BERLIN. Sollte Wolfgang Schäuble für seine neuen Anti-Terror-Ideen noch ein paar lebensnahe Anregungen benötigen, könnte er bei Murat Kurnaz nachschlagen. Dort würde der Innenminister erfahren, welche Folgen es hat, wenn die Unschuldsvermutung im Kampf gegen den Terrorismus außer Kraft gesetzt wird. Denn darüber hat Kurnaz ein Buch geschrieben, das jetzt bei Rowohlt Berlin erscheint. Es heißt: "Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo."Minister Schäuble könnte zum Beispiel diese Szene nachlesen.Sie handelt von Murat Kurnaz und einem Deutsch sprechenden Amerikaner, der ihn im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba verhört. Kurnaz berichtet über die Vernehmung:"Immer wieder hakte er ein. Hielt er mich für einen Superterroristen?Vernehmer: ,Diese Geschichten kenne ich schon alle. Du kannst gleich mit der Wahrheit beginnen.'Ich erzählte ihm von meinen Sport.Vernehmer: ,Typisch Terroristen. Ihr seid alle in Kampfsport ausgebildet. Mohammed Atta hatte in Deutschland einen Fitness-Club, aber hinter den Kulissen haben sie Anschläge geplant. So wie du!'Kurnaz: ,Ich habe in meinem Studio in Bremen nur trainiert, sonst nichts. Ich weiß nicht, was Mohammed Atta getan hat. Ich kenne ihn nur aus dem Fernsehen.'Das schrieb er sich alles auf. Das Verhör erstreckte sich über viele Stunden. Zwischendurch war er aufgestanden und rausgegangen und danach wiedergekommen. Vielleicht hatte er etwas gegessen und getrunken. Er packte seine Unterlagen zusammen ...Vernehmer: ,Für heute reicht es. Ich weiß, dass du gelogen hast. Von Anfang bis Ende. Das macht deine Lage nur noch schlimmer. Pech gehabt, Junge. Du sollst nicht lügen.'Kurnaz: ,Ich habe nicht gelogen. Warum sollte ich lügen?'Vernehmer: ,Wir wissen genau, wer du bist. Wir wollten es auch von dir hören, Diese Chance hast du verpasst.'Dann ging er."Murat Kurnaz war 19 Jahre alt, als er im Spätherbst 2001 in die Anti-Terror-Maschinerie der Amerikaner geriet. Er war 24 Jahre alt, als er sie im Spätsommer 2006 verlassen durfte. Dazwischen lagen fast fünf Jahre, in denen ihm vorgeworfen wurde, ein islamistischer Terrorist zu sein. Fünf Jahre, in denen niemand daran glauben wollte, dass Kurnaz unschuldig ist.Sein Buch, das er zusammen mit dem Journalisten Helmut Kuhn verfasst hat, ist sehr emotional. Es sind Erinnerungen an die Zeit in seiner persönlichen Hölle. Es mag sein, dass nicht jedes Zitat buchstabengetreu wiedergegeben wird. Aber es ist doch ein Dokument, das einen unverstellten Blick in ein System der Erniedrigung ermöglicht.Im Text lassen sich Anklänge an die Autobiografie von Henri Charrière finden, der in dem Roman "Papillon" vom Gefangenenleben auf einer Insel vor Südamerika berichtet. Kurnaz trifft in seiner Erzählung einen ähnlichen Ton. Nüchtern, direkt, schnörkellos. Es ist eine Sprache, wie sie Türsteher kennen.Kurnaz war Türsteher, er war Bodyguard und Fitness-Trainer und Kampfsportler. Er war es in seinem ersten Leben. Vor Guantanamo. In dem Buch beschreibt der in Bremen geborene und aufgewachsene Türke, wie es dazu kam, dass er sich mehr und mehr für den Islam interessierte. "Ich hatte genug von den Mädchen in Deutschland. Ich hatte genug von den Discos und den Türken, die Drogen nahmen und dealten und ins Gefängnis kamen. Und von meinem Job als Türsteher. Ich wollte etwas Vernünftiges tun."Kurnaz lässt sich einen Bart stehen. "Du siehst aus wie ein Pilger", sagt ein Freund zu ihm. Es war der Beginn einer optischen Verwandlung, die mit einer Verwandlung seiner Persönlichkeit einherging. Da er "die Sache mit dem Islam irgendwie angefangen habe, sei er neugierig geworden, schreibt Kurnaz: "Was war eigentlich unser Glaube?" In einer Bremer Moschee kommt er mit Moslems in Kontakt, die der Gruppe "Jama'at al Tablighi" angehören. Das ist eine islamische Missionsbewegung, die nach Angaben deutscher Sicherheitsbehörden nicht selbst terroristisch tätig ist. Doch sie steht im Verdacht, "in islamischen Radikalisierungsprozessen eine wesentliche Rollen zu spielen", wie es in einem Regierungsbericht heißt. Kurnaz aber sieht die Gruppe und ihre Lehrstätten in Pakistan als eine Möglichkeit, in wenigen Wochen mehr über den Islam zu lernen, als in all den Jahren in Bremen zusammen.So entscheidet er sich, kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nach Pakistan zu reisen, um zu lernen. Der aufziehende Krieg der Amerikaner gegen die Taliban in Afghanistan soll ihn daran nicht hindern. "Und was hatte Pakistan mit Afghanistan zu tun? Das war doch ein anderes Land. Ich sah nicht, warum ich meine Reisepläne aufgeben sollte." Am 3. Oktober 2001 fliegt Kurnaz los. Zeugen sagen, sie hätten gehört, Kurnaz wolle sich vermutlich dem bewaffneten Kampf gegen die Amerikaner in Afghanistan anschließen.Dafür gibt es keine Belege.In Pakistan wird Kurnaz festgenommen und den Amerikanern übergeben. Er sei verkauft worden, behauptet er in seinem Buch. Für 3 000 Dollar. Das hätten ihm die Amerikaner selbst bestätigt. Von Pakistan wird Kurnaz auf den US-Stützpunkt im afghanischen Kandahar gebracht. Dort, schreibt er, wird er gefoltert, weil er nicht zugeben will, Terrorist zu sein. Kurnaz erinnert sich: "Der Mann hält etwas in den Händen, das er kurz aneinander reibt, wie zwei Bügel. Noch ehe ich begreife, was geschieht, spüre ich den ersten Schlag. Es ist Strom. Elektroschocks. Sie halten mir die Elektroden an die Fußsohlen. Ich nehme den Strom wie ein lautes Knattern wahr, ein schnelles Knallen von Zündplättchen, wie kleine Blitze in meinem Ohr. Gleichzeitig höre ich Schreie. Es sind meine Schreie.""Do you know Osama?",habe ihn der Vernehmer gefragt. "Ich höre ihn kaum noch", schreibt Kurnaz.Anfang 2002 berichten Zeitungen, die Amerikaner hätten in Afghanistan einen Deutsch-Türken unter Terrorverdacht festgesetzt. Von nun an wird Murat Kurnaz der "Bremer Taliban" genannt. Nachgewiesen ist ihm bis heute nichts.Die ersten Deutschen, denen Kurnaz nach mehreren Wochen der Gefangenschaft begegnet, sind Soldaten der Elitetruppe KSK. Sie operieren in Afghanistan. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte den USA uneingeschränkte Solidarität zugesichert. Kurnaz erinnert sich, dass ein dunkelhaariger KSK-Mann zu ihm gesagt habe: "Falsche Seite ausgesucht. Guck auf den Boden!"Kurz darauf diese Situation:"Soldat: ,Weißt du, wer wir sind?'Soldaten aus Deutschland, dachte ich.Soldat: ,Wir sind die deutsche Kraft, das KSK!'Ich sagte nichts. Ich lag, die Hände auf dem Rücken, vor ihm im gefrorenen Dreck, und er hielt meinen Kopf in seiner Hand. Dann schlug er ihn, die Nase voran, auf den Boden. Die deutschen Soldaten lachten."Zu dieser Zeit beschäftigen sich die deutschen Behörden zum ersten Mal mit dem Fall Kurnaz. Ende Januar 2002 beschließt die so genannte Präsidentenrunde im Bundeskanzleramt, das Angebot der Amerikaner anzunehmen, Kurnaz in Guantanamo zu befragen. Vorsitzender dieser Runde ist Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier von der SPD. Fünf Jahre später wird der Fall ihn, nunmehr als Außenminister, politisch unter Druck setzen.Kurnaz gehört zu den ersten Gefangenen in dem US-Militärlager auf Kuba. Nach den Worten von Vizepräsident Dick Cheney sollten dort "die Schlimmsten der Schlimmen" untergebracht werden. Die zivile US-Justiz wird ausgeschlossen, denn die Insassen sind nach Auffassung der US-Regierung weder Kriegsgefangene, noch Kriminelle. Sie werden als feindliche Kämpfer eingestuft. Und sind somit rechtlos.Wie Kurnaz. Er erhält ein Armband, bevor er in einen Käfig eingesperrt wird: "Kunn, Murat, male, Turkish, 5-foot-4, 165 pounds."Über Dutzende von Seiten berichtet Kurnaz von Verhören, Folterungen, Demütigungen, Verstümmelungen, Dauerlicht, Rockmusik zur Gebetszeit, Verführungsversuchen durch leicht bekleidete Soldatinnen der US-Armee, die auf diese Weise ein Geständnis von ihm erpressen wollten. An einer Stelle schreibt er: "Ich fühlte mich lebendig eingeschweißt in einen Metallcontainer." An einer anderen: "Sie haben mich in einen riesigen Kühlschrank gesteckt!"Kurnaz schreibt in der Ich-Form. Er erzählt von den Versuchen der Gefangenen, miteinander zu reden, sich gegen die Wärter zu organisieren. Er berichtet von Zunzuns, das sind Vögel von der Größe einer Heuschrecke mit blau-weiß-roten Federn, die sogar durch das Metallgitter der Käfige passten. Er schreibt: "Ich sagte zu den Vögeln. Was für eine komische Welt! Früher wart ihr in einem Käfig, und ich besuchte euch, jetzt bin ich in einem Käfig, und ihr besucht mich."Im September 2002 wird Kurnaz in Guantanamo von zwei Agenten des Bundesnachrichtendienstes und einem Beamten des Verfassungsschutzes vernommen. Sie stellen viele Fragen, und Kurnaz erinnert sich, dass einer von ihnen sagt: "Wenn Sie unsere Fragen richtig beantworten, kann dies Ihre Freilassung beschleunigen."Jahre später wird es heißen, die Agenten hätten Kurnaz in ihrem Bericht an die Vorgesetzten als harmlos eingestuft. Eine Einschätzung, die die Sicherheitsrunde im Kanzleramt jedoch nicht teilt. Sie beschließt, dass Kurnaz auch im Falle einer Freilassung nicht wieder nach Deutschland einreisen darf. Er ist türkischer Staatsbürger, also soll sich die Türkei um ihn kümmern.Seit den Anschlägen vom 11. September ist gerade ein Jahr vergangen. Die Amerikaner setzen die deutschen Sicherheitsbehörden unter Druck, weil sie wissen, dass die Attentate von Hamburg aus geplant worden sind.Außenminister Steinmeier wird im März 2007 vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags sagen, ihn lasse das Schicksal von Murat Kurnaz nicht kalt. Aber man habe damals die Menschen in Deutschland vor Anschlägen bewahren wollen. "Deutschland galt als unmittelbares Anschlagsziel, wir vermuteten zwei- bis dreitausend Schläfer im Land", sagt Steinmeier. Im Fall Kurnaz habe nicht die Frage nach einer Schuld im juristischen Sinne eine Rolle gespielt. Es sei um die Frage gegangen, welche Gefahr von Kurnaz ausgehen könnte. Die Antwort war damals klar: Kurnaz ist ein so genannter Gefährder.Kurnaz bleibt in Guantanamo. Erst das Jahr 2006 bringt Hoffnung. Als US-Präsident George W. Bush im vorigen Sommer Bundeskanzlerin Angela Merkel in Mecklenburg-Vorpommern besucht, sind die Vorbereitungen für die Freilassung von Kurnaz schon weitgehend abgeschlossen. Am Abend des 24. August 2006 landet eine Militärmaschine mit Murat Kurnaz an Bord auf dem US-Stützpunkt Ramstein.Als Kurnaz nach Hause zurückkehrt, trägt er einen Bart, der ihm bis zum Bauch reicht. Er hat sich bis heute nicht rasiert. In seinen Erinnerungen schreibt er:"Mir ist, als käme ich aus der Vergangenheit. Fünf Jahre mögen keine allzu lange Zeit sein. Aber wenn man fünf Jahre total abgeschottet in einem Käfig sitzt, kein Fernsehen hat, keine Nachrichten erhält, keine Zeitung liest, kein Radio hört, nur Käfige und Leute in Uniform sieht, dann ist es, als kehrte man aus der Steinzeit zurück."------------------------------"Ich denke, ich verbrachte insgesamt über ein Jahr allein in absoluter Dunkelheit.""Ich weiß nun, was Menschen anderen Menschen antun können. Was Politiker reden und wie sie handeln."------------------------------Foto: Die Wandlung des Murat Kurnaz:. Links als Teenager in Bremen, in der Mitte nach ersten Kontakten mit islamistischen Gruppen, rechts nach Guantanamo.