BERLIN. Mustafa Dogan bereut nichts. "Klar, für die Türkei hätte ich wahrscheinlich mehr Spiele absolviert. Aber ich bin stolz auf das Erreichte", sagt er und lacht. Zwei Einsätze bestritt Dogan für die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft, nur etwas mehr als ein Jahrzehnt ist das jetzt her. Dogan, der kopfballstarke Hüne im Abwehrzentrum, schien eine Alternative zu Christian Wörns zu sein. Es war Trainer Erich Ribbeck, der Dogan 1999 zwei Mal ins A-Team Deutschlands einwechselte: beim Konföderationen-Pokal in Mexiko gegen die USA (0:2) für Jörg Heinrich in der 41. Minute und drei Monate später beim EM-Qualifikationsspiel in München gegen die Türkei (0:0) eine Minute vor Abpfiff für Bernd Schneider. Diese 50 Minuten für die Ewigkeit in der Statistik des DFB nimmt Dogan niemand mehr - er hat damit Geschichte geschrieben. Mustafa Dogan ist der erste deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln.Geboren am Neujahrstag 1976 in Isparta, einer Stadt im Taurusgebirge, kam er als Zweijähriger mit der Familie nach Duisburg. Der Vater arbeitete unter Tage, während Mustafa durch gute Leistungen in der Jugend von Bayer Uerdingen auch die Späher des DFB auf sich aufmerksam machte. Mit 18 wurde der Sohn, vom Vater unterstützt, eingebürgert und durchlief für den DFB fortan alle Altersklassen.Vom Pragmatismus bestimmtEin Jahr bevor Dogan von Ribbeck berufen wurde, richtete der türkische Fußballverband in Köln ein Europabüro ein, das nach Nachwuchsbegabungen mit türkischen Wurzeln auf dem Kontinent fahndet. Mit rund 500 000 Euro pro Jahr unterstützt der Verband dieses Büro, für das rund 25 Honorartrainer in ganz Europa nach Talenten für die türkischen Auswahlmannschaften suchen. Wenn am Freitag in Berlin Deutschland in der EM-Qualifikation auf die Türkei trifft, stehen mit den Altintop-Zwillingen Hamit (Bayern München) und Halil (Eintracht Frankfurt) sowie mit Nuri Sahin (Borussia Dortmund) drei Spieler, die frühzeitig vom türkischen Verband gesichtet wurden, und um die auch der DFB warb, im Aufgebot der Gäste. In der Vergangenheit entschied sich die Mehrheit der türkischstämmigen Talente für die Heimat ihrer Väter. Doch die dritte Generation der Einwandererkinder entscheidet sich immer öfter auch für Deutschland. In Serdar Tasci (VfB Stuttgart) und vor allem in Mesut Özil (Real Madrid) hat Dogan mittlerweile zwei Nachfolger mit türkischen Wurzeln in der deutschen Nationalmannschaft. Um die beiden hatte sich auch der türkische Verband aggressiv bemüht. Dogan glaubt, dass Özil als türkischer Nationalspieler niemals ein Angebot von Real bekommen hätte. Er sagt: "Die Möglichkeit, sich für eine erfolgreiche Fußballnation wie Deutschland zu präsentieren, hilft, international auf sich aufmerksam zu machen. Zum Beispiel bei einer WM in Südafrika, wie Mesut das gelungen ist".Die Entscheidung der jungen Talente, für welches Land sie spielen wollen, ist mittlerweile oft viel mehr von Pragmatismus bestimmt als von Emotionen. Wo habe ich die besten Chancen, meine Karriere voranzutreiben? Die Beantwortung dieser Frage spielt eine große Rolle bei der Entscheidungsfindung. Derzeit bemüht sich der türkische Verband um die DFB-Nachwuchsspieler Ilkay Gündogan, Mehmet Ekici (beide 1. FC Nürnberg) und Taner Yalcin (1. FC Köln). Dogan sieht die Rolle des türkischen Europabüros skeptisch: "Die türkischen Vereine sollten endlich ihre Nachwuchsarbeit professionalisieren", sagt er und stellt fest: "Es kann doch nicht sein, dass in der Nationalmannschaft eines 80 Millionen-Einwohnerlandes 60 Prozent der Spieler in Europa geboren sind, wie das in der Vergangenheit schon der Fall war."Mustafa Dogan wird in Berlin beim Spiel sein, er ist mittlerweile Kommentator für das türkische Fernsehen. Am Donnerstag wird Dogan Joachim Löw interviewen. Mit dem Bundestrainer wohnte er in Istanbul einst Haus an Haus, Dogan war Spieler, Löw Trainer bei Fenerbahce in der Saison 1998/99. "Wir telefonieren regelmäßig. Wenn er in Istanbul ist, trinken wir einen Kaffee zusammen", sagt Dogan. Er lebt gerne in Istanbul, demnächst macht er seinen Trainerschein. Am liebsten wäre ihm ein Remis am Freitag, und dass sich beide Nationen für die EM qualifizieren. Mustafa Dogan sagt: "Es wird immer Sahins und Özils geben. Wir sollten das akzeptieren."------------------------------Foto: Türkei gegen Türkei: Mustafa Dogan spielt gegen seine Landsleute.