In diesem Jahr feierten und feiern zwei bedeutende Schauspielerpersönlichkeiten des deutschsprachigen Theaters ihren 90. Geburtstag. Im Januar war es Bernhard Minetti, heute, am 10. Oktober, wird Lotte Loebinger 90 Jahre alt. Beide kamen aus dem Norden, aus Kiel, nach Berlin. Beide begannen vor 70 Jahren in Berlin Theater zu spielen. Die weiteren Lebenswege verliefen gänzlich unterschiedlich, jeder exemplarisch mit den Zeitläufen verbunden.Als die kleine Verkäuferin im Kieler Theater die "Jungfrau von Orleans" sah, hatte sie ein merkwürdiges Erlebnis. "Ich dachte, was will die Schauspielerin eigentlich auf der Bühne - das ist doch meine Rolle." Wegen Schiller sei sie zum Theater gegangen, erzählte sie mir einmal. Mit der Eboli fing damals alles an. 1927 spricht sie dem großen Piscator vor und wird sofort engagiert. Ohne Ausbildung spielt sie an der Seite von Alexander Granach die Eva in Tollers "Hoppla, wir leben", eine Aufführung, die zur deutschen Theatergeschichte gehört.Die Naive aus der Provinz lernt die Berühmtheiten der Berliner Kulturszene kennen, als Muse, Freundin, Kumpel: Erich Mühsam, bei dem sie einige Zeit wohnte, Brecht, Eisler, Heartfield, Walter Mehring, Heinrich Greif, die Nehers, den Gründgens und den Maler Heinrich Vogeler. Piscators politisches Theater fasziniert sie. Sie engagiert sich politisch links, eine Gefühlsentscheidung, sagt sie später (eine ihrer Schwestern war mit Max Hoelz verheiratet) und wird Kommunistin in der Weimarer Zeit. Sie will teilnehmen am Kampf um soziale Gerechtigkeit. Sie habe immer mit dem Herzen entschieden, sagt sie. Dem Traum von einer Schiller-Karriere ist das nicht zuträglich. Sie geht 1933 nach Prag und dann in die Sowjetunion. Sie spielt zunächst in Filmen, bis sie als Sprecherin der deutschsprachigen Sendungen des Moskauer Rundfunks eingesetzt wird. Schiller wird ein zweites Mal aufgeschoben. Hunderttausende Deutsche hören heimlich auf das "Mädchen mit der Sammetstimme", haben durch sie Gewißheit, Trost, Hoffnung empfangen. Wir hatten beschlossen, erzählt sie, in der strengen Ansage "Hier spricht Moskau" das Moskau mit einem Lächeln zu sprechen. Das Abhören des Moskauer Senders war in Nazi-Deutschland lebensgefährlich. Die Sprechertätigkeit unter Stalins ständiger Kontrolle war es nicht weniger. Beim Verlesen einer Stalinrede vergißt Lotte Loebinger in der Hektik der Live-Übersetzung eine Seite. Darauf steht Todesstrafe. Vermutlich war es Wilhelm Pieck, der sie vor dem Erschießungskommando rettete. Was ihre Biographien verschweigen und worüber sie Jahrzehnte die Auskunft verweigerte: Lotte Loebinger war die Ehefrau Herbert Wehners. Als er der Sowjetunion den Rücken kehrt und später mit der KPD bricht, verließ er nicht nur das Land, das ihm Asyl gewährt hatte. Eine Liebe in den Zeiten der Grausamkeit. Hunger, Not und Entbehrung prägen das Leben der bedrohten Schauspielerin. Halb illegal reist sie durchs Land auf der Suche nach ihrer evakuierten Tochter Anna. Trotzdem wird sie später immer wieder sagen, die Sowjetunion habe ihr das Leben gerettet.Sie kommt vierzigjährig nach Deutschland zurück und hat immer noch keine Schiller-Rolle gespielt. Jetzt sind erst mal Gegenwartsstücke gefragt. Sie arbeitet am Deutschen Theater, kommt 1953 ans Gorkitheater. Für eine Schiller-Karriere das falsche Theater, aber für Lotte Loebinger das richtige. Mehr als 60 Rollen hat sie hier gespielt.Ich kannte und liebte sie, seit ich sie als Mutter von Peter Munk in Paul Verhoevens Märchenfilm "Das kalte Herz" gesehen hatte. Als ich 1966 ans Gorkitheater kam, feierte sie gerade als Großmutter in Blazeks "Und das am Heiligabend" Triumphe. Eine Großmutter wie aus dem Bilderbuch, eine, die für alle da ist, die die heranwachsende Enkeltochter gegen den engstirnigen Funktionärsvater verteidigt. Die Mütter und Großmütter waren ihr weites Rollenfach. Mal schrill und boshaft, mal liebevoll-ironisch, mal ausgelassen heiter. Lotte Loebinger ist einfach "die Mütterliche", die auch im Leben junge Schauspieler an die Hand nahm und sie nicht selten in ihrer nahe der Ernst-Busch-Schule gelegenen Wohnung verköstigte. Die Fedossja in Gorkis "Die Letzten" und die Anfissa in Tschechows "Drei Schwestern" machte sie zu Figuren, deren Schicksal einen genauso rührten wie das der Hauptfiguren. In zwei späten Fernsehfilmen spielt sie im Zenit ihrer darstellerischen Reife. In beiden führte Thomas Langhoff Regie, der ein idealer Partner für sie war. In Maxi Wanders "Guten Morgen, du Schöne" spielte sie die Julia, und in "Ich will nicht leise sterben" zeigte sie den stillen Abschied einer Arbeiterin nach Jahrzehnten schwerer Arbeit.Ihre letzte Rolle war der Narr in Shakespeares "Was ihr wollt", ihre große Alters- und Abschiedsrolle. Dieser Narr war ein Menschenfreund, unabhängig und frei in seinen Gedanken, alles Knechtische verachtend. +++