DAHLEM. Er will jetzt nicht mehr warten, er hat sich entschieden und will loslegen. Martin Gellrich macht einen entschlossenen Eindruck, wenn er über sein Vorhaben redet. Lange genug hat er darüber nachgedacht. Sehr lange sogar. 30 Jahre lang. Vor wenigen Tagen hat der promovierte Musikwissenschaftler und Pianist vom Liegenschaftsfonds eine großbürgerliche Villa gekauft. Gellrich gehören jetzt 1 200 Quadratmeter Wohnfläche an der Koserstraße 8-12 im vornehmen Ortsteil Dahlem. 14 Räume im spätklassizistischen Stil und drei große Säle; genug Platz für die Musik. In der Ausschreibung waren 6,5 Millionen Euro für das Anwesen angegeben. Über den tatsächlich gezahlten Kaufpreis redet Gellrich nicht, darüber, was in der ehemaligen Fabrikanten-Villa künftig passieren soll, schon. Martin Gellrich will in Dahlem ein Musik-Institut gründen. Eines, in dem alles anders sein wird, als er es bisher an deutschen Musikschulen erlebt hat. In seinem Institut sollen talentierte Kinder und junge Nachwuchsmusiker etwas lernen, was es seiner Meinung nach heutzutage kaum noch gibt: Improvisieren und komponieren im klassischen Stil. "So wie es die großen Meister früher auch getan haben." Gellrichs Schüler sollen die Stücke von Bach, Beethoven und Chopin nicht starr vom Blatt spielen, sondern verändern. Es gibt keine heiligen Texte, lautet Gellrichs These. "Niemand entwickelt echte Spielfreude, wenn er nur vom Blatt spielt." Das sei auch der Grund, warum so viele Musikschüler vorzeitig ihre Schulen verlassen und den Unterricht beenden. Sie hätten keinen Spaß mehr am Spielen, sagt Gellrich. Er will es anders machen. Die Trennung zwischen Unterhaltungsmusik und ernster Musik wird es bei ihm nicht geben. Gellrich will beide Stile verbinden. "Ernste Musik muss nicht traurig sein", sagt Gellrich. Er weiß, dass er damit eine kleine Musikrevolution anzetteln wird, ein Tabu bricht. Er kann sich das leisten. Gellrich hat Klavier und Cello in Berlin studiert, er ist Musik- und Klavierlehrer, Musikwissenschaftler, Diplom-Psychologe und Musikpädagoge. Er hat Bücher geschrieben über Instrumentenpädagogik und über die Psychologie des Übens. 17 Jahre lang ist Martin Gellrich durch die Welt gereist. An Universitäten und Musikschulen in den USA, in Japan, England, Frankreich und Österreich hat er Vorträge gehalten und sein musikpädagogisches Konzept vorgestellt. Gellrich saß am Flügel und arbeitete in ein Stück von Chopin den Strawinsky ein, daraus entstand eine Jazz-Improvisation. Wo er auftrat, spaltete er sein Publikum. Beethoven darf man nicht verändern, schimpften die einen, andere lobten seine Varianten und Kreationen. Gellrich würde auch Bach mit den Beatles kombinieren. Warum nicht. Das sei lebendiger und emotionsgeladener als das Verklemmte, Biedere, Trockene und Emotionslose, was ernste Musik häufig charakterisiere. Er hätte im Ausland arbeiten können, er hatte Angebote. Doch Gellrich wollte nach Berlin zurück. Jetzt gehört ihm eine große herrschaftliche Villa in Dahlem. Der Anfang ist gemacht. Im Gellrich-Institut werden internationale Musiker und Improvisationslehrer unterrichten. Haben Eltern talentierter und hoch begabter Schüler nicht genügend Geld, kommen Sponsoren für den Unterricht auf. "So funktioniert das auch in anderen Ländern", sagt Gellrich. Auch pensionierte Klavierlehrer will der Institutsgründer zu sich holen. "Es gibt viele weise alte Lehrer, die noch unterrichten wollen", sagt Gellrich. In den drei großen Sälen der Villa wird es Konzerte geben. Vielleicht sitzt dort eines Tages ein Schüler Gellrichs und spielt Klavier wie Nigel Kennedy die Geige. Voller Emotion, Verrückheit, Leidenschaft und Freude. "Auch Mozart hat nie brav gespielt", sagt Gellrich. ------------------------------"Auch Mozart hat nie brav gespielt." Martin Gellrich, Musikpägagoge------------------------------Foto: Martin Gellrich vor der Villa an der Koserstraße. Dort will der Musikwissenschaftler ein Konservatorium einrichten.

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