte, moderne Pressearbeit.Entsprechend steif erscheint die Polizei dann in der öffentlichen Wahrnehmung - obwohl sie es eigentlich nicht ist. Doch der Gedanke, dass die Berliner Polizei mehr Gesichter als nur die des Polizeipräsidenten und der Pressesprecher hat, ist für Glietsch unerträglich. Und so verschwanden populäre Beamte, die etwa Experten bei der Aufklärung von Mordfällen oder Kindesmissbrauch waren, von der öffentlichen Bildfläche. Sie wurden in andere Abteilungen versetzt.Überhaupt führte Glietsch ein Rotationsprinzip für Beamte ein, wie schon in NRW. Die Beamten sollten auch andere Bereiche der Behörde kennenlernen. Vor allem verursachte dieses Prinzip Unverständnis. Beamte, die sich hervorragend mit jugendlichen Gewalttätern auskannten, fuhren nun Funkwagen. Ein Spezialist für arabische Großfamilien, der arabisch spricht, wurde ebenso versetzt wie ein Dezernatsleiter, der in der Rockerszene genau Bescheid wusste und dann Drogenhändler in der U-Bahn jagte. Lauten Widerspruch aus den eigenen Reihen habe er nur selten bekommen, sagt ein Glietsch-Vertrauter. Das sagt auch etwas über die Mentalität in der Truppe, in der dann eben hinter der Hand gelästert wird: "DWDS". Dieter will das so.Gleichwohl setzte Glietsch auch andere Akzente. So trieb er die Vorbeugung gegen Kriminalität voran. "Die Präventionsarbeit wuchs überhaupt erst mit ihm", sagt ein Präventionsbeamter aus einem Abschnitt. Unter Glietschs Ägide wurde die Zusammenarbeit mit den Schulen intensiviert, um so dem ausufernden Problem der Jugendgewalt zu begegnen.Mit Glietsch übte die Polizei auch ein anderes Vorgehen ein bei sogenannten "Großlagen" wie dem 1. Mai. Eine Strategie der "ausgestreckten Hand", aber auch konsequente "beweissichernde Festnahmen" brachten ihm das Lob der oppositionellen Parteien ein und sogar Besuche ausländischer Polizeiführer, die von Berlin lernen wollten."Er steht für das Prinzip der Deeskalation. Damit hat er zum positiven Bild der Berliner Polizei beigetragen", sagt Dieter Großhans von der Gewerkschaft der Polizei. "Es gab aber auch eine schwierige Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften. 4000 Polizisten wurden abgebaut, es gibt weniger Polizeiabschnitte sowie Arbeitszeitregelungen, die familiär und gesundheitlich nicht tragbar sind."Gegen alle Widerstände der Personalvertreter setzte Glietsch auf dem Weg zur "bürgernahen Polizei" auch als erster Polizeipräsident in Deutschland die Kennzeichnung der Beamten in geschlossenen Einsätzen durch. Die Gewerkschaften quittierten dies mit dem Vorwurf, er misstraue seinen Untergebenen.Ihn lassen solche Vorwürfe kalt - zumindest muss man dies annehmen. Denn so schmerzfrei er wirkt, so unnahbar ist er. Trotz seiner Erfolge gelang es ihm nicht wirklich, die Beamten auf der Straße mitzunehmen. Eine Szene illustriert, warum: Der Polizeichef, der jede Woche eine Dienststelle besucht, trifft in einem Abschnitt ein. Er will keine duckmäuserischen Vorträge der dortigen Vorgesetzten hören. Vielmehr sollen die einfachen Mitarbeiter von ihren Problemen berichten. An jenem Tag hat eine stellvertretende Abschnittsleiterin ihren ersten Tag dort. Glietsch weiß das. Er gibt ihr knapp die Hand und geht weiter. "Es wäre ihm doch kein Zacken aus der Krone gefallen, wenn er ihr alles Gute für den Anfang gewünscht hätte", sagt ein Beamter. "Es fehlt dieses kleine Etwas an Zuwendung. Bei der Mitarbeiterin ist er jetzt unten durch."Beförderungen und neue StellenIm letzten Jahr war Glietsch noch einmal richtig geschäftig. Er legte Dienststellen zusammen, führte in der Leitzentrale, im Lagedienst und örtlichen Kripostellen ein neues Arbeitszeitmodell ein. Er beförderte in den vergangenen Wochen hohe Beamte und schuf im Präsidium eine Stelle, die sich um Migrantenprobleme kümmert. "Er führt seine Behörde bis zum Schluss mit dem gleichen Engagement", erklärt Behördensprecher Frank Millert diese Emsigkeit. "Er will seinem Nachfolger keine unfertigen Baustellen überlassen." Man könnte aber auch den Eindruck gewinnen, dass ihm die drohende Pensionierung zu schaffen macht.Vielleicht ist er aber auch froh, wieder weg zu sein. Als Pensionär zieht er wieder zurück in sein Haus in NRW. Seine Frau will das so.------------------------------Foto: Intelligent, effizient und unnahbar: Dieter Glietsch.