Musikfest: Der Komponist Wolfgang Rihm über Licht aus Texten und Bewegung in Tönen: Ich werde angeschlagen wie eine Stimmgabel

Das Musikfest Berlin, das in diesem Jahr Wolfgang Rihm einen Schwerpunkt widmet, begann vor einer Woche in der Gethsemanekirche mit dessen "Et lux": einer Art Requiem für vier Stimmen und Streichquartett. Die Komposition für Chor hat Rihm von seiner Jugend an gepflegt, doch in den letzten zehn Jahren schien sie ihn stärker zu interessieren. Heute singt der Rias-Kammerchor im Kammermusiksaal "Raumauge" und "Astralis" sowie die bislang unaufgeführten "Fragmenta passionis" des 16jährigen Rihm. Der Rias-Kammerchor setzt seine Beschäftigung mit Rihm über das Musikfest hinaus fort: Er singt am 22. September im Kraftwerk Mitte die "Sieben Passionstexte" und wird eine CD mit Rihms Chormusik aufnehmen.Herr Rihm, das Laienchorwesen erlebt zur Zeit einen Boom. Weckt das bei einem Komponisten irgendwelche Hoffnungen?Bei mir keine speziellen. Allgemein weckt die Beschäftigung mit Musik natürlich die Hoffnung, dass mehr Leute mit ihr in Berührung kommen, und zwar intensiver, als wenn sie sie nur hörend "genießen". Denn beim Singen stellt man den musikalischen Zusammenhang mit her, indem man ihn mit der Stimme, dem Einsatz in den Klang ändert. Ich habe mit 12 Jahren angefangen, im Karlsruher Oratorienchor zu singen und dort annähernd das gesamte Oratorien-Repertoire von Mozart bis Verdi kennengelernt. Es war eine der besten Schulen, auch für das Komponieren, weil man in den Oratorien erlebt, wie ein Orchester als Körper funktioniert, wie sich die Streicher untereinander verständigen oder wie die Hörner Wasser ablassen.Wie hat sich die Funktion des Chores und die Art, für Chor oder Gesangsensemble zu schreiben, in Ihrer Arbeit entwickelt?Ganz von der Praxis her: Wie kann ein Chorsänger den Ton treffen, ohne dass er ständig mit der Stimmgabel zugange ist oder gar ein absolutes Gehör braucht? Ich habe beim Komponieren für Chor aber auch ästhetisch keine übergeordneten Konzepte verfolgt, sondern ausgehend vom jeweiligen Text gestaltet. Bei "Raumauge" auf Peter Handkes Übersetzung des "Gefesselten Prometheus" ging es mir um ein szenisches Bild, in dem kein Chor im Sinne unserer Tradition singt, sondern der Sprechchor der Männer vor einem textlosen Klangband der Frauenstimmen agiert. Der gesamte Chorklang ist hier die Stimme des mythologischen Prometheus. Bei "Astralis" auf eine Dichtung von Novalis wiederum singt ein vierstimmiger Chor, aber er kennt kaum eine dynamische Bewegung und verbleibt weitgehend im Pianissimo - für einen Chor das Schwerste überhaupt.Als ich die "Sieben Passionstexte" für sechs Sänger das erste Mal gehört habe, hatte ich den Eindruck: Für diese Besetzung musste Rihm seinen Stil neu definieren. Anders als für Instrumente ist dieser bestimmte Ton mit seinen Akzenten und Brüchen nicht verfügbar.Bei diesem Textumfeld sollte er auch nicht "verfügbar" sein. Als ich diese Texte in meiner Jugend gesungen habe, war ich vor allem auf die Musik konzentriert und habe mir nicht viel Gedanken darüber gemacht, was die Texte bedeuten. Als ich nun selber anfing, diese Stücke für eine von Joseph Ratzinger zelebrierte Karfreitagsliturgie - da war er noch nicht Papst - zu schreiben, musste ich erst ein Verhältnis zu den Texten aufbauen, ich konnte da auf nichts Naheliegendes zurückgreifen. Bei "Et lux", das zur Eröffnung des Musikfests aufgeführt wurde, war es sogar wirklich eine Art Anamnese des Requiem-Textes, in dem ich die Worte fast so vertont habe, wie sie mir aus der Erinnerung in den Sinn kamen, manchmal vielleicht auch falsch zusammengesetzt. Als Hauptwortbild war mir dieses "Et lux perpetua" ("und das ewige Licht") im Sinn, ich wollte etwas komponieren, durch das ein Licht geht, ein verhaltener Schimmer. Und vielleicht ist das auch am Schluss erreicht, in diesem nicht mehr ortbaren Tongeschlecht: Ist das Dur, ist das Moll? Es ist in die Schwebe geraten, in jenes Licht, das aus diesen Texten zu mir herüberkam, 40 Jahre, nachdem ich sie gesungen habe.Ein Licht aus den Texten, oder aus dem, was sie sagen?Natürlich auch aus dem, was sie sagen, aber auch aus dem, was ich aus meiner Jugend erinnere. Das ist sehr subjektiv, ich trete nicht als theologischer Präzeptor auf.Ist das also ein geistliches Werk? Sie haben "Et lux" ja in der Gethsemanekirche aufgeführt.Es ist ein geistiges Werk, aber kein liturgisches. Die Akustik in der Gethsemanekirche ist das Äußerste, was die Musik an Hall verträgt - auf der anderen Seite habe ich Orchesterstücke geschrieben wie "Inschrift", die sich auch ohne religiöse Texte wunderbar in Kirchen aufführen lassen.Was ist an der Stimmbehandlung in einer solchen Musik anders als in Ihren Opern oder Liedern?Eigentlich nicht viel. Nur gibt es kaum ich-haft repräsentatives Hervortreten im Gesang. In "Et lux" gibt es diese Stelle "libera me" ("befreie mich"), wo offenbar ein Ich spricht, da werden die Linien subjektiv ...Der Rhythmus bricht aus dem ansonsten eher zeremoniellen Schreiten aus.Es ist weniger eine Zeremonie als ein Klangstrom, eine unablässige Weitergabe von melodischer Energie, wie ein Raum, der zum Klingen gebracht wird. Das ist vielleicht der Unterschied zu einer Instrumentalkomposition: dass hier die Bewegung den Einzelton durchströmt und nicht der Einzelton einen Ort besetzt, als Zeichen, als Akzent. Aber das ist grob gegeneinandergestellt, denken Sie an die Konzertstücke, die ich immer auch als instrumentale Gesangsszene auffasse.Sie haben Gesualdo und Marenzio, die Madrigalkomponisten der ausgehenden Renaissance, als Referenzpunkte der "Passionstexte" bezeichnet. Was kommt Ihnen aus dieser Musik entgegen?Ein Harmonik-Denken, das weniger von Funktionen als von Flächen ausgeht, von Farbbrechungen: Eintrübungen und Aufhellungen auf kleinem Raum, in dem die Veränderung eines einzelnen Tones das gesamte harmonische Klima umschlagen lässt.Der Chor wird in geistlicher Musik gern mit einer Gemeinde identifiziert. Was ist das für ein Subjekt, das sich in den "Passionstexten" auf sechs Stimmen aufteilt?Eine Gemeinde ist es nicht. Lassen Sie es mich "der Mensch" nennen. Es ist menschliches Verhalten, menschliches Singen - gut, dass bin dann doch ich. Wer soll es sonst sein? Ich nehme den Text in den Mund und singe ihn. Ich bin kein Kirchengelehrter, aber ich spreche diesen Text mit, der aus dem Grund unserer Kultur stammt. Doch ist es keine Feier des Alten, sondern ich werde angeschlagen wie eine Stimmgabel und töne. Diese Texte mögen nicht mehr zentral sein, aber sie sind etwas Altes, das vielleicht durch den Menschen heute hindurch gehen und ihm zeigen kann, wie er sich verhält.Das Gespräch führte Peter Uehling.------------------------------"Das Singen im Oratorienchor war eine der besten Schulen, auch für das Komponieren." Wolfgang RihmFoto: Wolfgang Rihm beim Einstudieren von "Et Lux" in der Gethsemanekirche