Traditionsgemäß strebt das abendländische Porträt nach Ähnlichkeit, zumindest nach Erkennbarkeit der dargestellten Person. Ein Bildnis ganz anderer Art hat der amerikanische Maler Cy Twombly 1979 gemalt. Sein "Modell", der Kölner Arzt und Sammler Reiner Speck, ist darin allerdings überhaupt nicht zu erkennen.Dem gefällt das Bild; er sieht sich gut getroffen. Twombly ist durch seine Zeichen und Kritzeleien den Eigenarten und Passionen Specks nahegekommen. Er malt dessen magische Zahl - die Sieben - die Vornamen von Frau und Tochter und seine Lieblingsfarben: green, blue, white. Daß er auch "Brahms" und "Speck" auf das großformatige Blatt schrieb, geht auf einen humorigen Zufall zurück: Brahms wurde einst in einer Speckstraße geboren, und Speck wohnt heute in der Brahmsstraße. Zudem griff der Maler auf die eigentliche - literarische - Leidenschaft seines Modells zurück: Petrarca, 14. Jahrhundert. In diesem Themenkreis und in einer riesigen Kollektion von Künstlerbüchern, liegen die Wurzeln für die ungewöhnliche "Sammlung Speck", die derzeit das Museum Ludwig beherrscht.Der passionierte Sammler kaufte von den Größen der Gegenwart schon Bilder, ehe sie berühmt wurden. So finden sich in der Kölner Ausstellung nun Arbeiten von Carl Andre, Joseph Beuys, Marcel Broodthears, Arnulf Rainer, Rosemarie Trockel und Cy Twombly. Um Sigmar Polke, dem man ein scheues Wesen nachsagt, mußte Reiner Speck buhlen. Jahrelang, so erzählt er, sei er nach seinen Hausbesuchen bei den Patienten an Polkes Atelier vorübergeradelt. Aber es blieb ihm verschlossen, bis eines Tages die Tür doch einmal offenstand. Aus der zaghaften ersten Begegnung zwischen Künstler und Sammler wurde eine enge Freundschaft. Von Polke stammt das Gemälde "Der weiße Raum", das jetzt auch im Museum Ludwig hängt und eines der Leitmotive darstellt.Die für den Betrachter eigentlich viel zu weit getroffene Auswahl mehrerer Hunderte Werke aus der Sammlung Speck wird in einer Abfolge von 32 weißen Räumen vorgeführt. Stararchitekt Oswald M. Ungers hat das Ambiente als neutrale Kulisse entworfen. Der bibliophilen Neigung des Sammlers gemäß sind als ein roter Faden immer wieder die bewunderten Künstlerbücher zu sehen: Unikate, Vorzugsausgaben, Widmungen. Auf die Liebe zu Wort und Schrift geht auch die große Auswahl von Bildern zurück, in die Schrift integriert ist. Doch zeigt sie sich keineswegs als Kalligraphie.Mit ästhetischen Maßstäben läßt diese Schau sich nicht erschließen. Sie zeigt sich anstrengend und sperrig; Sammler Speck findet manches Werk sogar "häßlich". Es sei, so erklärt er, eine andere Sinnschicht, die ihn fasziniere: das Magische von Zeichen, Ziffern, Buchstaben, Worten; die Kunst, in Bildern zu lesen."Ich habe meine Sammlung erlitten", sagt Speck. Die Leidenschaft könne wie eine Krankheit sein. Heilbar ist sie offenbar nicht, denn der Kölner Arzt kauft immer noch Bücher und Kunst, auch wenn der Schuldenberg wächst. Museum Ludwig Köln, bis 17. 11., Di-Fr 10 bis 18, Sa/So 11-18 Uhr. +++