Musik von György Ligeti und den Aka-Pygmäen im Kammermusiksaal der Philharmonie: Das Fernste rückt zusammen

Die Musik den Niederungen des Alltags entrückt und ihr eigene Kunst-Tempel errichtet zu haben, das ist der europäische Stolz seit der Aufklärung. Aber es ist ein Pyrrhussieg: Je gründlicher sich die komponierte Musik verabschiedet vom Zeremoniell und von der Einbettung in die lebensweltlichen Zusammenhänge, zuletzt auch noch von jeder Bezugnahme auf das Körpergefühl in Takt und Rhythmus, desto marginaler wird ihre gesellschaftliche Rolle. So stellt etwa der Musiksoziologe Christian Kaden die Geschichte der Musik und ihres Begriffs im Abendland als Dokument einer fortschreitenden Entfremdung dar. Ein Gebäude wie der Kammermusiksaal der Philharmonie wäre dann keine Triumphstätte des Bürgertums, sondern eine Prothese. Genau hier aber wurde am Dienstag vorgeführt, welche geheimen Sympathien bestehen zwischen dem "Ursprung" der Musik, dem Ritual, und ihrer ausdifferenzierten, in Noten festgelegten Kunstform. Im Rahmen des "Fests der Kontinente" erklang zunächst Klaviermusik von György Ligeti: Pierre-Laurent Aimard spielte fünf Etüden, dann gemeinsam mit Irina Kataeva die "Drei Stücke für zwei Klaviere". Anschließend stellte der Musikethnologe Simha Arom die Musik der Aka-Pygmäen vor, die er seit vierzig Jahren erforscht. Das Fernste rückte da zusammen.1982 begegnete Ligeti, so berichtete der Komponist selbst einleitend, erstmals zentralafrikanischer Musik - auf einer Schallplatte. Ligeti war sofort fasziniert, er spürte eine Wahlverwandtschaft. Von seinem ursprünglichen kompositorischen Ansatz, der "Mikropolyphonie", die mit einer Überzahl detailliert ausnotierter Ereignisse verschwommene, wolkige Klangereignisse erzeugt, war er abgekommen und suchte nach einer Musik, die zugleich einfach und komplex war: eine Musik, die an sich fassliche Gebilde solange durcheinander wirbelt, übereinander lagert, verlängert und verkürzt, bis der Hörer in entzückter Verwirrung die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.Genau solche Musik findet sich in den zentralafrikanischen Traditionen, neben den Banda Linda vor allem bei den Aka-Pygmäen. Aus simplen Grundelementen wird ungeheure Komplexität gewonnen. Die Aka singen vierstimmig, die tiefste Stimme heißt "Mutter". Aber jede dieser Stimmen existiert nur in einer basalen Fassung, die zu singen für die Pygmäen viel zu langweilig wäre. Stattdessen bringt jeder Beteiligte seine eigenen Varianten ein. Und weil es keine Spaltung zwischen Profis und Publikum gibt, sondern jeder Angehörige dieser Kultur sich von frühester Kindheit an in die Musik einlebt, wird diese vierstimmige "Grundgestalt" in Vielstimmigkeit, in eine polyphone Heterophonie aufgelöst.Simha Arom hat fünfzehn Jahre gebraucht, um die dadurch entstandene ungeheure Komplexität zu durchleuchten. Denn diese Musik kennt keinen Autor, keine Notenschrift, sie entsteht in der Praxis des Rituals, im Kollektiv von Tag zu Tag neu. Sie ist kulturelles Gedächtnis - so wie sich die Pygmäen nie nur als Individuen verstehen, sondern primär als Gemeinschaft, so existiert auch die Musik nicht in einem Kopf, sondern im lebendigen Zusammen von allen mit allen. Nur mit technischer Hilfe war es Arom möglich, dieses Geflecht zu analysieren: Indem er ein Ritual auf Tonträger aufzeichnete, es den einzelnen Musikern über Kopfhörer vorspielte und sie bat, ihr "Solo" beizutragen.Es war sehr merkwürdig, wie dieser enthusiastische ältere Herr seine Ergebnisse vorführte, die Musiker bat, die "Grundgestalten" zu singen, ihre ebenso komplexen Trommelrhythmen nacheinander statt simultan vorzuführen. Wie bei einer Vivisektion wurde das Gewebe der Musik freigelegt, unter dem Diktat des weißen Mannes. Die vierzehn Männer und Frauen verzogen keine Miene noch beim begeistertsten Beifall, aber beim Singen und Spielen gerieten sie in ekstatische Bewegung, oder besser: ihre Musik ist gleichzeitig auch diese Bewegung, ist "motionale Musik" (Kaden).Zuvor hatte Pierre-Laurent Aimard in einem lebendigen Vortrag auch die Ligeti-Stücke analysiert. Die Verwandtschaft wurde deutlich, aber auch die Differenz. Ligetis Musik ist prozesshaft gerichtet, das erste der "Drei Stücke" endet tatsächlich erst am Rand der Tastatur; die Musik der Pygmäen fasst ihre innere Komplexität in Perioden zusammen, die wie die Bewegung eines Rades wiederkehren, aber niemals identisch sind. Immer gibt es interne Veränderungen, nie steigt diese Musik zweimal in denselben Fluss.Was der Abend nicht zeigen konnte, war der rituelle Kontext: beim Jagen, beim Honigsammeln, bei der Geburt von Zwillingen. Das Programmheft berichtete davon, auch von der wirtschaftlichen Misere der Pygmäen, die das bei Tourneen eingenommene Geld - ein Vermögen für sie - in wenigen Wochen ausgeben für Alkohol und Tabak. Sie sind das kleinwüchsige Lumpenproletariat des Dschungels, ausgebeutet von den Nachbarn, den "großen Schwarzen". Diese begnadeten Musiker sind die Ärmsten der Armen, "die Neger der Neger".Die Aka-Pygmäen treten heute um 20 Uhr im Haus der Kulturen der Welt auf.FEST DER KONTINENTE Die Aka-Pygmäen beim Singen, diesmal nicht im Kammermusiksaal