Nach 26 Jahren schließt das Linientreu. Ein Abschiedsbesuch in der New-Wave-Legende: Genieß die Stille

Der Dave wird wohl auch mal hier gewesen sein, heißt es im Linientreu. Dave Gahan, Sänger von Depeche Mode, David Bowie und sein Berliner WG-Mitbewohner, der Iggy - alle sollen im Linientreu gefeiert haben. Solche Gerüchte halten sich hartnäckig. "Aber dass die hier Stammgäste waren, das ist natürlich Käse", sagt Geschäftsführer Karsten. Kein Nachname, "Karsten aus'm Treu", das muss reichen.Das Linientreu - "Treu" sagen alle, die man dort trifft - ist eine Westberliner Legende. Vor 26 Jahren machte der Club auf, wurde zum Szeneladen, hielt sich zuletzt mit Böhse-Onkelz-Partys über Wasser. Nach diesem Wochenende gehen im Linientreu endgültig die Schwarzlichtröhren aus. Der Mietvertrag läuft aus, das Haus in der Budapester Straße wird grundsaniert. Die neue Miete werden die Linientreu-Besitzer nicht zahlen können.Ein Besuch im Linientreu ist wie eine Zeitreise. Dunkel ist es. Über dem Markenzeichen, der kreisrunden Tanzfläche mit den Sitzbänken drum herum, dreht sich eine Discokugel. Die Nebelmaschine zischt, Laserstrahlen zucken über abgewetzte Tische und aufgeplatzte Lederhocker. Und dann natürlich das Schwarzlicht, das jeden Fussel auf dem Outfit leuchten lässt. Zu hämmernden Industrial-Beats der achtziger Jahre tanzen noch immer die gleichen Leute, nur zwanzig Jahre älter."Das Treu war meine Jugend, auch wenn die jetzt vorbei ist." Das sagt DJ Micha, 43 Jahre alt, die Haare trägt er immer noch wie der Sänger von Erasure: blond, nach oben, kurz an den Seiten. Micha ist irgendwie erleichtert, dass es vorbei ist. Seit mehr als zehn Jahren legt er jeden Sonnabend zur Depeche-Mode-Party auf, und das bedeutet Stress, schließlich hat er mittlerweile Familie und eine Plakat-Firma. DJ Micha ist in den Achtzigern selbst ins Treu gegangen. Sein Bruder hatte ihm erzählt, dass er in dem Club mit dem Depeche-Mode-Gitarristen Bier getrunken hatte. Anderthalb Jahre lang hatte die Band damals in Berlin gewohnt. Micha musste ins Linientreu. Depeche Mode, Erasure, Joy Division, das waren seine Idole, weil die Musik so anders war. Nicht dieser Discofox-Kram, sondern Underground, Subkultur, ein Lebensgefühl. Das Linientreu war im West-Berlin der achtziger Jahre das Mekka für Leute wie Micha. Damals, als der Kudamm noch der Ort war, wo alles passierte. "Wenn du nicht auf dem Kudamm warst, hast du was verpasst", erinnert sich Geschäftsführer Karsten und weiß, wie schwer das heute nachzuvollziehen ist.Als 1989 die Mauer fiel, änderte sich das schnell, die wichtigen Clubs lagen bald im Osten. Auch das Linientreu versuchte es mit Techno statt IBM und Rockabilly. Eine Weile ging das gut. Ende der neunziger Jahre kam das Achtziger-Revival und das Linientreu besann sich auf seine Wurzeln. Trotzdem, die guten Zeiten waren vorbei. Irgendwann öffnete der Club nur noch am Wochenende, 2001 machte er ganz dicht, dann wieder auf. Aber es wurde nichts mehr renoviert - auch musikalisch nicht. Freitags Techno, sonnabends Depeche Mode. Richtig voll wurde es, wenn alle zwei Monate Böhse-Onkelz-Nacht war. In den ersten dieser Nächte stand noch die Kripo vor der Tür. Oder gleich die Antifa. Aber zum Feiern kamen "nur ganz normale Leute", wie Karsten sagt.DJ Micha steht auf seiner letzten Depeche-Mode-Party und legt sein Lieblingsstück auf: "Enjoy the Silence". Genieß die Stille. Auf der Tanzfläche lassen ein paar Mittvierzigerinnen ihre Hüften in Jeans mit Glitzerapplikationen kreisen. "Das war immer wie eine große Familie hier", sagt Micha. Jedes Wochenende schmiss Micha sich früher in weiße Jeans, schwarze Doc Martens und eine schwarze Lederjacke. "So eine englische Fliegerjacke. Die wurde nie ausgezogen, egal wie heiß es war", sagt er. Die weißen Jeans sind geblieben, aber heute trägt er Turnschuhe, weil er als DJ so viel stehen muss. Zur Abschiedsparty will Micha vielleicht seine 18-jährige Tochter mitbringen.Linientreu: Budapester Str. 42, Freitag und Sonnabend ab 22 Uhr Abschiedsparty, Eintritt 10 EuroIm Internet: www.linientreu-berlin.de------------------------------Foto: Dave Gahan von Depeche Mode soll auch im Linientreu getanzt haben, erzählt man sich.------------------------------Foto: Grüne Welle: Berühmt war das Linientreu für seine Depeche-Mode-Parties.