BERLIN, 7. September. Trotz Einwilligung der rot-grünen Bundesregierung steht der geplante Export der Hanauer Siemens-Plutoniumfabrik nach Russland auf der Kippe. Wie die "Berliner Zeitung" aus Kreisen der internationalen Nuklearwirtschaft erfuhr, fordert Moskau als Bedingung für die Nutzung der Anlage, dass die deutsche Stromindustrie bereits heute ihr Interesse an einem späteren Bezug der Mischoxyd-Brennstäbe (Mox) offen legt, die ab 2007 mit Hilfe der Siemens-Technik aus russischem Waffenplutonium hergestellt werden sollen. Zu einer derartigen Zusage ist die deutsche Stromindustrie aber offenkundig nicht bereit - sie fürchtet Störungen des Atomausstiegs, den sie mit der Bundesregierung vereinbart hat.BNFL-Angebot billiger"Damit muss die Politik zu uns kommen", sagte der Spitzenmanager eines deutschen Energieversorgungsunternehmens der "Berliner Zeitung" zu dem Mox-Projekt. "Wir warten die Entwicklung ab." Moskau will aber nicht warten und rechnet auch nicht damit, dass die rot-grüne Bundesregierung das Mox-Projekt von sich aus forciert.Zudem liegt Russland ein Konkurrenzangebot der staatlichen britischen Firma BNFL vor, das nach Informationen der "Berliner Zeitung" um 20 Prozent preisgünstiger ist als die Siemens-Plutoniumfabrik. Das BNFL-Angebot habe zudem den Vorteil, dass die Briten eine schlüsselfertige Anlage liefern wollen. Um dagegen die Siemens-Anlage wie geplant am Standort Majak im Ural aufzubauen, müssten noch zusätzliche Komponenten gefertigt werden, die nach den Plänen teilweise in Russland hergestellt würden.Sollten die deutschen Stromkonzerne bei ihrer zurückhaltenden Position bleiben, so hieß es weiter, präferiere Moskau die britische Anlage. Damit liefe das gesamte Mox-Projekt - abgesehen von der Finanzierung im Rahmen der weltweit führenden Industriestaaten (G-7) - weitgehend ohne deutsche Beteiligung ab. Grund: Mox-Brennelemente, die nach BNFL-Technik gefertigt werden, sind derzeit nur von einem einzigen deutschen Atomkraftwerk, dem Meiler Unterweser, verwendbar. Für alle übrigen deutschen Reaktoren wäre eine völlig neue Genehmigungsprozedur erforderlich, die nach Enschätzung von Nuklearexperten als höchst aufwändig und politisch kaum vermittelbar gilt.Insider erwarten nun, dass der Münchner Siemens-Konzern hinter den Kulissen Druck auf die deutschen Stromkonzerne ausüben wird, damit sie doch noch ihr Interesse an dem Mox-Projekt bekunden. Zwar ist der Export der Hanauer Anlage für den Münchner Konzern nach eigenen Angaben nicht lukrativ. Sehr viel versprechend ist aber die Perspektive einer strategischen Zusammenarbeit mit Moskau. Immerhin hatte der Atomminister Jewgenij Adamow Siemens kürzlich eingeladen, in Russland neue Kernkraftwerke zu bauen.Option auf EndlagerDeutschlands Stromkonzerne haben an den Mox-Brennstäben aus Russland kein direktes ökonomisches Interesse - der Brennstoff müsste subventioniert werden, damit er günstiger als Uran-Brennelemente angeboten werden könnte. Das Mox-Projekt ist allerdings mit der Option auf Lagerplatz in einem geplanten Atom-Endlager in Russland verknüpft, das in Sibirien entstehen soll. Daran zeigte die deutsche Stromindustrie intern großes Interesse.Plutonium-Deal // Will die Atomindustrie Russlands ausbauen. "Minatom"-Chef Jewgenij Adamow. Er lud Siemens ein, in Russland neue Kernkraftwerke zu bauen.Siemens-Lenker Heinrich von Pierer hat aber ein Problem. Schlüsselprojekt soll der Export der Hanauer Plutoniumfabrik in den Ural sein. Doch Deutschlands Stromkonzerne wollen offenbar nicht mitziehen.AP/FRANK RUMPENHORST Sie ging nie in Betrieb: die Siemens-Plutoniumfabrik in Hanau.