Nach 37 Jahren gehen im Kraftwerk Lübbenau die Öfen für immer aus: Wenn ein Stromgigant stirbt

Dicke weiße Dampfwolken schweben über der Spreewaldstadt Lübbenau. Drei 140 Meter hohe Riesen speien sie unentwegt in die Luft. Doch die wolkigen Tage sind gezählt, auch die der riesigen Schornsteine. Am 30. Juni geht ihnen endgültig der Dampf aus. Dann wird das Kraftwerk stillgelegt.Die Einweihung vor 37 Jahren war mit Pauken, Trompeten und großem Parteiaufgebot gefeiert worden. Schließlich sollte das Kraftwerk der DDR-Energieproduktion Dampf machen. Außerdem waren die führenden SED-Genossen stolz darauf, mit Lübbenau Europas größtes Dampfkraftwerk zu besitzen. Jährlich wurden hier rund neun Milliarden Kilowattstunden (Berlin verbraucht jährlich gut 13 Milliarden) Strom erzeugt. Rund 400 Millionen Tonnen Braunkohle wurden in all den Jahren durch die Öfen gejagt.Längst ist die Größe vom Werk gewichen und damit auch der Stolz der verbleibenden Arbeiter. Manch Kraftwerker muß jetzt das Feuer löschen, das er einst selbst mit entfacht hat. 5 000 Arbeitsplätze Rund 5 000 Menschen gab das Werk einmal Arbeit. Heute sind es noch 370. Einer von ihnen ist Elektriker Hans-Jürgen Fröschke. Der 51jährige mag an den bevorstehenden "schwarzen Freitag", der ein Sonntag ist, gar nicht denken. 36 Jahre lang hat er im Kraftwerk gearbeitet. "Und nicht einen Tag bin ich krank gewesen", sagt er nicht ganz ohne Stolz. Doch jetzt macht ihn das Aus des Werkes krank. "Bis zur Rente wollte ich hier arbeiten", meint er nachdenklich. "Nie im Leben hätte ich daran gedacht, daß es einmal so enden würde, daß ich arbeitslos werde." Die Stillegung des Werkes - so richtig kann Schichtleiter Fröschke das nicht verstehen: "Alles läuft störungsfrei. Nach der Wende sind neue Elektrofilter für etliche Millionen Mark nachgerüstet worden, um den Dreck, der aus den Schornsteinen gepustet wurde, einzudämmen." Und irgendwie wird er den Gedanken nicht los, daß die ostdeutsche Energieindustrie einfach nur plattgemacht werden soll.Seine Frau Irmgard war rund 30 Jahre im Werk tätig, hat sich hier und in Lübbenau immer wohl gefühlt. "Hier gab es nicht nur gutes Geld für gute Arbeit, hier gab es auch eine Wohnung. Und das war damals schon was", erzählt sie. Neue Angebote 7 000 Wohnungen sind zu DDR-Zeiten in Lübbenau für die Kraftwerker und auch für die Braunkohlenkumpel der umliegenden Tagebaue gebaut worden. Und so zog es viele in das Spreewaldstädtchen. Unter ihnen war auch Maschinistin Bärbel Gaul. Die 53jährige fühlt sich aufs Abstellgleis geschoben. "Wer nimmt uns denn in diesem Alter noch", fragt sie wütend. "Abfindung? Mit der werde ich wohl bis zur Rente leben müssen."Der Technische Leiter des Werkes Detlef Witt aber ist überzeugt: "Die Stillegung des Kraftwerkes ist überaus sozialverträglich." Der 55jährige verweist auf Abfindungen (bis zu 100 000 Mark), Vorruhestandsregelungen, Umschulungen und Arbeitsplatzangebote in sich neu ansiedelnden Firmen. So wurden schon 75 Kraftwerker ins Gipskartonwerk "Lafarge", 85 in ein neues Logistikzentrum und rund 100 ins neue Kraftwerk Schwarze Pumpe vermittelt.Detlef Witt: "Mit 37 Jahren ist das Kraftwerk Lübbenau mit seiner Kraft am Ende. Es ist zu unwirtschaftlich. Eine Sanierung würde Milliarden verschlingen." Aber auch sein Strom wird nicht mehr gebraucht. Viele Großabnehmer wie die Chemiebetriebe in Leuna, Buna, Bitterfeld gibt es nicht mehr. Jede größere Stadt hat mittlerweile ein eigenes Kraftwerk. Auf Sparflamme Und so fährt Lübbenau seine Energieerzeugung schon seit der Wende auf Sparflamme. Im letzten Jahr wurden nur noch rund fünf Millionen Tonnen Kohle zu Strom. Zu DDR-Zeiten waren es immerhin stolze zehn bis zwölf Millionen Tonnen "braunes Gold". +++