MOSKAU. Jeden Sommer verwandelt sich Moskau in eine andere Stadt. Keine Staus mehr auf den vielspurigen Straßen, kein Gedränge auf den breiten Bürgersteigen oder den Rolltreppen der U-Bahn. Moskau im Sommer ist eine Stadt im Ausnahmezustand. Die Normalität hingegen ist, das es aus allen Nähten platzt. Auf einer Fläche, die nur wenig größer ist als Berlin, leben dreimal so viele Einwohner. 10,5 Millionen sind es offiziell - nicht gerechnet die Ungemeldeten, etwa die Gastarbeiter aus ehemaligen Sowjetrepubliken.Weitere Millionen wohnen hinter dem ständig verstopften Autobahnring, von wo sie täglich in vollen Elektritschka-Zügen hereinpendeln. Moskau ist eine der wenigen Städte der Welt, in denen es zu Menschenstaus in der U-Bahn kommt. Man trippelt zentimeterweise vorwärts. Auf den Straßen ist ohnehin kein Durchkommen, es sei denn, man gehört zu den rund tausend privilegierten Beamten und Staatsmanagern, die mit Blaulicht auf einer Sonderspur zur Arbeit fahren. Sie wohnen in niedrigen Häusern im Grünen, während sich die anderen in Wohntürmen drängen.Moskau ist an der Einwohnerzahl gemessen Europas größter Ballungsraum, vor London, Istanbul oder dem Ruhrgebiet. Und ist es am dichtesten besiedelt: Auf einen Quadratkilometer kommen 11000 Einwohner - gegenüber knapp 7000 in Paris, knapp 4000 in Berlin. Aber damit wenigstens hat es nun ein Ende.Diese Woche nämlich verkündete Oberbürgermeister Sergej Sobjanin den verblüfften Moskauern, dass das Stadtgebiet sich auf einen Schlag mehr als verdoppeln wird. 144000 Hektar soll Moskau von der benachbarten Region hinzu erhalten, eine Fläche, die eineinhalb Mal so groß wie das Land Berlin. Dorthin sollen künftig fast alle Einrichtungen der russischen Hauptstadt verlegt werden.Sobjanin verkündete das in Gorki, der Residenz von Präsident Dmitri Medwedew im Westen Moskaus. Ihm hatte er, mit einem tapfer lächelnden Gouverneur der Region, die Gebietsabtretung vorgestellt. Schließlich war es Medwedew selbst, der die Verlegung föderaler Einrichtungen aufs Land vorgeschlagen hatte. Das werde den Moskauern das Leben erleichtern.Kreml-Nähe bedeutet MachtAber von Erleichterung ist vorerst nichts zu spüren. Solange es keine konkreten Umzugspläne gibt, traut man der Sache nicht. Macht bemisst sich in Russland an der Nähe zum Kreml. Und wer will die freiwillig aufgeben? In fünf Jahren, so Oberbürgermeister Sobjanin, sollen die Bundesbehörden schon umgezogen sein. Die Präsidial-Administration und das Weiße Haus, das heißt die riesigen Apparate von Medwedew und von Regierungschef Wladimir Putin, sollten den Anfang machen - dann hätten die anderen nämlich gar keine Wahl, als zu folgen.Unklar ist, wohin genau die Reise gehen soll. Die 144000 zusätzlichen Hektar liegen im Südwesten der Stadt, zwischen Warschauer und Kiewer Chaussee. Sie sind weitgehend unerschlossen und unbewohnt. Vermutlich war das ein Grund, sie zu wählen, denn neu eingemeindete Moskauer kosten die Stadt zusätzliche Sozialleistungen. Die Renten etwa liegen in der Hauptstadt bei 11000 Rubel (275 Euro) im Monat, zweimal so hoch wie in der Region. Überhaupt ist das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Umland gewaltig. Moskau wirkt wie ein Öl-Scheichtum innerhalb Russlands, es wird dafür beneidet, bewundert, gehasst."Widernatürlich" nennt der prominente Architekturkritiker Grigori Rewsin die Wahl der Himmelsrichtung. Warum hat man nicht im gut erschlossenen Westen erweitert, wo die Mächtigen ohnehin schon wohnen, an der Edel-Meile Rubljowka nämlich? Stattdessen wird Neues aus dem Boden gestampft. Überhaupt sei die Entscheidung undurchdacht. "Das haben sich fünf Leute in zwei Wochen überlegt, ohne jede Vorarbeit. Eine Zehn-Millionen-Stadt so zu regieren, ist entsetzlich verantwortungslos." Es sei bezeichnend, dass die Lage des neuen Internationalen Finanzzentrums - eine Lieblingsidee Medwedews - in den Plänen unbestimmt bleibt.Gegen eine Verlegung der Regierung hat Rewsin nichts, dann könnte man den Kreml endlich freigeben für Besucher. Aber am Ende, vermutet er, verlegen sie doch nur Parlament und Gerichte, also die schwächsten Staatsgewalten. Das Parlament wird vom Kreml aus verwaltet und versorgt, es ist fügsam und mobil. Und ein neues, großzügigeres Gebäude für Ober- und Unterhaus ist seit langem im Gespräch.Finanzminister Alexei Kudrin hat behauptet, der Umzug werde den Staat keine Kopeke kosten. Zwar sollen außerhalb der Stadt in 20 Jahren 45 Millionen Quadratmeter Büro- und 60 Millionen Quadratmeter Wohnfläche entstehen. Aber in der Innenstadt würden ja Immobilien frei. Das Außenministerium etwa sitzt in einem Wolkenkratzer der Stalin-Zeit, auf 90000 Quadratmetern.Die Bürger werden nicht gefragtGewinner der Entscheidung gibt es jedenfalls, und sogar schon jetzt: Bodeneigentümer in der Moskauer Region und Immobilieninvestoren. "Die haben diese Entscheidung auch herbeigeführt", sagt düster Sergej Mitrochin. Der liberale Politiker hat Jahrzehnte gegen die Verdichtung des städtischen Raums gekämpft; dagegen, dass Spielplätze und Parks neuen Büros weichen mussten. Der neue Bürgermeister Sobjanin hat solche Projekte zwar gestoppt. Aber er regiert über die Köpfe der Bürger hinweg. Mitrochin vermutet, die Erweiterung diene dazu, Sozialwohnungen auszulagern. Dann ziehen am Ende nicht Beamte um, sondern Rentner.Das Erstaunlichste an Moskaus märchenhafter Verdopplung ist: Es gibt überhaupt keine Diskussion der Bürger. Niemand fragt sie nach ihrer Meinung. Sie mischen sich auch selbst nicht ein. Wie auch, wenn alles unklar ist? Schon ein Jahr vorausdenken ist in Russland schwierig, sagt Mitrochin. "Medwedew schmiedet grandiose Pläne, aber was macht er selbst in einem Jahr? Das weiß ja auch niemand."------------------------------Karte: Geplante Erweiterung MoskausFoto: Dreimal so viele Einwohner wie Berlin auf etwa derselben Fläche: Moskau ist die am dichtesten besiedelte Stadt Europas und leidet unter Stau und Gedränge.