MÜNCHEN, 19. Januar. Auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere, in den frühen 80er Jahren, lautete sein Motto: "I mog d·Leit und d·Leit mög·n mi." Erich Kiesl war damals Oberbürgermeister von München, das einzige Mal nach dem Krieg, daß die CSU dieses Amt erringen konnte. Doch die Leute mögen Erich Kiesl schon lange nicht mehr. Nach sechs Jahren Amtszeit wurde Kiesl 1984 wieder abgewählt, ein ziemliches Kunststück in Bayern, wo die direkt gewählten Stadtoberhäupter nur schwer zu verdrängen sind.Jetzt ist offenkundig geworden, daß auch Kiesl die Leute nicht mehr mag. Jedenfalls, wenn es Amtspersonen sind, die ihm ans Leder wollen. Seit 1994 schwebt eine Anklage über Kiesl. Als Rechtsanwalt soll er Vermögenswerte einer von ihm betreuten Firma zu Lasten der Treuhandanstalt verschoben haben. Außerdem wirft ihm die Staatsanwaltschaft uneidliche Falschaussage und Steuerhinterziehung vor. Der immer wieder verschobene Prozeß soll am Dienstag beginnen.Kein Schlußstrich der CSUDoch vorher produzierte Kiesl noch einen Skandal. Als ihn vor einer Woche sonntags der Gerichtsvollzieher mit Polizeibeamten aufsuchte, damit Kiesl die lange angemahnte Unterschrift für seinen Offenbarungseid leistete, verlor er völlig die Beherrschung und beschimpfte die Beamten nicht nur als "Arschlöcher", "Scheißkerle", "Drecksäue" und "Nazis", sondern verwendete auch die selbst für bayerische Verhältnisse kräftige Formulierung "verschissene Idiotenschnösel". Außerdem drohte Kiesl, die Besucher mit einem Messer abzustechen, und konnte nur mit Mühe daran gehindert werden, eine Flasche nach ihnen zu werfen. Dann bekam Kiesl Herzschmerzen, verlangte nach dem Notarzt und wurde in die Klinik eingeliefert.Die Version seines Anwalts Martin Amelung klingt anders. Danach sind die Beamten mit einem Schlüsseldienst eingedrungen und hätten Kiesl gepackt. Der will an einen Überfall geglaubt haben. Da sei ihm eben, so sein Anwalt, "das eine oder andere unschöne Wort über die Lippen gekommen". Die Behörden hätten ihn "schikanieren" wollen, denn sonntags könne man die Unterschrift gar nicht leisten.Auf jeden Fall ist der Prozeß mit seinem bizarren Vorspiel wohl die letzte Stufe des politischen Niedergangs von Erich Kiesl. "Propeller-Erich" wurde er in seiner Zeit als Staatssekretär im bayerischen Innenministerium genannt, weil er auch kurze Strecken mit dem Hubschrauber zurücklegte. Nach seinem OB-Intermezzo wäre er gern ins Kabinett zurückgeflogen. Doch die CSU liebt keine Wahlverlierer, und so mußte Kiesl als Abgeordneter zurück in den Landtag.Dort fristete er sechs Jahre lang das Dasein eines zunehmend frustrierten Hinterbänklers. Kurz vor seinem Abschied aus dem Landtag 1994 stänkerte Kiesl gar gegen den CSU-Filz: Teile der Justiz ließen sich in Bayern politisch mißbrauchen.Doch Erich Kiesl ist immer noch Ehrenvorsitzender der Münchner CSU. Zwar rümpfen Parteifreunde in der Regel die Nase, wenn die Sprache auf Kiesl kommt. Aber zu einem Schlußstrich konnte sich CSU-Bezirkschef Peter Gauweiler bisher nicht entschließen.