Vor Amtsantritt des derzeitigen Kultursenators plauderte Bernd Mehlitz einmal freimütig über den Satz: "Der Verwaltung ist es egal, wer unter ihr regiert. " Er sagte so dies und jenes über die Formulierung, leider sei sie nicht von ihm gemünzt, wohl aber auf ihn. Auf die Frage: Und ist es der Verwaltung nun tatsächlich egal? antwortete er listig: "Nein, nein, egal ist es nicht. " Es ist also von Belang, ob der Verwalter einen brauchbaren Senator bekommt, den er regieren kann, oder einen widerspenstigen. Der Beamte Bernd Mehlitz, in den letzten zehn Jahren Abteilungsleiter Bühnen, der oberste Verwalter der Berliner Theater, Opern und Orchester, hat seine Macht so verinnerlicht, dass die Frage des "Wer regiert wen?" für ihn nicht mehr stand. Die Macht war da, wo er war.Wenn das so ist, muss es in der Berliner Kultur ab sofort ein Vakuum geben. Bernd Mehlitz, 63, geht heute nach 43 Dienstjahren zum letzten Mal zur Arbeit. Tatsächlich ist kein Nachfolger für ihn in Sicht, ein Findungsverfahren musste ergebnislos abgebrochen werden. Es wurde niemand aufgespürt, der diesen Platz mit der gebotenen Qualifikation ausfüllen könnte. Mehlitz gilt als der virtuelle Generalintendant der Berliner Bühnen. Viele Künstler und Kulturarbeiter der Stadt sind überzeugt, dass er die Fäden in der Hand hält, den Kurs in der Kulturpolitik vorgibt. Senatoren kommen und gehen, die Verwaltung bleibt.Senator Dieter Sauberzweig holte Mehlitz 1979 aus dem Finanzressort in die Kultur, wo er als Rockbeauftragter des Senats in den 80er-Jahren populär wurde. Damals trug er eine schwarze Lederjacke, ließ Barclay James Harvest vor dem Reichstag aufspielen, richtete Wettbewerbe im Quartier Latin aus und verteilte jährlich 275 000 Mark Fördermittel an Bands. Das war ein so sonderbarer Vorgang, die Neue Deutsche Welle so erfolgreich, dass der Beamte von allen Medien wahrgenommen wurde, auch von kanadischen, australischen und finnischen. Udo Lindenberg erschien in seinem Büro und suchte dort Texte.1988, als West-Berlin unmittelbar im Anschluss an die 750-Jahr-Feier Kulturhauptstadt Europas wurde und der ehrgeizige Kultursenator Hassemer das fast ganzjährige Festival nicht an die Berliner Festspiele geben wollte, schlug Mehlitz große Stunde. Aus dem Sachbearbeiter für Rockmusik und freie Gruppen wurde ein Veranstalter, der mehrere Dutzend Millionen nicht nur zuwenden, sondern aktiv einsetzen musste. Die trägen, noch von den Jubiläumswirbeln übermüdeten Institutionen wurden mittels provisorisch gegründeter Büros, wie die "Werkstatt Berlin" der Nele Hertling, übertrumpft. In diesem einen Jahr, in dem die Verwaltung selber Kultur veranstaltete, wurde Mehlitz der Macher, der er (fast) bis zum Schluss geblieben ist.Die Zeiten allerdings hatten sich geändert. Machen hieß jetzt schrumpfen. Nachdem Berlin verschmelzen sollte und alles doppelt hatte, Theater, Museen, Verwaltungen, nur nicht die doppelte Geldmenge, verschärften sich die Verteilungskämpfe. In der Verwaltung mussten Ost- und West-Berliner zusammenziehen, bevor Personal reduziert wurde. Viele West-Angestellte wollten keine Ostler in ihren Büros sitzen haben. Die sind euch also zu angepasst, wies Mehlitz seine Kollegen zurecht: Wir an ihrer Stelle wären natürlich alle Widerstandskämpfer geworden! Der Neuköllner Mehlitz gilt in der Verwaltung bis heute als Vereinigungsbeschleuniger und Freund des Ostens. Er selbst sieht sich als Teil des alten West-Berlins, nicht aber seines Filzes.Bernd Mehlitz hat Kulturpolitik selbst gesteuert - Verträge verhandelt, Intendanten ausgesucht, mit der Finanzbehörde gefeilscht. Er kennt die Vorgänge, ihre Akteure und immer alle Hintergründe. Er hat Wissen angehäuft - Herrschaftswissen, wie neue Senatoren grimmig spürten. Sie taten sicher gut daran, diesem Wissen nicht nur mit Respekt zu begegnen, wenn sie vorhatten, die Dinge selbst zu kontrollieren. Bernd Mehlitz sagt: "Misstrauen ist normal, jeder Senator hat Angst, manipuliert zu werden. " Umgekehrt müsse sich aber der Senator darauf verlassen können, "dass ich seine Entscheidungen mittrage, die ich intern kritisiert habe. Ich bin nicht intrigant. " Mehlitz dürfte sowohl als weitsichtiger Berater wie auch als geschickter Manipulator der Senatoren in Erscheinung getreten sein. Hat er Entscheidungen, vier Berliner Theater seit der Wende zu schließen, lanciert? Was ist mit den Fehlbesetzungen wie Kollo im Metropol und Ottenthal im Theater des Westens? Wie fiel die Entscheidung für das tra-gische Duo Zimmermann/ Thielemann in der Deutschen Oper? Ist Homoki nicht ein Risiko für die Komische Oper? Läuft die Opernreform in die richtige Bahn?Mehlitz ist zu sehr graue Eminenz, als dass er hier klare Antworten gäbe. Er ist stolz darauf, dass seine Personalpolitik nie in der Öffentlichkeit zerredet wurde, dass Dissonanzen mit den Senatoren nicht bekannt wurden. Doch bewertet er zumindest die Schließung der beiden Unterhaltungstheater als Misserfolg: "Das war so nicht geplant. " Und, muss man ergänzen, das wäre ohne die Fehlbesetzung der Spitze auch nicht möglich geworden. Dafür, sagt Mehlitz, sei die Rettung eines anderen Hauses gelungen. Es war nach der Wende ein Abwicklungstitel und hatte keine Freunde in der Regierung - der Friedrichstadtpalast. Auch die Verpflichtung Barenboims geht auf eine Idee von Mehlitz zurück.Die Ernennung von Direktoren und Intendanten war in Berlin immer ein heikler Punkt. Er sei auch oft enttäuscht worden, sagt Mehlitz, aber bitte, es gebe hier nicht das Mittel der Probezeit und er habe auch nicht "Intendantenfindung" studiert. Zu seinen Ratgebern zählte der Beamte Künstler von internationalem Renommee, aber auch deren Empfehlungen seien kaum frei von eigenen Interessen. So hätten sie dafür gesorgt, dass Nachwuchs an der Oper sich nicht profilieren konnte.Warum aber geht Mehlitz jetzt in den Ruhestand, zwei Jahre vor dem Pensionsalter? Es heißt, das habe auch mit der Inkompetenz der vormaligen Staatssekretärin zu tun, seiner unmittelbaren Vorgesetzten, vielleicht auch mit dem eigensinnigen Senator. Mehlitz selbst sagt: Ich habe rechtzeitig loslassen wollen. Die zwei Jahre, die noch fehlen, habe er längst herausgearbeitet mit seinen nie gezählten Überstunden. Sein Vater war 64, als er zu seiner Frau sagte: Deine Nudeln waren köstlich. Dann fiel er um und war tot.Bernd Mehlitz aber will noch etwas erleben. Denn in 43 Jahren sei aus ihm nie ein richtiger Beamter geworden, behauptet er. "Eigentlich war ich immer auf der Flucht vor der Verwaltung. " Er hatte Kunst studieren wollen, aber musste nach väterlicher Vorgabe etwas Ordentliches lernen. Nun, er ist vielleicht ein paar Jahre zu lange am Ordentlichen hängen geblieben, aber selbst seine Kollegen sagen, er sei das Gegenteil von einem Apparatschik. So sehe er immer erst das Personal, dann die Struktur. Jetzt will er noch mal sehen, was er für Talente hat. Als Erstes geht er zwei Monate in die Türkei zu einem befreundeten Maler, mit dem will er arbeiten."Eigentlich war ich immer auf der Flucht vor der Verwaltung. " B. Mehlitz.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Bernd Mehlitz, Abteilungsleiter Bühnen in der Senatskulturverwaltung Berlin.