Mit 92 Jahren hält der Musiker Hans Pischner, der über zwei Jahrzehnte Intendant der Staatsoper Unter den Linden war, zum zweiten Mal öffentlich Rückschau auf sein Leben. Pischners Erinnerungen setzen sich zu großen Teilen aus Passagen seiner 1986 im OstBerliner Verlag der Nation erschienenen Autobiografie zusammen. Doch haben wir es hier nicht etwa mit einer ehrerbietigen Reprise zu tun. Das kann man schon an den Titeln der Bücher erkennen: "Premieren eines Lebens" präsentierte vor 20 Jahren der geachtete Cembalist und Musikwissenschaftler, der honorige Inhaber hoher Staatsämter - erfolgsgewohnt das stetige Neubeginnen in seiner Vita betonend. "Tasten Taten Träume" heißt nun der Band aus dem Henschel Verlag, der auch Pischners Nachwende-Erfahrungen aufnimmt und in den Untertitel kritische Nachdenklichkeit aufnimmt: "Musik und Politik zwischen Utopie und Realität".Die neue Publikation hat nur noch den halben Umfang der Vorgängerin. Die mitunter etwas weitschweifige Lebenserzählung von 1986 geriet zu einer straffen, schlanken "Komposition in vier Sätzen". Das konnte nicht ohne Informationsverluste über Zeitereignisse und Weggefährten abgehen. Eines aber geschieht nicht: Pischner, der in einer kurzen "Ouvertüre" ehrliche Selbstbefragung "nach den Motiven und ethischen Maximen meines Handelns und auch meines Unterlassens" verspricht, unternimmt am alten Text keine nachträgliche opportunistische Retusche. Sein Lebensbericht soll erklären, warum er - hinweg über Illusionen und "fehlgeleitete Loyalität", über "Täuschung und Enttäuschung", "Lüge und Verrat" daran festhielt, sich dienend in das sozialistische Experiment einzubringen.Es sollte von Jugend an ein Leben für die Musik sein. Einprägsam schildert Pischner, 1914 in Breslau geboren, die Atmosphäre in seinem demokratisch gesinnten und den Künsten offenen Elternhaus. Dankbar und auch mit einiger Wehmut beschreibt er die für ihn prägende Kulturszene Breslaus.Der junge Pischner erlernt zunächst das Handwerk des Vaters, eines Klavierstimmers, studiert in Breslau und Berlin Klavier und Cembalo, legt das Musiklehrerexamen ab. Als sein eigener findiger Konzertmanager erwirbt er sich in den Dreißigerjahren einen Namen. Im Zweiten Weltkrieg, in den er bereits 1939 ziehen muss, gerät er als Leutnant der Wehrmacht in sowjetische Gefangenschaft, besucht die Antifa-Schule in Talizi.Die Entscheidung des Heimkehrers für ein Leben in der DDR erklärt Pischner aus dem Schuldgefühl, das ihn bis heute nicht verlassen habe: angesichts des NS-Unrechts vor seinen Augen, vor allem der tragischen Schicksale von jüdischen Freunden und Kunden der väterlichen Firma, als Nur-Künstler wie auf einer Insel der Seligen gelebt und bis zum bitteren Ende mitgemacht zu haben. So suchte er wie zahlreiche andere Intellektuelle seiner Generation, "geblendet von der Aufbruchstimmung" im deutschen Osten, dort seinen Platz als politisch engagierter Musiker.Die Staatskarriere ist steil. Doch wer Pischner kennt oder nun sein Buch liest, hat keinen Zweifel: zum Apparatschik taugte dieser kultivierte Mann nicht. Was er auch annimmt an Berufungen in hohe Ämter - Musikverantwortlicher des DDR-Rundfunks, stellvertretender Kulturminister unter dem von totalitären Verstrickungen zerquälten Johannes R. Becher, Staatsopern-Intendant, Präsident des Kulturbundes, Vizepräsident der Akademie der Künste, zum Schluss hin auch Mitglied des SED-Zentralkomitees - er wollte sich zuvorderst als Künstler einbringen. Für einen Sozialismus, wie er ihn sich vorstellte, setzte er auch auf die humanisierende Kraft seiner Kunst. "Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst, / den nicht die Eintracht süßer Töne rührt, / Taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken. / Trau keinem solchen. - Horch auf die Musik." Dieses Motto - Shakespeares "Kaufmann von Venedig" entlehnt - stellte er zu DDR-Zeiten seinen Memoiren voran. Da war ihm schon mehr als nur ahnungsweise bewusst, wie sehr er sich als "träumende Galionsfigur" vom System hatte täuschen und missbrauchen lassen.Gleichwohl beschreibt Hans Pischner "trotz aller Widrigkeiten im Umgang mit der Parteileitung im Politbüro" und perfider Bespitzelung durch die Stasi die beiden Jahrzehnte in der Staatsoper als seine erfolgreichste und glücklichste Lebenszeit. Angetreten 1963, als nach dem Mauerbau viele Künstler aus dem Westen wegblieben und Staatskapelle und Ensemble neu aufzubauen waren, führte der eigenwillige Pischner das Haus wieder zu internationaler Strahlkraft und setzte sein Konzept eines traditionell verankerten und zugleich mit Erstaufführungen brillierenden Spielplans durch, getragen von unterschiedlichen Handschriften möglichst auch junger Regisseure.Genüsslich lässt er diese Zeit noch einmal vorüberziehen, mit lesenswerten Erinnerungen an unvergessene Partner und Gäste: Otmar Suitner, Dessau, Berghaus, Celibidache, David Oistrach (mit dem er im Duo musizierte) und ... natürlich: Schostakowitsch.Pischner setzte sich für den in der Sowjetunion unter dem Generalverdacht des "Formalismus" stehenden Komponisten ein. Die Inszenierung seiner lange verfemten frühen Oper "Die Nase" 1969 an der Staatsoper, fünf Jahre vor der rehabilitierenden Aufführung in Moskau, ist ein Beispiel für die Courage und List, mit denen Pischner Kunst und Künstlern Freiräume offen hielt. "Wenn man es verstand", schreibt er, "auf der Klaviatur der - auch untereinander nicht selten uneinigen - Apparate zu spielen, nicht zu viele Fragen zu stellen und damit unerwünschte Antworten zu provozieren, gab es Möglichkeiten, kunstfeindliche politische Strangulierungen zu unterlaufen, dem Gesinnungsterror zu entkommen."Manchen mag es erstaunen, dass Pischner trotz seiner umfangreichen administrativen Bindungen Zeit und Kraft fand, sich auch als Solist hohe Geltung zu erwerben. Er sagt dazu mit Bach, dass er es am Schreibtisch ohne sein geliebtes Cembalo nicht ausgehalten hätte; 1984 wurde er unwürdig aus der Staatsopern-Intendanz gedrängt. Die Offenheit, mit der Pischner sein Leben zwischen loyaler Anpassung und distanzierter Selbstbehauptung reflektiert, verdient Respekt.Er schreibt erklärtermaßen "für die Nachgeborenen", widmet seine Lebensberichte seinen Enkeln. Einer davon ist der Regisseur Sebastian Baumgarten, der als Schüler von Ruth Berghaus, Einar Schleef und Robert Wilson ungewohnte Wege zeitbezogenen Erzählens auf der Bühne geht. Dem Großvater ist es Genugtuung: "An meinem neunzigsten Geburtstag war mir seine ,Wozzeck'-Inszenierung an der Dresdner Semperoper ein existenzielles Geschenk. Ein Lebenskreis schließt sich."Hans Pischner: Tasten Taten Träume. Musik und Politik zwischen Utopie und Realität. Autobiographie. Hrsg. von Ulrich Eckhardt. Henschel Verlag 2006. 240 S., 24,90 Euro.------------------------------"Es gab Möglichkeiten, dem Gesinnungsterror zu entkommen." Hans Pischner------------------------------Foto: Hans Pischner 1982, damals Intendant der Staatsoper in Berlin. Zwei Jahre später wurde er aus diesem Amt gedrängt.

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