Unabhängigkeit total! Mit "Trinken Singen Schiessen" liefern wir uns aus. Wir begeben uns in die Hände unserer FreundInnen, UnterschtützerInnen und Fans. Sie ermöglichten dieses Mutter-Album und haben - wie gewohnt - keinerlei Einfluss auf die Musik von Mutter." So steht es auf dem gestern erschienenen Album "Trinken Singen Schiessen" der Berliner Band Mutter. 99 Kaltnadelradierungen, gedruckt auf Büttenpapier wurden im letzen Jahr binnen einer Woche zum Preis von jeweils 100 Euro verkauft, um die Produktion und Herstellung des zehnten Albums zu finanzieren.Zur Veröffentlichungsparty hatten sich Freunde, Fans und Vermittler am Donnerstagabend im Festsaal Kreuzberg eingefunden, um dieses Do-It-Yourself-Spektakel zu zelebrieren. Was die Band Mutter zum Geburtstag ihres Albums in der Heimat ihres Sounds darbot, war der gewohnte Anti-Rock im Rockgewand, der Mutter zur einflussreichsten und gleichzeitig erfolglosesten Band dessen gemacht hat, was als Diskurs- und Indierock über 20 Jahre nach ihrer Gründung in Berlin-Kreuzberg an die Popuniversitäten gelangen sollte.Sänger und Texter Max Müller singt ironiefrei zwischen Verzweiflung, Verwirrung und Selbstgeißlung über die Teilnahme, Verweigerung und Verdrossenheit der eigenen Lebensmöglichkeiten und schafft es vor allem, durch den manisch-depressiven Zeitlupen-Rhythmus seines langjährigen Partners Florian Koerner von Gustorf am Schlagwerk, eine klaustrophobische Stimmung zu erzeugen, die man sonst höchstens im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis mit einem pulsierendem Weißheitszahn kennt.Der Wortlaut von Müller ist im Wall-Of-Sound dabei im Konzert kaum zu verstehen, weil seine Mitstreiter brutal laut und unentwegt die Membranen malträtieren. "Die alten hassen die Jungen / Bis die Jungen die Alten sind" versteht man dann doch.Tja, die Alten. Die machen dann auch den Großteil des Publikums aus: Eine Ü-40-Elite des guten Geschmacks aus Nischenhausen, die frei nach dem Spruch "Wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat" mittlerweile ihren Alphaweibchen-männchen-Platz in der "eigenen Gesellschaft" eingenommen haben. Mit Hilfe der Mutterlärmmusik erinnern sie sich an die gute, alte Twilight-Zone.An eine Zeit, als ihre Widerstandskraft größer war als der Wille zum Erfolg, als man Borderline-Syndrom noch nicht bei Wikepedia googlen konnte, weil es einfach noch gar keine Suchmaschinen gab. Eine Zeit in der man von A nach B getrampt ist, auf den Strassen des kalten Kriegs, in dem Bewusstsein, dass einem der ganze Laden gleich um die Ohren fliegt. "Warum hat man nicht die Größe / einmal wirklich klein zu sein / nicht die Krönung / Nur das eigene Mittelmaß / alles kann gar nichts muss " singen Mutter in ihrer "Wohlstandspsychatrie" noch heute.Dass Schlagzeuger Koerner von Gustorf seit Jahren erfolgreicher Filmproduzent ist und vom finanziellen Gesichtspunkt aus alle 99 Kaltnadelradierungen problemlos hätte selbst aufkaufen können, darum geht es bei Mutter nicht. Es geht vielmehr um unser aller Teilnahme und wiederum auch Nichtteilnahme an den Ölbohrlecks, Technototen und Twitter-Kriegen: Als Macher oder Verweigerungspunk, als Kenner oder Halbwissenheitsfanatiker.Mutter vereinigen das alles in ihrem einzigartigen Gebräu aus Lärm, Ordnung und Pause und kommen somit der Wirklichkeit in der Wurstfabrik des Seins näher, als jeder Electro-DJ dieser Welt. Und Max Müller liefert den Plausch zur Butterbrotpause mit den Kollegen, wenn das Fließband gerade mal für 15 Minuten stillsteht. "Mach doch einfach / Denk nicht immer ständig darüber nach / wer oder was gesagt hat / Dass man das heute mag / Mach doch einfach / red nicht darüber / verlier keine Zeit."Wenn man Müller fast teilnahmslos und in sich gekehrt auf der Bühne singen sieht, dann würde man ihn am liebsten sofort umarmen, weil es diese Herzlichkeit so einfach kaum mehr gibt. Vielleicht tritt hier auch nur ein Mensch auf die Bretter, die für die meisten die Welt bedeuten - ihm aber bedeuten sie womöglich nicht mehr, als die Dielen seiner Wohnung.Trinken Singen Schießen ist bei "Die eigene Gesellschaft" erschienen.