Demenz ist ein Modethema geworden. Von der verschwiegenen Schreckens-Diagnose hat die Krankheit eine erstaunliche Karriere auf die Titelblätter der Magazine und in die Bestseller-Listen hingelegt. Das ist zwiespältig, vor allem dann, wenn der Zerfall des Geistes - und nichts anderes bedeutet Demenz - mit einer merkwürdigen Romantisierung einhergeht. Kirsten Poggendorff und Michael Wolfram wollten ihren Film über Doris Kirchner schon drehen, bevor diese an Demenz erkrankte. Die Regisseure kannten die 1930 in Graz geborene Schauspielerin als eigenwillige, autarke Persönlichkeit. Bis vor wenigen Jahren unterrichtete sie in ihrer eigenen Schauspielschule in Hamburg nach einer von ihr entwickelten Methode. Mit 73 Jahren erlitt Doris Kirchner einen Schlaganfall, der eine Demenz auslöste. Heute lebt sie in einem Altenheim bei Hamburg. Die Demenzstation des Tobias-Hauses ist auch der Hauptschauplatz dieses stillen, wohltuend unspektakulären Films.Die Regisseure halten jenen respektvollen Abstand, den manche Autoren beim Schreiben über ihre demenzkranken Väter und Mütter vermissen lassen. Da wird viel mitverhandelt, auch die Wut über das demolierte Bild, das der Vater oder die Mutter nun abgibt. Nicht immer geschieht das so einfühlsam wie bei Arno Geiger, der schreibt: "Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm."Doris Kirchner ist erreichbar. Ihre Krankheit ist kein Verlies, das sie allein bewohnt. Sie flirtet mit dem jungen Pfleger, der ihr morgens das lange graue Haar bürstet. Aus dem Spiegel blickt ein schönes altes Frauengesicht direkt in die Kamera. Doris Kirchner sorgt für Ruhe im Essensraum, als sich alle von einer laut vor sich hin singenden Frau gestört fühlen. Und sie gibt Regieanweisungen, als Pfleger und Patienten gemeinsam das Märchen vom "Rumpelstilzchen" proben. Es ist unübersehbar, dass die Bühne ihr Rahmen ist, von dem einer der Therapeuten spricht. Der Rahmen, der den Demenzkranken fehlt und den das Heim herzustellen versucht. Das sind schöne Worte. Nicht immer mögen sie mit der Substanz gefüllt sein, die man in diesem Heim vermutet. Der Film hat immer auch den Raum im Blick, der Doris Kirchner geblieben ist. Viele der Mitpatienten sind apathisch, sie tragen Windeln und Latz. Zugleich beobachten die Regisseure sehr genau, wie Menschen auf die Veränderungen von Doris Kirchner reagieren. Ein ehemaliger Schüler offenbart seine Begegnungsangst mit der Lehrerin in einer vielleicht unfreiwilligen Pose. Die Tochter spricht in gehetzten Monologen über das Doppelgesicht ihrer Mutter. Man ahnt, dass die Tochter nicht genügend mütterliche Aufmerksamkeit bekam. Ihre sporadischen Besuche sind vielleicht eine späte Antwort darauf. Poggendorff und Wolfram kommentieren nichts. Ihr Film ist das Zeugnis einer Begegnung voller Rücksicht und Geduld.-----------------------Müllerstochter, Königin ... - Porträt der Schauspielerin Doris Kirchner Deutschland 2011. Buch und Regie: Kirsten Poggendorff und Michael Wolfram, Kamera: Claudia A. Pickshaus, Dokumentarfilm, 50 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Die einstige Schauspiellehrerin Doris Kirchner gibt auch im Altenheim Regieanweisungen: "Sonst schläft man gleich ein."

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